Oscar-Gewinner "In einer besseren Welt" Racheengel in Dänemark

Wo beginnt Gewalt, wie lässt sie sich beenden? Susanne Biers bewegendes Drama "In einer besseren Welt" wirft die Frage nach individueller Schuld im Angesicht grausamer Provokationen auf. Eine Antwort bietet die dänische Star-Regisseurin nicht - aber einen versöhnlichen Ausblick.

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Es ist ein feiner Seidenstoff, den Christian auf seinem Bett ausbreitet. Beigefarben mit braunen Punkten, auf der anderen Seite das Muster im Negativ. In das Stoffquadrat schlägt er drei Metallzylinder ein, die er zuvor abwechselnd mit Schwarzpulver und Schrauben gefüllt hat. Dann verstaut er das Paket in seinem Rucksack und geht durch weite Flure in die ausladende Küche des Landsitzes zu seinem Vater. Doch er wirft nur einen kurzen Blick auf die gekrümmte Gestalt, die ihm den Rücken zugewandt hat. Dann verlässt der Zehnjährige das Haus.

Gewalt hat in Susanne Biers Film "In einer besseren Welt" keinen Anfang und kein Ende. Sie ist an keinen Ort gebunden und an keine Schicht. Gleichzeitig ist sie keine ungezähmte Kraft. Stärker als in ihren bisherigen Filmen beschäftigt sich Bier diesmal mit der Frage nach der individuellen Schuld. Ihr Dogma-Film "Open Hearts - Für immer und ewig" oder ihre US-Produktion "Eine neue Chance" kreisten um das Thema Schicksal und die grausamen Folgen, die auch kleinste Fehler haben können. Sie zeigten Menschen in so komplexen moralischen Dilemmata, dass die Filme eine ganz eigene Mischung aus Ohnmachtsgefühlen und Mitleid in den Zuschauern erzeugten.

"In einer besseren Welt" stellt sein Publikum vor eine andere Herausforderung: Bier und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen ("Mifune", "Adams Äpfel") lassen ihre Figuren weitreichende Entscheidungen treffen - mehr als einmal über Leben und Tod. Und überlassen es gleichsam den Zuschauern, über die Figuren zu richten.

Nach dem Krebstod seiner Mutter ist Christian (William Jøhnk Nielsen) zusammen mit dem Vater von London zurück in die dänische Provinz gezogen. Noch am ersten Schultag in der neuen Schule kriegt er Ärger mit seinen Mitschülern. Er wird Zeuge, wie ein Mob den gleichaltrigen Elias (Markus Rygaard) bedrängt - Rattengesicht und schwule Sau nennen sie ihn. Christian verteidigt ihn mit markigen Worten, weshalb ihm der Anführer des Mobs einen Basketball ins Gesicht wirft. Während ihm das Blut aus der Nase schießt, reift in Christian bereits ein grausamer Racheplan.

Ist der Vater ein Feigling, wenn er nicht zurückschlägt?

Wie die Jungen mit Gewalt umgehen, schneidet "In einer besseren Welt" mit den Erfahrungen ihrer Väter gegen. Deren Probleme - und vermeintliche Lösungen - sind aber kein Spiegelbild, denn der Film verortet Gewalt nicht in Strukturen, sondern in individuellen Erfahrungen. So ist Christians Vater Claus (Ulrich Thomsen, "Das Fest") vom Verlust seiner Frau wie gelähmt. Den Sohn bringt er bei der eigenen Mutter auf dem Land unter, während er selbst zum Arbeiten nach London entschwindet. Am Wochenende sucht er dann die Reste seiner Familie wie ein Geist heim.

Elias' Vater Anton (Mikael Persbrandt, "Kommissar Beck") strotzt dagegen vor Kraft. In einem kenianischen Flüchtlingslager leistet der Arzt medizinische Grundversorgung und verbreitet bei aller Not Zuversicht. Zuhause in Dänemark unternimmt er mit seinen Söhnen Kanutouren und lässt Drachen steigen, während er sich gleichzeitig um seine zerrüttete Ehe kümmert. Tatendrang und Optimismus schützen jedoch auch ihn vor Gewalt nicht: Vor den Augen von Christian und Elias wird er von einem anderen Vater wegen einer Nichtigkeit erst angepöbelt, dann geschlagen. Anton entscheidet sich gegen Rache - und steht für die Jungen plötzlich als Feigling da. Haben sie nicht eine viel bessere, wirksamere Antwort auf das Unrecht gefunden?

Über weite Strecken des Films trägt die offene Erzählweise, die das Geschehen in Dänemark und Kenia schlüssig verwebt. Erst zum Ende hin drängt es Susanne Bier zu Auflösung und Versöhnung. Gerade diese Wendung dürfte den internationalen Erfolg des Films ausmachen - neben dem Golden Globe gewann er in diesem Jahr auch den Oscar als bester ausländischer Film. Bier wagt keine größeren Experimente. Sie variiert ihre Version des Gefühlsdramas und erweitert es behutsam wie bei "Nach der Hochzeit" oder eben jetzt bei "In einer besseren Welt" um globale Fragestellungen wie die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe. Zusammen mit ihrer vorsichtigen Neigung zum Optimismus öffnet das Biers Filme für ein größeres Publikum.

Damit hängt Bier ihre ehemaligen Dogma-Kollegen Lars von Trier und Thomas Vinterberg kommerziell ab, wirkt aber gleichzeitig berechenbarer als sie. Ein verstörendes Sozialdrama wie Vinterbergs letzter Film "Submarino" - der so umstritten war, dass er in Deutschland erst gar nicht in die Kinos kam - ist von Bier nicht zu erwarten. Ihre Stärke ist die Schauspielerführung, und die gelingt ihr zusammen mit ihrem Stamm-Cinematografen Morten Søborg meisterlich. Søborgs Kamera inszeniert das durchgehend starke Ensemble überaus sinnlich. Sie fängt Körperhaare, Falten und von Sonne gespannte Haut des überzeugenden Ensembles ein, auf dass man als Zuschauerin zu rätseln beginnt, welche Erfahrungen sich in die Körper der Figuren eingeschrieben haben.

In der deutschen Filmfassung ist der Filmgenuss allerdings eingeschränkt. Den Zuschauern werden weder Passagen auf Schwedisch noch auf Englisch zugemutet, sondern es wird alles in akzentfreies Deutsch übertragen. Das macht einen Streit zwischen dem Schweden Anton und dem dänischen Automechaniker Lars verwirrend, da hier die Aussprache eine wichtige Rolle spielt. Außerdem verliert sich mit den verschiedenen Sprachen auch eine Ebene, auf der die physische und emotionale Isolation der jeweiligen Figuren noch deutlicher wird. Wenn möglich, sollte man sich deshalb "In einer besseren Welt" im Original mit Untertiteln ansehen.



insgesamt 2 Beiträge
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Das Auge des Betrachters 17.03.2011
1. PC Machwerk
Reines PC Machwerk, brav mit einem Preis geadelt. Anschauen und feststellen, dass Thema und Personen nicht zusammenpassen.
gemamundi 17.03.2011
2. Ehrlich und offen gelacht und geweint in diesem Film !!
Zitat von sysopWo beginnt Gewalt, wie lässt sie sich beenden? Susanne Biers bewegendes Drama "In einer besseren Welt" wirft die Frage nach individueller Schuld im Angesicht grausamer Provokationen auf. Eine Antwort bietet die dänische Star-Regisseurin nicht -*aber einen versöhnlichen Ausblick. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,751029,00.html
Lange,wirklich lange nicht mehr hab ich während eines Films so offen,ehrlich und direkt gelacht und geweint wie in diesem Film !! Glaube,das der - nur von einigen wenigen - Kritikern unterschätzt wird. Gehört für mich schon heute zu den GROSSEN KINOERLEBNISSEN - KULTFILM JETZT !! ;-))
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