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Oscar-Kandidat "Ajami": Strudel der Gewalt

Foto: Neue Visionen

Oscar-Kandidat "Ajami" Blutrache unter Kleingangstern

Keine Chance, für niemanden: Der israelische Oscar-Kandidat "Ajami" zeigt den brutalen Bandenkrieg arabischer Gangster in Tel Aviv. Der Film wirkt ungewöhnlich glaubwürdig - wohl vor allem, weil die Hauptrollen mit Laien besetzt sind, die selbst aus diesem düsteren Milieu stammen.

Es beginnt mit einer Verwechslung. In Jaffa, dem alten, arabischen Teil von Tel Aviv, wird ein Junge erschossen - seine Mörder halten ihn für den Anhänger eines Clans, mit dem sie eine Blutfehde austragen. Mit dem Tod des unschuldigen Teenagers beginnt ein Strudel der Gewalt, vor dem sich im diesjährigen israelischen Oscar-Beitrag "Ajami" keiner retten kann: Nicht die israelisch-arabischen Jugendlichen, die im gleichnamigen Viertel in die Kriminalität abrutschen. Nicht ihre Familien, die aufgerieben werden zwischen religiösen, sozialen und politischen Konflikten. Nicht die jüdisch-israelischen Polizisten, die hier Dienst schieben.

Ein bisschen wirkt "Ajami" daher wie eine nahöstliche Version des brasilianischen Favela-Epos' "City of God": Niemand bekommt eine Chance; was schief gehen kann, geht schief. Zudem dürfte "Ajami" im vergangenen Jahr wohl vor allem deswegen zahlreiche Publikums- und Kritikerpreise geholt haben - in Cannes gewann er die Camera d'Or für den besten Erstlingsfilm - , weil er nicht nur authentisch wirkt, sondern es in großen Teilen ist.

Geschrieben hat den Film Scandar Copti. Der israelische Araber ist in Ajami aufgewachsen. Das Viertel liegt wenige Kilometer südlich des Stadtzentrums, direkt am Mittelmeer. Einstmals war es eine relativ gute Wohnlage, später verkam es zusehends. Das Drehbuch basiert auf seinen Erlebnissen, die er zu einem verstörenden Drama verdichtet hat.

Auf der Abschussliste eines feindlichen Clans

Zusammen mit seinem israelisch-jüdischen Regiekollegen Yaron Schani fällte Copti die Entscheidung, die "Ajami" prägt: Die Hauptrollen sind mit Laien besetzt, die selbst aus dem Milieu stammen, das der Film zeigt. Und so wirkt das Werk, das in Israel unerwartet zum Kassenschlager wurde, fast wie ein Dokumentarfilm. Als hätten seine Macher einen Blick in das echte Leben der etwa 1,5 Millionen, israelische Araber genannten, Palästinenser mit israelischem Pass geworfen. Die große Stärke des Films ist dabei, dass er abbildet, nicht richtet. Politik steht nicht im Mittelpunkt, als Ursache der beleuchteten Probleme ist sie dennoch allgegenwärtig.

"Der Film zeigt die Wirklichkeit, in der wir jeden Tag leben", sagt Schahir Kabaha. Der 25-Jährige spielt in "Ajami" die Hauptrolle: den 19-jährigen Omar, der auf der Abschussliste eines feindlichen Beduinen-Clans steht und einen großen Batzen Geld beschaffen muss, um sich von der Blutrache freizukaufen. Im echten Leben verkauft Kabaha Croissants in der Bäckerei seiner Eltern. Den Stadtteil Ajami kennt er ganz genau, er beginnt gleich hinter der Backstube. "Bei uns kann man sehen, was passiert, wenn die israelischen Behörden einen arabischen Stadtteil jahrelang vernachlässigen", sagt Kabaha. Dann breite sich die Kriminalität aus wie ein Krebsgeschwür. Die darunter leidende Bevölkerung habe keine Möglichkeit, Hilfe zu bekommen. "Die israelische Polizei ist Arabern gegenüber voreingenommen. Und wer sich trotzdem an sie wendet, gilt seinen Nachbarn als Verräter."

Auch Kabaha wäre fast in den Sumpf aus Kleinkriminalität hineingezogen worden, in dem viele Freunde aus Kindertagen versackt sind: "Meine Familie hat mich an den Haaren zurückgehalten." Seine Eltern konnten es sich leisten, ihn auf die beste Privatschule des Viertels zu schicken. Andere Jugendliche, die auf staatliche Schulen gingen, hatten kaum eine Chance auf eine Ausbildung, einen Job, versuchten sich als Dealer oder Autoknacker und landeten im Gefängnis. Auch im Film sind es die Familien, die inmitten aller Tristesse Inseln des Glücks darstellen.

Sofort zum Angriff übergehen

Eines der größten Probleme des realen Ajami wird im Film nur angerissen: In einer kurzen Szene kommt es zu einem Mord, als ein zugezogener jüdischer Israeli sich über nächtlichen Lärm beschwert. Tatsächlich ist der lange Zeit verpönte Stadtteil in den vergangenen Jahren zum Trendviertel geworden - Gentrifikation auf israelisch. Bei einem Spaziergang durch das Viertel passiert man Baustelle um Baustelle: Hier werden Villen für Wohlhabende hochgezogen. Das hat Folgen: Mieten und Immobilienpreise steigen. "Familien, die seit Generationen hier leben, können sich plötzlich nicht mehr leisten, hier zu wohnen", sagt Kabaha.

"Ajami" ist ein komplexer, elliptischer Film, die verschiedenen Erzählstränge laufen erst ganz zum Schluss zusammen. Auch Kabaha und seine Kollegen wussten bis zum Schluss nicht, wie der Film enden würde: "Wie sich alles zusammensetzt, haben wir erst bei der Uraufführung bei einem israelischen Festival verstanden." Keiner der Laiendarsteller bekam während der Dreharbeiten ein Script zu sehen, die Regisseure wiesen das Team nur grob in die zu spielenden Szenen ein und ließen es dann gewähren. "Wir reden alle, wie uns die Schnauze gewachsen ist, Arabisch, Hebräisch oder eine Mischung aus beidem", sagt Kabaha. Er, der den Produzenten des Films von der Leiterin seiner ehemaligen Schultheatergruppe empfohlen wurde, ist überzeugt, dass nur ein Einwohner Jaffas die Mentalität der Einheimischen richtig darstellen kann. "Die Leute hier sind gerissen und vorsichtig. Wir leben in der Gewissheit, dass schlimme Dinge passieren können und gehen sofort zum Angriff über, wenn Gefahr im Verzug ist."

In Israel wurde der Film von den meisten Kritikern hymnisch gefeiert - nur die allerwenigsten störten sich daran, dass das Land bei den Academy Awards von einem Film repräsentiert wird, in dem hauptsächlich Arabisch gesprochen wird, in dem auch die Filmmusik fast ausschließlich arabisch ist.

Noch nie habe ein israelischer Film so mutig den Schlamm gezeigt, in dem die israelische Gesellschaft versinke, schrieb etwa Avirama Golan in der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz". Der Film sei zu einem Zeitpunkt für die Oscars ausgewählt worden, an dem "ein böser Geist" stärker werde und Israels arabische Bürger in eine dunkle Ecke gestoßen würden. Und so endet "Ajami" mit einem Aufschrei: "Öffne deine Augen!" - dann läuft der Abspann, in Arabisch und Hebräisch. Beide Sprachen stehen gleichberechtigt nebeneinander.