Oscar-Kandidat "An Education" Verführung für Anfänger

Ein gebrochenes Herz kann ein Glücksfall sein! In dem charmanten Filmdrama "An Education" von Drehbuchautor Nick Hornby verknallt sich ein cleveres Mädchen in einen älteren Betrüger - und die reizende Hauptdarstellerin Carey Mulligan streift ihre Rolle über wie ein luftiges Seidenkleid.

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"An Education": Die milden Sechziger

Wann hat man seinen Platz im Leben gefunden? Vielleicht, wenn man von den Menschen und den Dingen umgeben ist, die einem etwas bedeuten. Die 16-jährige Jenny sieht sich an diesen Platz katapultiert, als sie im Großbritannien der frühen Sechziger David begegnet. Der Mittdreißiger kennt die richtigen Leute und fährt die schönen Autos, er nimmt Jenny mit auf Kunstauktionen und küsst sie mit geschlossenen Augen. Staunend verfolgen Eltern, Lehrerinnen und Mitschülerinnen die Verwandlung: Eben noch galten Jennys Anstrengungen einem Studienplatz in Oxford, jetzt nimmt sie Bestellungen auf, welche Parfums sie aus Paris mitbringen soll. Da Jenny aber ein überaus schlaues Mädchen ist, wagt kaum einer seine Zweifel anzubringen. Wenn sie zwischen Cocktails und Chanel No. 5, zwischen Kunstkennern und Musikliebhabern glücklich ist - das muss dann wohl ihr Platz im Leben sein. Oder?

Jennys Geschichte ist eigentlich die Geschichte der britischen Starjournalistin Lynn Barber. Für ihre robuste Art und ihre konfrontativen Interviews bekannt, überraschte Barber die Leser, als sie 2003 im Literaturmagazin "Granta" eine kurze Geschichte über ihren ersten Freund veröffentlichte. Aber passend für eine Frau, die den Spitznamen "Dämon" trägt, waren es keine zarten Erinnerungen an einst große Gefühle: Es waren unsentimentale Zeilen über ein naives Mädchen, einen kaltherzigen Betrüger und einen ignoranten Vater, der seine Tochter nicht genügend vor dem Betrüger schützte. (Hier in einer überarbeiteten Version nachzulesen.)

Trotzdem erhielt Barber kurze Zeit später einen Anruf von der US-Filmproduzentin Amanda Posey: Sie würde die Geschichte gern verfilmen, und einen geeigneten Drehbuchautoren wüsste sie auch schon. Es war ihr damaliger Freund, nun Ehemann, Nick Hornby. Für sein Drehbuch zu Lynn Barbers Geschichte ist er jetzt für einen Oscar nominiert worden - ebenso wie der resultierende Film "An Education" und seine Hauptdarstellerin Carey Mulligan. Manchmal kann ein gebrochenes Herz für erstaunliche viele happy endings sorgen.

Was nicht im Flughafenhotel passierte

Das größte Glück des Films ist sicherlich Carey Mulligan: Die 24-jährige Engländerin, die bislang vor allem in heimischen Fernsehproduktionen zu sehen war, hat hier die Rolle ihres Lebens gefunden - wie ein luftiges Seidenkleid streift sie sich die Jenny über und trägt sie mit dem größten Vergnügen zur Schau. Ständig lachen ihre Augen und werfen ihre Wangen Grübchen. "Wenn irgendjemand glauben möchte", hat Lynn Barber über den Film geschrieben, "dass ich mit 16 Jahren so hübsch wie Carey Mulligan war - er ist herzlich dazu eingeladen".

Tatsächlich kriegt Mulligan in "An Education" nicht viel mehr zu tun, als zu lachen und bezaubernd auszusehen. Autor Nick Hornby und Regisseurin Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger") haben Barbers Geschichte die Kanten geschliffen und sie zu einem Reigen charmanter Sixties-Motive neu zusammengebaut. So verliert Jenny ihre Unschuld beispielsweise nicht in einem fürchterlichen Flughafenhotel am Rande von Heathrow, sondern auf einem stilvollen Trip nach Paris. David (Peter Sarsgaard) ist ein Betrüger der dackeläugigen Art. Und die Eltern werden im Film als ebenfalls vom Charme Davids Verführte entschuldigt.

Dass sich "An Education" trotzdem nicht in seiner Leichtfüßigkeit verliert, ist das große Verdienst seiner Nebendarsteller: Rosamunde Pike ("Die Another Day") und Dominic Cooper ("Mamma Mia") brillieren als Davids komplizenhaftes Freundespaar, das Jenny fast ebenso wie David selbst zum süßen Leben verführt. Ob man ihnen trauen darf, bleibt die längste Zeit offen. Olivia Williams glänzt zudem als Miss Stubbs, der nur auf den ersten Blick verhärmten Lehrerin von Jenny.

Die höhere Tochter und die Unterschichtlerin

Dennoch fällt immer wieder auf, mit welcher Vorsicht Hornby und Scherfig ihre Figuren durch ein Feld navigieren, das eigentlich stark vermint ist - schließlich verführt David eine Minderjährige und das mit dem stillen Einverständnis der Eltern. Am ehesten lässt sich das wohl damit erklären, dass "Coming-of-Age"-Filme mit weiblichen Protagonisten noch immer eine Seltenheit sind - jedenfalls im harmoniebedürftigen Mainstream. Dort dürfen bislang nur Jungen um ihre sexuelle und emotionale Emanzipation kämpfen.

Im jüngeren britischen Kino hingegen gibt es einige aufregende Ausnahmen: In "My Summer of Love" von Pawel Pawlikowksi verführt eine höhere Tochter aus purer Langeweile eine Unterschichtlerin - eine überraschende, aber gekonnte Verschränkung von sexuellem Erwachen und Klassenfrage. Großartig auch Andrea Arnolds "Fish Tank", der in Cannes 2009 den Regiepreis gewann, in Deutschland aber nur auf DVD erschien. Arnold erzählt fast dieselbe Geschichte wie "An Education", allerdings mit einem sehr aktuellen Dreh: Der ältere Mann, auf den sich ihre Heldin Mia einlässt, verspricht das Gegenteil von Weltläufigkeit: nämlich Geborgenheit, Fürsorge und elterliches Verantwortungsbewusstsein. Für die vernachlässigte Mia, die in einem Sozialbau aufwächst, ein unwiderstehliches Versprechen - das auf bestürzende Art gebrochen wird.

"An Education" ist im Vergleich zu diesen Filmen der bravste. Trotzdem fügt er deren komplexen Mädchenfiguren eine wichtige Variante hinzu: Er erzählt ganz unaufgeregt von weiblichem Wissensdurst und dem Dilemma, einem Umfeld intellektuell überlegen zu sein, das sich dies noch nicht einmal vorstellen kann. In der schönsten Szene betritt Jenny die Junggesellinnen-Wohnung ihrer Lehrerin Miss Stubbs. Überrascht betrachtet sie dieses Reich voller Bücher und Bilder. Wer mag, kann in dieser Wohnung Virginia Woolfs "Room of One's Own" erkennen: Das eigene Zimmer, das jede Frau zum Denken und Schreiben braucht.

Jenny erkennt darin ihren Platz im Leben.

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insgesamt 2 Beiträge
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p77a 17.02.2010
1. Mir wird schlecht!
Der Streifen ist über weite Strecken eine filmgewordene, bildungsbürgerlich-patriarchale Männerphantasie: Blutjunges, hübsches und intelligentes Ding aus einfachen Verhältnissen wird vom weltgewandten, reichen und (natürlich) erfahrenen Herrn in die Freuden der Welt eingeführt. Mit Geschenken, Reisen etc. wird das junge Ding samt ihrer Jungfräulichkeit gekauft. Mir ist phasenweise ganz schlecht geworden. Am Ende kriegt der Film zwar grade nochmal die Kurve, zwischendurch gibts auch ein paar Lacher und die Hauptdarstellerin spielt wirklich großartig - aber wie man diesen Film als "charmant" bezeichnen kann, ist mir ein Rätsel.
winter_1979 17.02.2010
2. Ganz meiner Meinung
Liebe Autorin, ich kann Ihren guten Willen nachvollziehen, allerdings bin ich selten so konträrer Meinung gewesen wie in diesem Fall. Ich sah den Film in den USA und muss gestehen, lange nicht mehr ein so spießiges und spießbürgerlich-affirmierendes Porträt vorgesetzt bekommen zu haben. Ganz zu schweigen von den deutlich antisemitischen Untertönen, die der miefigen Tortur auch noch etwas Bedrohliches hinzufügen. Es gibt allerdings (weniegr korrumpierte?) Portale wie critic.de und kino-zeit.de , die Gott sei Dank diesem Spiegel-Online-Bericht nicht folgen. Viele Grüße!
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