Oscar-Kandidat "Frost/Nixon" Um Kopf und Kragen

Die Rededuelle zwischen dem Journalisten David Frost und dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon sind legendär - aber sind sie auch guter Kino-Stoff? Und ob: "Frost/Nixon" ist eine durchweg spannende David-gegen-Goliath-Story.

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Die Idee ist absurd: Ein Film über ein Politikerinterview aus den siebziger Jahren, wer will das schon sehen? Doch absurde Ideen sind dem englischen Autor Peter Morgan nicht fremd, das weiß man spätestens seit seinem Drehbuch zu "The Queen", für das er sich kurzerhand ausgedacht hat, wie es wohl damals so zuging im britischen Königshaus, als Lady Diana starb. Unter der Regie von Stephen Frears wurde "The Queen" zu einem weltweiten Erfolg, der mehrfach für den Oscar nominiert war, auch für Morgans Drehbuch. Helen Mirren hat ihn als beste Darstellerin sogar bekommen.

Das Konzept zu "Frost/Nixon" hat sich Peter Morgan zunächst für die Bühne überlegt. Grundlage sind die berühmten TV-Interviews zwischen dem britischen Journalisten David Frost und dem Ex-US-Präsidenten Richard Nixon aus dem Jahr 1977, drei Jahre nachdem Nixon wegen des Watergate-Skandals zum Rücktritt gezwungen war. Frost galt damals als journalistisches Leichtgewicht, doch dann schaffte er es, dem an der eigenen Legende schmiedenden Nixon eine Art Schuldgeständnis zu Watergate zu entlocken.

Für sein Theaterstück entwarf Peter Morgan rund um die überlieferten Fakten eine Rahmenhandlung, die beleuchten sollte, was hinter den Kulissen geschah – wie um das Interview verhandelt und geschachert wurde, wie sich vorbereitet wurde, sowohl von Team Nixon als auch von Team Frost. Das Ziel war eine Geschichte zweier Männer, denen es um alles ging: David Frost, der dringend einen spektakulären Erfolg zum journalistischen Überleben brauchte, und Richard Nixon, der sich unbedingt als guter, missverstandener Präsidenten präsentieren wollte, um am Ende doch noch als ehrenwerter Mann in die Geschichte einzugehen.

In erster Linie bedeutet das für "Frost/Nixon": Hier wird sich um Kopf und Kragen geredet, bis zur Erschöpfung. Im Theater muss das kein Nachteil sein, im Gegenteil, und so wurde Morgans Bühnenfassung nach der Premiere im August 2006 in London begeistert gefeiert und schaffte es bald auch an den Broadway. Das Medium Film ist jedoch eine andere Angelegenheit, und wenn da die ganze Zeit geredet wird, dann hat das auf den Großteil der Zuschauer eine hoch abschreckende Wirkung.

Regisseur Ron Howard ("A Beautiful Mind") hat das Potential trotzdem erkannt und Peter Morgan darum gebeten, das Stück in ein Drehbuch zu verwandeln, was dieser auf seine souveräne Art im Nu erledigte. Das Ergebnis ist erstaunlich. Tatsächlich wird den ganzen Film lang eigentlich nichts anderes getan als geredet – ob sich nun Frost mit seinen Beratern streitet, Nixon mit den seinigen oder die beiden Männer vor der Kamera miteinander. Doch dröge wird es nie, denn Howard und Morgan erzählen die Geschichte ganz unbescheiden als spektakuläre David-gegen-Goliath-Story, bei der ein Mann untergehen und der andere glorreich siegen wird.

Frost und Nixon stehen beide am Abgrund, sie können alles gewinnen und alles verlieren, und dieser Film weidet sich an ihrer Angst und Verzweiflung und wechselt atemlos die Perspektive zwischen dem tapferen, womöglich nicht ausreichend kompetenten Journalisten und dem arroganten, womöglich aber auch irgendwie ganz sympathischen Ex-Präsidenten. "Frost/Nixons" größter Trumpf sind dabei seine Hauptdarsteller, die auch schon auf der Bühne die Erstbesetzung waren: Frank Langella legt seinen Nixon als großen, verwundeten Kämpfer an, zwischen skrupellos und anständig pendelnd, immer überzeugt von der Richtigkeit seines Tuns. Michael Sheen, der Tony Blair aus "The Queen", ist als Frost ein Getriebener zwischen Aufklärungswillen und dem Streben nach Ruhm. Zusammen schaffen sie es, dass man zwei Stunden an ihren Lippen kleben bleibt.

Für sechs Oscars ist "Frost/Nixon" nominiert, darunter für die beste Regie, das beste Drehbuch und den besten Hauptdarsteller (Langella). Das wirkt vielleicht ein bisschen übertrieben, wenn man sich überlegt, dass Nixons Quasi-Entschuldigung in den damaligen Interviews die Welt nicht so sehr aus den Angeln gehoben hat, wie es der Film gerne glauben machen würde. Doch eine Geschichtslektion so spannend und unterhaltsam zu verkaufen – dafür gebührt Peter Morgan und Ron Howard der größte Respekt. Und relevant ist dieser Film nach acht Jahren George W. Bush sowieso.

Mal sehen, ob der sich auch noch entschuldigt.



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gonkox 05.02.2009
1. Secret Honor
Das Thema Nixon ist ja wirklich nicht totzukriegen. Einen sehr guten Film gibt es darüber auch schon von Robert Altman: "Secret Honor" http://de.wikipedia.org/wiki/Secret_Honor -- dieser ist dem Frost/Nixon Film konzeptionell nicht unähnlich, denn es spielt nur ein einziger Schauspieler in diesem Film: Philip Baker Hall spielt Richard Nixon fulminant und monologisiert sich (also Nixon) 'um Kopf und Kragen'. Ich frage mich, ob Mr. George W. Bush ebenso viele Filme nach sich zieht.
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