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Oscar-Kandidat Hans Zimmer: Melodien für Millionen

Foto: RENE MACURA/ ASSOCIATED PRESS

Oscar-Kandidat Hans Zimmer Der Klangteppichhändler

Selbst wer ihn nicht kennt, hat schon von ihm gehört: Dem Filmkomponisten Hans Zimmer gelingt es wie kaum einem anderen, Melodien und damit Gefühle auf die große Leinwand zu zaubern - ein Talent, das für Hollywood immer wichtiger wird. Am Sonntag ist er die größte deutsche Oscar-Hoffnung - mal wieder.

Der erste Eindruck ist erschütternd. Ein grauer Flachbau kauert da im Nichts eines Gewerbegebiets von Santa Monica, schräg gegenüber von einer verwaisten Autowerkstatt. Hier also arbeitet der begehrteste Komponist Hollywoods?

Dann aber, drinnen, öffnet sich der Blick in das Tonstudio von Hans Zimmer, und man fühlt sich augenblicklich wie in einer Neuverfilmung vom "Phantom der Oper" mit 100-Millionen-Dollar-Budget: Eine fensterlose Riesenhalle, Samtsofas und Stofftapeten in blutrot, dunkle Bücherwände ragen bis an die holzvertäfelte Decke. Tischlampen mit Totenköpfen als Fuß und Kerzen verdunkeln den Raum mehr, als dass sie ihn beleuchten. Dazwischen stehen ein polierter Flügel, Keyboards, Synthesizer und in die Wände eingelassene elektronische Schalttafeln so zahlreich, als würde von hier aus ein Atomkraftwerk gesteuert. Mittendrin der Arbeitsplatz: Fünf Monitore, drei Aschenbecher.

"Können wir Englisch reden?", fragt Zimmer. "Erwachsenendeutsch habe ich nie gelernt."

Mit zwölf Jahren weg aus Frankfurt

Er lacht, er weiß, dass er kokettiert. In den Regalen stehen Bücher von Bertolt Brecht, Zimmers Englisch ist noch immer von deutschem Akzent gefärbt. Jungenhaft wirkt der 53-Jährige für diesen Moment, mit seinem leicht nasalen hessischen Singsang und den bunten Ringelsocken zum Tweedjackett. Mit zwölf Jahren hat Zimmer seine Geburtsstadt Frankfurt am Main verlassen, zwangsweise, seine Eltern schickten ihn auf ein englisches Internat, nachdem er von zahlreichen Schulen geflogen war. "Autorität war problematisch für mich", sagt Zimmer. Er kehrte nie zurück.

Seit Ende der achtziger Jahre lebt er in Los Angeles. Seither hat er die Musik zu über 125 Filmen komponiert, darunter viele der größten Hollywood-Hits der vergangenen Jahrzehnte: "Fluch der Karibik", "Gladiator", "Rain Man".

Er hat dafür vier Grammys gewonnen und zwei Golden Globes, war neunmal für den Oscar nominiert. Einmal hat er ihn bereits gewonnen, 1995 für "König der Löwen". Nun ist er wieder nominiert, für die Klangwelten zu Christopher Nolans "Inception". Man kann also auch sagen: Selbst wer Hans Zimmer nicht kennt, hat mit Sicherheit schon von ihm gehört.

"Inception" ist ein komplizierter Film, es geht um Träume in verschiedenen Ebenen des Unterbewusstseins. Man kann als Zuschauer schnell den Überblick verlieren. Ein gutes Beispiel, sagt Zimmer, um über die moderne Rolle der Filmmusik zu reden. Wichtiger sei sie geworden, zu "einem weiteren Hauptdarsteller des Films".

Moll macht traurig, Geigen sind romantisch

Lange war die Musik den Regisseuren nicht allzu wichtig, die Regeln schienen schlicht: Mollakkorde machen traurig, Trommeln beschleunigen den Puls, und wenn es romantisch wird, kommen Geigen zum Einsatz. Aber was wäre schon "Der Weiße Hai" ohne das beängstigende Bass-Ostinato vor den Attacken gewesen oder "Psycho" ohne die fiesen hohen Violin-Töne während der Dusch-Szene?

"Jede Musik manipuliert", sagt Zimmer. "Die Kunst ist, die Knöpfe des Publikums nicht zu plump zu drücken." Nicht einfach Szenen zu verstärken. "Kein Witz funktioniert, wenn man die Pointe zweimal erzählt." Die Musik müsse subtiler funktionieren, nicht nur Gefühle transportieren, sondern auch einen Subtext: Für jede Traumebene in "Inception" wählte Zimmer ein eigenes Musikthema als Wegweiser, um das Publikum durch die verwirrende Handlung zu führen, Klangteppiche als Orientierungspunkte.

Musik in Farben beschrieben

Die Hälfte der Wirkung eines Films hängt inzwischen von der Musik ab, sagt Ridley Scott, Regisseur von Hollywood-Meilensteinen wie "Alien". Immer sei es deswegen auch der Regisseur selbst, der den Filmkomponisten auswählt, sagt Zimmer. Niemals das Studio. "Die Regisseure brauchen uns als Kollaborateure, die helfen, den richtigen Stil des Films, die passende Erzählform zu finden."

Wochenlang saßen Zimmer und Regisseur Nolan zusammen, um zu diskutieren, was für eine Art von Film "Batman - Der dunkle Ritter" werden sollte. Der eine sprach in Bildern, der andere aber nicht in Tönen, sondern in Farben, weil er Musik so am besten beschreiben kann. "Wir redeten in Metaphern die ganze Zeit. Er versucht, mir den Ton des Films zu erklären, und ich denke jede Sekunde: Wie kann ich noch ein Überraschungsmoment dazu einbringen, wie kann ich ihn komplett aus den Socken hauen?"

Dann hatte Zimmer diese eine Idee: Nicht Batman, sondern der Bösewicht, der Joker, sei der eigentliche Hauptdarsteller des Films. Und was, wenn man ihm nur eine Note von nur einem Instrument geben würde, ein "ikonisches" Erkennungssignal, das sich in verschiedenen Verzerrungen durch den ganzen Film zieht, auch wenn der Charakter gar nicht zu sehen ist?

Eine Note für den Joker

"Wenn ich diese Diskussion nicht mit dem Regisseur, sondern mit den Studio-Managern geführt hätte, ich wäre auf der Stelle gefeuert worden", sagt Zimmer. Controller haben vor allem Angst, dass ihre Merchandising-Strategie nicht aufgeht. Aber das Studio wusste nicht, was kommen würde. "Wir waren sehr verschwiegen, niemand sollte ahnen, dass es so eine Art von Film werden würde": Düster, voller grimmiger Intensität. "Der dunkle Ritter" hat über eine Milliarde Dollar eingespielt und gehört damit zu den umsatzträchtigsten Werken der Filmgeschichte. Hochgelobt von der Kritik vor allem für die Rolle des Jokers, gespielt von Heath Ledger. Hätte er für einen anderen Schauspieler die Musik anders komponiert? "Natürlich", sagt Zimmer. Für hochpräsente Schauspieler gebe es ganz andere Möglichkeiten.

Jack Nicholson etwa sei "wie ein Messer in der Mitte eines schönen Kuchens", sagt Zimmer. Für ihn könne die Musik viel weicher sein, als für einen schwächeren Schauspieler, "da würde dasselbe Stück nur sentimental klingen".

Am Anfang war das Lied vom Tod

Zimmer hat keine formale Ausbildung als Komponist und nie eine Musikhochschule besucht. Aber er ist mit Musik aufgewachsen. "Wir hatten keinen Fernseher, meine Eltern hielten das für das Ende der Zivilisation, für kulturelles Teufelszeugs." Stattdessen schleppten seine Eltern ihn jede Woche in die Frankfurter Oper, flogen mit dem gerade fünfjährigen Hans nach Zürich, um Arthur Rubinstein Piano spielen zu hören.

Als Zwölfjähriger schleicht Zimmer sich in ein kleines Frankfurter Kino. Es läuft "Spiel mir das Lied vom Tod", unterlegt mit Ennio Morricones heute legendärer Mundharmonika-Musik. Zimmer ist überwältigt: "Ich dachte nur: Wahnsinn, das ist es, was ich auch machen will."

Im ersten Musikvideo aller Zeiten

Stattdessen landet Zimmer zunächst im Popgeschäft. In London spielt er mit Anfang 20 in der Band The Buggles mit. Mit dem Song "Video killed the Radiostar" , dem ersten jemals auf MTV gespielten Video, landet die Gruppe einen weltweiten Hit. Popstar wollte er dennoch nie werden.

"Die ganze Rock- und Popsache war auf die Dauer langweilig, es ging doch nur darum, den einen Hit irgendwie ständig zu wiederholen", sagt Zimmer. In der Filmmusik dagegen könne er im selben Monat "Inception" und "Megamind" machen. "Mehr Abwechslung geht nicht."

Zimmers erster aufsehenerregender Film ist 1985 "Mein wunderbarer Waschsalon", ein winziger, aber von der Kritik gelobter Film, den er zusammen mit dem britischen Komponisten Stanley Myers macht. Hollywood wird auf ihn aufmerksam. Drei Jahre später bekommt er seine große Chance: Er soll die Musik komponieren für ein Drama über einen Autisten und seinen Bruder. In den Hauptrollen: Tom Cruise und Dustin Hoffman. "Rain Man".

Jedes Jahr drei, vier Filme

Zimmer erhält prompt seine erste Oscar-Nominierung - und wird mit einem Schlag zu einem der begehrtesten Filmkomponisten Hollywoods. Seitdem gibt es kaum ein Jahr, in dem er nicht an drei bis vier Filmen arbeitet, egal welchen Genres: Komödien, Kriegsdramen, Animation und Zeichentrick.

Drei Monate braucht er im Schnitt für einen Film, Brainstorming mit dem Regisseur und endloses Kopfzerbrechen über den richtigen Sound nicht mitgezählt, nur das "knallharte Durchziehen, die Hände schmutzig machen", wie er die Arbeit im Studio nennt, als sei er Bergbau-Malocher, nicht Klangteppichhändler. Zimmer ist für seine Arbeitswut berüchtigt, 18 Stunden-Tage, die mittags beginnen und morgens um vier enden, sind normal in seiner Welt. Aber es ist ein einträgliches Geschäft. Viele Filme bringen rund eine Million Dollar Gage plus Lizenzgebühren, heißt es in der Branche. Auch Soundtracks verkaufen sich heute hervorragend.

Dabei klingen manche von Zimmers früheren Filmmusiken schon heute arg pompös, geradezu brachial manchmal. Er ist noch immer berüchtigt für seinen "heroischen Stil" aus den frühen neunziger Jahren: Melodien, die er vor allem für den König des Action-Kinos Michael Bay und Filme wie "The Rock" entwarf. Krachender Synthesizer-Rock, treibende Bässe, jubelnde Streichinstrumente waren bald der vorherrschende Sound in Hollywood.

Komponist zweiter Klasse? Im Gegenteil!

Das sei nun einmal der Stil damals gewesen, "Zeitgeist", sagt Zimmer. Manchmal müsse man auch lachen können, über das, was man tut. Zumindest danach. Heute sind Zimmers Werke oft geradezu minimalistisch, voller elektronischer Verzerrungen, experimentell mitunter wie bei "Sherlock Holmes": Dort kämpft sich Robert Downey Jr. durch eine düstere viktorianische Welt, dekoriert unter anderem mit den Klängen eines original orientalischen Cimbalon.

Ist das ein wenig auch die Rache des Unterschätzten? Fühlt er sich als Filmmusiker doch irgendwie als Komponist zweiter Klasse? Im Gegenteil, sagt Zimmer. Seine Freiheiten seien am Ende viel größer. "Ich muss nicht jedes Mal die ganzen Berliner Philharmoniker einsetzen." Stattdessen könne er experimentieren, mit verschiedensten Instrumenten oder elektronischen Sounds.

Den Edith-Piaf-Klassiker "Non je ne regrette rien" hat er in "Inception" zugleich eingesetzt und so weit verfremdet, dass im Internet aufgeregt diskutiert wurde, ob das nun geklaut war oder raffiniert interpretiert.

Auch Mozart hat Begleitmusik geschrieben

Und haben nicht auch klassische Komponisten schon in Bildern gedacht? "Haydns 'Schöpfung', meine Güte, cineastischer geht es doch nicht." Und was den Unterhaltungsfaktor angehe: Mozart habe auch "zahllose Divertimenti geschrieben, Begleitmusik für beim Abendessen plaudernde Leute". Eine Beleidigung für so wundervolle Musik, "aber das war nun einmal sein Job".

Film und Musik können in Zimmers Welt eine perfekte Symbiose eingehen, sie bringen das zueinander, was sie einzeln nicht leisten können. Doch beim Komponieren selbst stützt Zimmer sich fast nie auf Bilder. In den meisten Fällen schreibt er die Musik parallel zum Dreh, basierend auf den theoretischen Diskussionen mit dem Regisseur, ohne eine einzige Szene gesehen zu haben.

Nur mit dem Kameramann will er vorher gesprochen haben: "Ich muss wissen wie der den Film ausleuchtet, welche Farben er nutzt, was der Look sein soll." Alles weitere ist Eingebung, oder besser: das Warten darauf, dass sie kommt. Denn auch nach weit über hundert Filmen scheint ihm jedes neues Projekt am Anfang "erst einmal ein für alle unlösbares Puzzle".

Musik mit deutschem Akzent

Im Dezember hat er als großes Dankeschön der Filmwelt seinen eigenen Stern auf Hollywoods Walk of Fame bekommen. Als erster Deutscher seit Jahrzehnten, auch wenn er über seine Herkunft sagt: "Deutschland ist ein schwieriger Ort für mich."

Es ist der Ort, "an dem man mich nie einfach das machen ließ, was ich wollte". Es klingt distanziert, fast emotionslos, wie er das sagt, dann fügt er hinzu: "Mein musikalischer Akzent aber, der ist immer noch deutsch."

Da gebe es etwa diesen existentialistischen Western, an dem er gerade arbeite, "Rango", mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Eigentlich passe zu dem nur etwas zutiefst Amerikanisches. Aber dieser Sound, nein, der sei nicht in ihm drin. Seine erste Inspiration stattdessen lieferte Kurt Weill. Und dann habe er eben an Bertolt Brecht und Thomas Mann gedacht. Er erzählt, wie sehr er die Bilder von Gerhard Richter liebt. Und wie viel "Deutschsein" deshalb wohl noch in seinem Kopf sein müsse.

"In diesem Moment habe ich unglaubliches Heimweh bekommen."

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