Oscar-Kandidat "Philomena" Bitte mehr aggro, Mutti

Im erzkatholischen Irland wurden uneheliche Kinder lange Zeit zur Zwangsadoption freigegeben. Das für vier Oscars nominierte Kino-Drama "Philomena" erzählt eines dieser unglaublichen Schicksale - und endet trotz einer tollen Judi Dench im Herz-Jesu-Kitsch.


Im Schmerz liege ihre Buße, zischt die Nonne, während das Mädchen beim Gebären brüllt. Keine Betäubungsmittel, kein Mitgefühl, keine Gnade: Die Teenagerin Philomena (Sophie Kennedy Clark) ist nach einem One-Night-Stand auf dem Rummel schwanger geworden. Fortan muss sie in Schande als billige Arbeitskraft im Kloster leben und darf ihren Sohn nur sporadisch sehen - bis er plötzlich mit drei Jahren gegen Bares zur Adoption freigegeben wird und ganz aus ihrem Leben verschwindet.

Es ist eine wahre Geschichte, die Stephen Frears' neues Drama "Philomena" erzählt, und es ist nicht einmal ein Einzelschicksal. Im erzkatholischen Irland der fünfziger Jahre wurden uneheliche Schwangerschaften als Werk des Teufels erachtet und den jungen Müttern der Kontakt zu ihren Kindern systematisch verweigert.

Auch Philomena, als Erwachsene gespielt von Judi Dench, versagten die Nonnen nach der Zwangsadoption jeden Einblick in das Schicksal ihres Kindes. Doch nach Jahrzehnten des Verdrängens, am 50. Geburtstag ihres Sohnes, bricht die noch immer gläubige Frau ihr Schweigen. Philomena weiht ihre später geborene Tochter ein und macht sich schließlich mit Hilfe des zynischen Reporters Martin Sixsmith (Steve Coogan) auf die Suche nach dem unbekannten Nachkommen Anthony. Die Spur führt in die USA, gar in gehobene Juristenkreise. Bis Sixsmith eine folgenschwere Entdeckung macht...

Stephen Frears, der unter anderem in "Mein wunderbarer Waschsalon" und "High Fidelity" sein Gespür für trockenen Humor und in "The Queen" sein Talent für relevante Gesellschaftsdramen bewies, hat "Philomena" hervorragend besetzt: Judi Dench ist die kleine, irische Lady voller Lach- und Weinfalten, deren Rüstigkeit und Stolz angesichts der tragischen Ereignisse beeindruckt. Absolut erwartbar ist Dench dafür als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert worden.

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"Philomena": Drama nach einer wahren Geschichte
Ihre erstaunlich unverblümten Bemerkungen zu Sexthemen sind es denn auch, die den "comic relief" im Film liefern - etwa wenn sie im Brustton der Überzeugung von den "bi-neugierigen" Menschen erzählt, die sie als Krankenschwester kennengelernt hat, und die eben an beiden Geschlechtern interessiert seien. Ihren Buddy Martin Sixsmith gibt Steve Coogan - als Co-Autor des Drehbuchs ebenfalls für den Oscar nominiert - mit permanent hochgezogener Oberlippe, desillusioniert und beißend sarkastisch.

Doch Sixsmith ist dermaßen beißend sarkastisch und Philomena dermaßen rührend rüstig, dass sich schon nach kurzer Zeit Unbehagen beim Zuschauen ob dieser klobigen Buddy-Roadmovie-Konstruktion breitmacht. Allzu dick aufgespachtelt sind die Gefühle, allzu verkleistert mit Musik die Szenen. Immer wieder muss die suchende Mutter dem schlechtgelaunten Journalisten beibringen, wo das Herz schlägt, und immer wieder muss Sixsmith wahllos rund um sich herumätzen, um von der Naivität, trotzigen Gottesfürchtigkeit und dem Erbarmen Philomenas entwaffnet zu werden.

Dass Sixsmiths ursprüngliches Anliegen, einfach nur eine Human-Interest-Story aus dem Fall zu machen und damit viel Geld zu verdienen, zugunsten seiner erstarkenden Moral zurücktritt, ist bereits in den ersten Minuten erkennbar und führt demzufolge zu dramaturgischer Langeweile. Mag sein, dass die künstliche Fallhöhe und die Eingleisigkeit beider Charaktere schon im Buch des echten Sixsmith eingeschrieben sind, das die Vorlage für Coogans und Jeff Popes Adaption bildet.

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Oscar 2014: Die Kandidaten im Überblick
Aber das entschuldigt nicht, dass Frears die Motive vieler Nebenfiguren aus den Augen verliert. So erschließt sich überhaupt nicht, wieso ein Freund von Sohn Anthony nicht mit Philomena sprechen möchte oder warum Sixsmiths Redaktionsleiterin als noch klischeehafterte Journaille-Vertreterin inszeniert werden muss. Einem TV-Film mit den üblichen Verdächtigen gleich spult das medioker klebrige Drama bis zum absehbaren Höhepunkt seine konventionellen Bilder ab, während Coogan und Dench mit all ihrem Können tapfer gegen die Eindimensionalität ihrer Charaktere anspielen.

Die Geschichte Philomenas ist und bleibt ein erzählenswertes, skandalöses Drama voller Einblicke in die katastrophalen Folgen des orthodoxen Katholizismus. Doch statt Vergebung allerorten hätte man sich hier am Ende tatsächlich mal ordentliches, möglichst lautes Geballer gewünscht.

Philomena

    UK/USA/F 2013

    Regie: Stephen Frears

    Buch: Steve Coogan und Jeff Pope nach einem Sachbuch von Martin Sixsmith

    Darsteller: Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Mare Winningham, Barbara Jefford

    Produktion: BBC Films, Baby Cow Productions, BRitish Film Institute et al.

    Verleih: Square One Entertainment/Universum Film

    Länge: 98 Minuten

    Start: 27. Februar 2014



insgesamt 7 Beiträge
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imlattig 26.02.2014
1. ist doch schoen...
wenn mal nicht geballert wird. aber abgesehen davon, dass ihnen der film etwas zu trivial geraten ist muss man doch sagen, dass der film vor dem hintergrund des kindesmissbrauchs der katholischen kirche immer noch aktuell ist. es hat sich nicht soviel geaendert justiz, polizei, katholische kirche und die ueblichen protagonisten schreiten doch noch heute seit an. die moral ist immer fuer die anderen da.
Victor_1 26.02.2014
2. Bitte weniger aggro, Jenni!
Wie kann man nur einem der emotionalsten und sehenswertesten Meisterwerke der letzten Jahre allen Ernstes "mediokre Klebrigkeit" vorwerfen oder mit Anmerkungen wie "Allzu dick aufgespachtelt sind die Gefühle, allzu verkleistert mit Musik die Szenen" kommen?! Es spricht für den vermutlich berufsimmanenten Zynismus der Rezensentin, dass sie sich nicht hat von der emotionalen Tiefe dieses Films und dem sensationellen Spiel der Hauptdarsteller hat faszinieren lassen. Aber dann soll sie uns alle mit ihrer Kälte verschonen. Alleine die Flapsigkeit der Headline komplettiert das Bild einer Kritik, die diesen Begriff nicht verdient. Ich freue mich auf das erste Filmprojekt der Regisseurin Zylka, bei dem sie unter Beweis stellen kann, wie man "nicht-mediokre" Filme mit tollen Kinobildern inszenieren kann. Geballer?? Unfassbar...liebe SPON-Leser, schauen Sie sich den Film alleine nur deswegen an, um die Lächerlichkeit dieses an Ignoranz nicht mehr zu unterbietenden "Wunsches" zu begreifen. Frau Zylka hat schlicht und einfach den Film und seine Kernaussage nicht verstanden. Dann sollte sie aber auch den SPON-Leser mit ihrer irrelevanten Meinung verschonen. Vermute jedoch, dass ist schwieriger als über die Kunst eines Stephen Frears herzufallen - in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Häme. Medioker sind meistens die Kritiker und ihre Texte, selten die Filme, die sie kritisieren. Ich wünsche PHILOMENA alle 4 Oscars, für die der Film offenbar (zurecht) nominiert ist. Jeder einzelne wäre mehr als verdient. Und von SPIEGEL Online wünsche ich mir differenziertere Filmkritiker, deren filmischer Horizont nicht bei "Django Unchained" endet...
noalk 26.02.2014
3. genug aggro
Jeder hat seine eigene Sichtweise auf diesen Film. Für mich lebt er aus dem Gegensatz zwischen dem (nicht beißend) sarkastischen, am Schluss britisch zurückhaltend aggresiven Sixsmith und der in höherem Maße gütigen Philomena. Dass der (anscheinend zur typisch deutschen Belehrsamkeit neigenden) Kritikerin moralinsaures Geballer lieber gewesen wäre – das hätte den Film genau dahin abdriften lassen, wo sie ihn sieht. Warum sich ihr der Grund für die Weigerung des Freundes von Sohn Anthony, mit Philomena zu sprechen, nicht erschließt, ist mir auch ein Rätsel. Man muss sich als Zuschauer nur gedanklich in dessen Person hineinversetzen. Die Darstellung der Redaktionsleiterin mag klischeehaft sein, aber um die geht es nicht, und man kann darüber streiten, ob es sich hier um ein Klischee handelt oder die tatsächlichen Verhältnisse gut getroffen sind. Für mich ist auch das Thema Katholische Kirche nicht das Hauptthema des Films, sondern die Art und Weise, wie die Protagonistin die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang bringt.
Joshua Philgarlic 26.02.2014
4.
---Zitat--- Mag sein, dass die künstliche Fallhöhe und die Eingleisigkeit beider Charaktere schon im Buch des echten Sixsmith eingeschrieben sind, das die Vorlage für Coogans und Jeff Popes Adaption bildet. ---Zitatende--- Wenn die Rezensentin das Buch tatsächlich gelesen hätte, müsste sie sich nicht auf solch halbgare Vermutungen stützen. Das Buch behandelt im Wesentlichen die Lebensgeschichte von Philomena und ihrem Sohn - also das Ergebnis der Recherche. Die Recherche selbst (welche wiederum das Hauptthema des Films bildet), wird nur oberflächlich im letzten Kapitel beschrieben - eindeutig zu wenig, um dadurch auf die Charaktere (insbesondere auf den von Sixsmith) schließen zu können.
täufer 26.02.2014
5. toll
Habe den Film gesehen und fand ihn zu Beginn etwas langweilig. Dies änderte sich schlagartig, als sich der verlorene Sohn als verstorben herausstellte. Was sollte nun noch kommen? Doch dann wurde der Film immer besser. Höhepunkt die Szene mit der verbiesterten Klosterfrau, der vergeben wurde, wo doch, nach der Vorgeschichte, mit einem Donnerwetter zu rechnen war. DAS ist mal eine überraschende Wendung, die diesen Film groß macht. Fazit: ein toller Film, zurecht für den Oscar nominiert.
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