Oscar-Kandidat "Saving Face" Säure verätzt Seele

Die Opfer sind meist Frauen und Kinder, die Täter meist Männer: Mehr als hundert Menschen werden in Pakistan jährlich durch Säureangriffe verstümmelt. Der Oscar-nominierte Dokumentarfilm "Saving Face" erzählt davon, wie ein Arzt ihnen hilft, trotz allem ihr Gesicht zu wahren.

AP

Von , Karatschi


Sieben Jahre lang erträgt Zakia Perveen, 39, ihre Ehe voller Gewalt und Demütigungen. Dann ringt sie sich durch, sich von ihrem Mann zu trennen, wieder einmal hat er zugeschlagen und zugetreten. Gemeinsam mit ihrem Bruder geht sie in der ostpakistanischen Stadt Jhelum zum Gericht, um die Scheidung von Pervaiz Iqbal, 32, einzureichen.

Iqbal, zerfressen von seiner Drogensucht, will sie nicht gehen lassen. Jedenfalls nicht, bevor sie ihr Haus auf seinen Namen überschreibt. Perveen weigert sich, schließlich ist es auch das Haus ihrer drei Töchter und ihres Sohnes. Ihr erster Ehemann, Vater ihrer Kinder, ist tot. Damals hatte es Perveen als großes Glück empfunden, dass ein Mann wie Iqbal sich für sie, die Witwe, interessiert.

Perveen und ihr Bruder treten an einem warmen Oktobertag im Jahr 2009 aus dem Gerichtsgebäude, die Sache ist erledigt, da taucht der Ex-Ehemann auf. Iqbal kippt ihr eine Flasche Säure ins Gesicht. Polizisten überwältigen ihn. Zu spät. Perveens Gesicht verbrennt bis zur Unkenntlichkeit, auch die Schulter, Arme, Hände bekommen die ätzende Flüssigkeit ab. Die Chemikalie frisst sich durch bis zu den Knochen.

Perveens Kampf zurück ins Leben ist Thema des für den Oscar nominierten Kurz-Dokumentarfilms "Saving Face". Der Film erzählt die Geschichte des britisch-pakistanischen Arztes Mohammad Jawad. Alle drei Monate reist er von London aus nach Pakistan, um die Opfer von Säureangriffen zu operieren. Zakia Perveen ist Jawads Patientin. Es geht um die Rettung von Gesichtern, aber auch darum, den Frauen ihre Würde zurückzugeben, die Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren. Der Titel "Saving Face" trifft beide Bedeutungen.

Berühmt durch den Fall des Models Katie Piper

Jawad, 53, kann seine Wut kaum zurückhalten, wenn er über die Säureangriffe spricht. "Eine Gesellschaft, in der solche Verbrechen üblich sind, hat definitiv ein Problem", sagt er. Jawad, schwarze, nach hinten gekämmte Haare, grauer Oberlippen- und Kinnbart, ist plastischer Chirurg. Als junger Mann verließ er seine Heimatstadt Karatschi im Süden Pakistans, studierte in den USA, Italien, Frankreich, Belgien und der Türkei und ließ sich in London nieder. Er hat viele Verbrennungsopfer operiert, verbrannte Haut entfernt, gesunde von anderen Körperstellen verpflanzt. "Aber von Säureattacken hatte ich bis vor ein paar Jahren keine Ahnung."

Dass sie vor allem in Südasien vorkommen, in Afghanistan, Pakistan, Indien und Bangladesch, erfuhr Jawad erst, nachdem er eine berühmte Patientin in London behandelt hatte: Im Frühjahr 2008 beauftragte ein eifersüchtiger Ex-Liebhaber einen Komplizen, dem britischen Model Katie Piper Säure ins Gesicht zu spritzen. Wenn er die blonde Schönheit nicht haben konnte, sollte auch niemand anders sie haben. Jawad behandelte Piper, in bislang 110 Operationen wurde ihr Gesicht wieder hergestellt. "Jemand sagte mir damals: Warum behandelst du nicht auch Säureopfer in Pakistan, da gibt es jedes Jahr mehr als hundert, mindestens", erzählt Jawad. "Mir war das nicht klar, ich hatte bis dahin in Pakistan anderweitig geholfen, zum Beispiel Erdbebenopfer operiert."

Der amerikanische Dokumentarfilmer Daniel Junge erfuhr aus einem Fernsehbeitrag über Piper, dass Jawad regelmäßig Säureopfer in Karataschi und Islamabad operiert - und wollte darüber einen Film machen. Er fragte die pakistanische Filmemacherin Sharmeen Obaid-Chinoy, ob sie ihm dabei helfen wolle. Jetzt ist Obaid-Chinoy die erste Pakistanerin, die je für einen Oscar nominiert wurde, somit eine Heldin. Mit ihren 33 Jahren hat Obaid-Chinoy es weit gebracht: Vor zwei Jahren erhielt sie als erste Pakistanerin einen Emmy (für einen Film über jugendliche Selbstmordattentäter in Pakistan), sie hat Filme gemacht über Muslime in Schweden, über Flüchtlinge aus Simbabwe in Südafrika und über illegale Abtreibungen auf den Philippinen.

In ihrem Studio arbeiten inzwischen 13 junge Leute, sie hoffen auf den Oscar. "Den betroffenen Frauen wäre weltweite Aufmerksamkeit sicher, das wäre natürlich ganz wunderbar", sagt Obaid-Chinoy. Aber auch so sei viel erreicht.

Jahrelanger Kampf um neues Gesetz

Als die Filmemacher Jawad anriefen und ihn fragten, ob sie ihn bei seiner Arbeit in Pakistan begleiten dürften, sagte er sofort zu. Er sucht die Öffentlichkeit, betreibt einen Blog, twittert eifrig. "Aber was genau für einen Film sie machen wollten, war mir nicht klar. Mir war nur wichtig, dass es eine Geschichte der Hoffnung werden muss, eine, die auch das Positive zeigt, nämlich wie diese Frauen kämpfen, wie stark sie sind." Jawad erzählte ihnen von seiner Patientin Zakia Perveen.

Auch Valerie Khan sieht "die Stärke und die Schönheit der Frauen". Khan ist Französin, seit 16 Jahren lebt sie in Pakistan und ist Vorsitzende der "Acid Survivors Foundation of Pakistan" (ASF). Die Stiftung ermöglicht den meist aus armen Verhältnissen stammenden Opfern medizinische Behandlung und Rechtsbeistand. "Pakistanerinnen wehren sich gegen Unrecht. In dem Film geht es um Frauen, die sich trotz allem nicht unterkriegen lassen", sagt Khan. ASF hat auch Zakia Perveen unterstützt.

Einen großen Erfolg haben die Frauen im Dezember gefeiert: Da wurde nach jahrelangem Widerstand von konservativ-islamischen Politikern ein Gesetz erlassen, das Säureattacken als eigenen Straftatbestand anerkennt und dafür lebenslange Haft vorsieht. "Vorher war es so, dass man entweder wegen versuchten Mordes oder wegen Körperverletzung klagen musste", sagt Khan. "Jetzt ist es für die Frauen einfacher, ihr Recht einzufordern."

Ein Liter Säure für weniger als 50 Cent

Das allein reicht laut Khan aber nicht. "Säureattacken kommen überall im Land vor, aber vor allem im sogenannten Seraiki-Gürtel, wo die Provinzen Punjab, Balutschistan und Sindh sich treffen." Dort, in der ländlichen Region, könne man Batteriesäure oder Säure, die in der Baumwollproduktion Verwendung findet, für umgerechnet etwa 50 Cent pro Liter besorgen. "Man braucht keine Genehmigung, der Kauf wird nicht registriert", sagt Khan.

"Wir müssen das Bewusstsein für die Probleme schärfen", formuliert sie das Ziel. "Es gibt immerhin jedes Jahr mehr als hundert offiziell registrierte Fälle in Pakistan. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, weil die meisten Frauen sich nicht trauen, ihre Männer anzuzeigen." Opfer seien oft auch Kinder, die bei dem Angriff in der Nähe ihrer Mütter standen und zufällig getroffen wurden. "Man kann sagen, dass 60 Prozent aller Opfer Frauen sind, 20 Prozent Kinder und 20 Prozent Männer."

Auch Rukhsana, 23, ist Patientin von Doktor Jawad, auch ihre Geschichte wird in "Saving Face" erzählt. "Ihr haben ihr Mann und ihre Schwiegermutter im Streit Säure ins Gesicht gespritzt", sagt Jawad. Doch sie zwangen sie, nach der Tat bei ihnen zu bleiben. "Monate nach der Attacke schwängerte dieser Bastard sie auch noch", sagt Jawad. Er habe sie deshalb eine Zeitlang nicht operieren können, bis das Kind im August zur Welt kam. "Soweit ich weiß, laufen die Täter immer noch frei herum. Ich verstehe es einfach nicht."

Zakia Perveens Ex-Mann dagegen wurde zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt: einmal wegen der Attacke und einmal wegen des linken Auges, das Perveen dabei verlor. "Dass die Täter ins Gefängnis kommen, ist nur ein schwacher Trost", sagt Aziz Mai, deren Mann ihr im Streit um die Kinder Säure ins Gesicht warf. Sie lebt in einer ASF-Herberge am Stadtrand von Islamabad. "Das Gefängnis ist nichts im Vergleich zu dem, was wir erleiden müssen." Unzählige Operationen, Physiotherapie, psychologische Betreuung, ökonomische Hilfe, die Gerichtstermine, ständig Schmerzen - Leiden ohne Ende.

Ihre Zimmernachbarin Nuzrat Bibi, ebenfalls Opfer eines Säureangriffs, sagt: "Wir sind fürs Leben gekennzeichnet, jeder weiß: Die hatte mal Ärger mit ihrem Mann, deshalb sieht sie so aus." Und so bleibt nicht nur der Schmerz, sondern auch die Schmach.

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