Oscar-Kontroverse um Vielfalt Das kann kein Witz mehr retten

Jetzt kommt auch Will Smith nicht zur Oscar-Preisverleihung: Die Debatte um die mangelnde Würdigung schwarzer Künstler setzt die Academy weiter in Zugzwang. Gastgeber Chris Rock wird inzwischen aufgefordert, die Moderation abzusagen.
Hollywoodstar Will Smith: "Tendenz in Richtung Spaltung"

Hollywoodstar Will Smith: "Tendenz in Richtung Spaltung"

Foto: MARIO ANZUONI/ REUTERS

Nur noch fünf Wochen sind es bis zur 88. Oscar-Verleihung, aber über den mit zwölf Nominierungen hochfavorisierten Survival-Western "The Revenant" oder die anderen mehrfach nominierten Filme und ihre Künstler spricht zurzeit niemand. Stattdessen geht es um die Namen, die in der diesjährigen Kandidatenliste für den weltweit wichtigsten Kinopreis fehlen: Idris Elba etwa, Will Smith, Jason Mitchell und Michael B. Jordan, die in Filmen wie "Straight Outta Compton", "Creed", "Concussion" oder "Beasts Of No Nation" spielen, Produktionen also, an denen schwarze Schauspieler und Regisseure maßgeblich beteiligt waren.

Seit am vergangenen Montag Will Smiths Ehefrau, die Schauspielerin Jada Pinkett Smith und der für seinen von Amazon produzierten Film "Chi-raq" ebenfalls nicht nominierte Regisseur Spike Lee gegen diesen Mangel an ethnischer Diversität protestierten und ankündigten, nicht zur Verleihung erscheinen zu wollen, formt sich eine vielstimmige öffentliche Debatte, in der die Oscar vergebende Academy of Motion Picture Arts And Sciences (Ampas) zunehmend unter Druck gerät, Statuten und Mitgliederstruktur einer veränderten, diversifizierteren Kulturlandschaft anzupassen.

Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs, selbst Afroamerikanerin, hatte sich gleich am Dienstag bemüht, die Wogen zu glätten. In einem Statement schrieb sie, sie sei "frustriert und untröstlich" über den Mangel an Inklusion in ihrer Organisation, unternehme aber "dramatische Schritte, um die Zusammenstellung ihrer Mitgliedschaft zu ändern". Sie kündigte eine "Revision der Mitglieder-Rekrutierungsstatuten an, um die dringend benötigte Diversität zu gewährleisten".

Ein Vorhaben, das Boone Isaacs vermutlich bereits in der kommenden Woche, bei einer regulären Vorstandssitzung der Ampas, vorbringen wird. Zurzeit besteht die Oscar-Akademie aus rund 6000 Angehörigen aus allen Bereichen der Kinobranche Hollywoods, der Anteil älterer und weißer Mitglieder überwiegt.

Soll Chris Rock nicht moderieren?

Inzwischen wächst auch der Druck auf den designierten Oscar-Gastgeber Chris Rock, von seinem Engagement zurückzutreten: "Please do not do the Oscars awards", forderte Rapper 50 Cent den afroamerikanischen Comedian via Instagram auf. Auch Schauspieler Tyrese Gibson ("Fast And Furious 7") fände es besser, wenn Rock zurückziehe, es gebe keinen Witz, den er reißen könne, um das Versäumnis der Academy wettzumachen, auch nur einen einzigen nicht-weißen Schauspieler zu nominieren.

Einige weiße Academy-Mitglieder fühlen sich unterdessen zu Unrecht des Rassismus bezichtigt. So sagte die US-Schauspielerin Penelope Ann Miller dem "Hollywood Reporter", sie habe für "eine ganze Reihe schwarzer Darsteller" votiert und sei sehr betrübt, dass keiner von ihnen nominiert wurde. "Aber zu implizieren, der Grund sei, dass wir alle Rassisten sind, ist extrem beleidigend." Es habe dieses Jahr einfach eine "unglaublich harte Konkurrenz" gegeben, so Miller. Es habe auch eine ganze Menge weißer Darsteller gegeben, die keine Nominierung bekommen hätten, das sei ebenso enttäuschend: "Ich bin sicher, auch Michael Keaton ist niedergeschlagen." Keaton spielt die Hauptrolle im Journalisten-Drama "Spotlight".

Die Rassismusdiskussion an den Oscars festzumachen, führe in die falsche Richtung, meint Miller, denn es habe 2015 tatsächlich eine große Anzahl Filme gegeben, die sich hauptsächlich um weiße Leute drehten: "Sprecht mit den Studios darüber, nicht mit der Academy."

Sind die Oscars nur Symptom?

Ist die Oscar-Verleihung also nur das Symptom für die strukturell und personell bedingte Undurchlässigkeit der Hollywood-Filmindustrie? Spike Lee, der sich am Donnerstag in einem TV-Interview mäßigend äußerte und sagte, er habe mit keinem Wort zu einem Oscar-Boykott aufgerufen, sondern schlicht angekündigt, nicht zur Verleihung zu erscheinen, hält die Kontroverse ebenfalls für ein Ablenkungsmanöver: "Jeder Protest sollte sich an die wachsende Zahl von Angehörigen ethnischer Minderheiten in der Industrie richten. Es geht um die Gatekeeper. Wir sind nicht im Raum, wenn in den Meetings entschieden wird, welches Skript verfilmt wird und welches nicht."

Auch Musikproduzent Quincy Jones, der bereits 1971 als musikalischer Direktor der Academy Awards wirkte, siebenmal für einen Oscar nominiert war und 1995 als erster Afroamerikaner den Jean Hersholt Humanitarian Award bekam, spricht sich gegen einen Oscar-Boykott aus. "Sie haben mich gefragt, einen Preis zusammen mit Pharrell Williams und Common zu präsentieren. Ich habe gesagt, das mache ich unter einer Bedingung: Lasst mich fünf Minuten über den Mangel an Diversität sprechen", sagte der 82-Jährige dem "Hollywood Reporter".

Will Smith, für seine Darstellung eines afrikanischen Arztes in "Concussion" ebenfalls von der Academy übergangen, sagte in einem Interview mit dem US-Sender ABC, er habe von dem Vorhaben seiner Frau, die Oscar-Show zu boykottieren, nichts gewusst, er würde nun aber aus Rücksicht auf Pinkett Smith auch fernbleiben. Smith betonte die Komplexität der Debatte: Jeder der in diesem und im vergangenen Jahr Nominierten habe seinen Platz auf den Listen mehr als verdient, "und das ist fantastisch und schön, aber es zeigt eben auch, wie kompliziert die Sache ist".

Denn, so Smith, es fühle sich "trotzdem an, als laufe da etwas in die falsche Richtung". Die Nominierungen, so Smith, spiegelten die Academy wider, die Academy wiederum die Industrie und letztlich Hollywood. "Und am Ende reflektiert die Industrie Amerika und eine ganze Reihe von Herausforderungen, denen wir uns in unserem Land im Moment stellen müssen." Es gebe in der Gesellschaft eine regressive Tendenz in Richtung Spaltung, "zu einer religiösen und ethnischen Disharmonie".

Politik ist normalerweise verpönt bei den Oscars. Diesmal wird sie sich nicht vermeiden lassen.

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Foto: AP/ Twentieth Century Fox
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