Oscar-Nominierungen Abschied von Nummer sicher

Die Mitglieder der Oscar-Academy haben Mut bewiesen: Achtmal wurde Ang Lees Western "Brokeback Mountain" über eine homosexuelle Liebe für die begehrten US-Filmpreise nominiert. Mit "Sophie Scholl – die letzten Tage" geht erneut ein politischer deutscher Film ins Rennen um den Oscar.

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Man wollte es bis zuletzt nicht glauben. Dass ein Film, noch dazu ein Western, über zwei Cowboys, die einer homosexuellen Romanze verfallen, Chancen bei den Oscars haben könnte, hielt man für unwahrscheinlich. Klar, Hollywood gilt als liberale Bastion im prüden Amerika, aber bei der Oscar-Verleihung, diesem heiligen Schrein der amerikanischen Filmindustrie, ging man im Zweifelsfall immer auf Nummer sicher: Rob Marshalls harmloses Musical "Chicago" etwa oder Ron Howards Rührstück "A Beautiful Mind".

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Fotostrecke: Cowboys, Crash oder Capote?

Doch in diesem Jahr wird vieles anders sein. Denn die heute von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für den Oscar nominierten Filme zeichnen sich fast alle durch einen kontroversen, wenn nicht politischen Charakter aus. Auch sind es nicht die großen Hollywood-Produktionen wie "Cinderella Man" oder "Die Geisha", die am 5. März im Kodak Theatre mit den meisten Chancen antreten, sondern jene nicht minder aufwendigen kleinen Filme, die über viele Jahre geplant wurden und mit Mühe finanziert wurden. Das moderne amerikanische Independent-Kino, das vor gut 15 Jahren mit "Sex, Lügen und Video" seinen Siegeszug antrat, könnte bei der 78. Vergabe der Oscars einen Triumph feiern, wenn eine schwule Liebesgeschichte zum besten Film gekürt wird. "Brokeback Mountain", gedreht vom chinesisch-amerikanischen Regisseur Ang Lee ("Tiger & Dragon") geht immerhin mit acht Nominierungen als absoluter Favorit in die Verleihung: Neben der Nennung als bester Film geht es um die beste Regie, das beste adaptierte Drehbuch, den besten Hauptdarsteller (Heath Ledger), den besten Nebendarsteller (Jake Gyllenhaal), die beste Nebendarstellerin (Michelle Williams) sowie um beste Kamera und beste Musik - kaum eine der Hauptkategorien, in der er nicht genannt ist. Im vergangenen Jahr gab es für "Brokeback Mountain" bereits den Goldenen Löwen von Venedig; in der vergangenen Woche dominierte das bildgewaltige Werk die Golden Globes.

Konkurrenz, die sich sehen lassen kann

Doch gewonnen ist noch nichts, und die Konkurrenz ist stark. Mit jeweils fünf Nominierungen gehen fünf höchst ambitionierte Filme ins Rennen, die meisten auch als bester Film. "Capote" erzählt einfühlsam die Geschichte der Entstehung des Bestsellers "Kaltblütig" des homosexuellen Schriftstellers Truman Capote (Philip Seymour Hoffman); "Good Night, And Good Luck" widmet sich in Schwarzweiß einer düsteren Episode der amerikanischen Mediengeschichte in der McCarthy-Ära; "Walk the Line" erzählt die Karriereanfänge der Country-Legende Johnny Cash mit Darstellern (Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon), die sich selbst übertreffen. Das Ensemble-Drama "L.A. Crash" entwirft ein Alltagspanorama Amerikas zwischen Rassismus und sozialer Unsicherheit.

Und "München", Steven Spielbergs Polit-Thriller über die Rache der Israelis nach dem Olympia-Attentat von 1972, wurde von der Kritik so zerrissen, dass man dachte, er würde auch von der Academy missachtet werden. Dass dieses kontroverse Werk nun unter anderem als bester Film und für die beste Regie nominiert wurde, zählt zu den größten Überraschungen dieser Nominierungsliste.

Bei den Schauspieler-Nominierungen zeichnet sich ein recht klares Bild ab: "Capote"-Darsteller Philip Seymour Hoffman, der Anfang der Woche bereits den SAG Award der Schauspieler-Gewerkschaft gewann, geht als Favorit in die Verleihung, wenngleich man seinen Mitbewerbern Joaquin Phoenix, Heath Ledger, David Strathairn ("Good Night, And Dood Luck") und Matt Dillon ("L.A. Crash") ebenfalls einen Oscar gönnen würde. Bei den Hauptdarstellerinnen dürfte außer Reese Witherspoon und Felicity Huffman, die in "Transamerica" einen Mann spielt, der kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht, kaum eine der Nominierten eine Chance haben.

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"Sophie Scholl": Deutsches Widerstandsdrama auf Oscar-Kurs
Einige der erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres, darunter Peter Jacksons "King Kong", das Fantasy-Spektakel "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia" und "Star Wars: Episode III: Die Rache der Sith", sind lediglich in einigen technischen Nebenkategorien nominiert. Hollywood orientiert sich 2006 scheinbar nicht mehr an Pomp und Effekten, sondern besinnt sich mutig auf Stoffe, die eindeutig politisch sind - und auf jene ergreifenden Geschichten von Menschen und Menschlichkeiten, die das Kino schon immer am besten erzählen konnte.

Sophies große Chance

Die Oscar-Verleihung könnte auch zum Fest für deutsche Filmemacher werden. Mit Marc Rothemunds "Sophie Scholl - die letzten Tage" schaffte es erneut eine deutsche Produktion in die Nominierungsliste für den besten fremdsprachigen Film. Das Geschichtsdrama um die letzten Tage der Geschwister Scholl, die im Dritten Reich Widerstand gegen das NS-Regime übten und dafür zum Tode verurteilt wurden, gewann bereits viele europäische Preise, Hauptdarstellerin Julia Jentsch bekam auf der letztjährigen Berlinale den Silbernen Bären.

Auch hier ist die Konkurrenz hart: Das Weltkriegsdrama "Joyeux Noel - Merry Christmas" ist allerdings eine deutsch-französische Koproduktion, ebenso wie Hani Abu-Assads "Paradise Now". Das Drama über zwei palästinensische Selbstmordattentäter wurde mit französischen, deutschen und holländischen Mitteln gedreht. Außerdem treten der bereits mehrfach ausgezeichnete südafrikanische Film "Tsotsi" und die italienische Produktion "Don't Tell" an.

Fred Breinersdorfer, Drehbuchautor und Produzent von "Sophie Scholl", sagte in einer ersten Reaktion der dpa, er betrachte die Oscar-Nominierung als Würdigung des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime. Im vergangenen Jahr war Oliver Hirschbiegels Hitler-Film "Der Untergang" nominiert worden, gewann aber nicht. Zuletzt bekam 2003 ein deutscher Film den Auslands-Oscar - Caroline Link setzte sich damals mit ihrem ebenfalls zur NS-Zeit spielenden Flüchtlings-Drama "Nirgendwo in Afrika" durch. Volker Schlöndorff gewann den Oscar 1980 mit seiner Grass-Adaption "Die Blechtrommel".

Auch wenn es mit "Sophie Scholl" am Ende vielleicht nicht klappt: Auch in der Kurzfilm-Sparte der Oscars ist erneut ein deutscher Beitrag im Rennen. Bereits im letzten Jahr gewann das Team um die Regisseurin Ulrike Grote mit "Ausreißer" den Studentenoscar, nun ist der Film um eine unverhoffte Vaterschaft als bester "Short film/live action" nominiert. Für die Hamburg Media School ein grandioser Erfolg, denn vor zwei Jahren gewann mit Florian Baxmeyer schon einmal ein Absolvent der Filmhochschule mit "Die rote Jacke" erst den Studenten-Oscar und war dann für den "richtigen" Oscar nominiert.

ProSieben überträgt die 78. Oscar-Show in der Nacht zum 6. März live im deutschen Fernsehen, moderiert wird die Gala von dem als bissig bekannten US-Komiker Jon Stewart. Auch wenn es wie eine Phrase klingt: In diesem Jahr könnte das ehrwürdigste Filmspektakel der Welt wirklich noch einmal spannend werden.



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