Oscar-Verleihung Kunstfilmer glauben an den Independence Day

Bei der Oscar-Verleihung bestimmen diesmal unabhängige Produktionsfirmen und Kunstkino-Labels das Feld der Favoriten. Die klassischen Hollywood-Studios haben das Nachsehen. Wird die Verleihung künftig zu einem Fest der Avantgarde?

Von Rüdiger Sturm


Der Weg zu Mark Gill führt durch einen Nebeneingang. Der Chef der Kunstkino-Sparte von Warner Bros. und seine Abteilung Warner Independent Pictures müssen sich mit einem Seitentrakt auf dem Studiogelände begnügen. Hauptpforte und Großteil von Bungalow 76 sind anderen Einheiten vorbehalten - den Produktionsbüros von Wolfgang Petersens "Poseidon". Das hat Gründe. Immerhin soll dessen spektakulärer Katastrophenfilm in diesem Jahr den Cash-flow des Studios steigen lassen.

Oscar-Statue: Dieses Jahr nur für Unabhängige?
REUTERS

Oscar-Statue: Dieses Jahr nur für Unabhängige?

Doch vielleicht bekommt Mark Gill demnächst ein besseres Domizil. Denn er beschert dem Konzern derzeit etwas Unbezahlbares: Prestige. Seine Abteilung ergatterte acht Oscarnominierungen, darunter für den besten Film - George Clooneys "Good Night, and Good Luck". Die Produktionen der Mutterfirma wurden weitgehend mit Nennungen in Nebenkategorien wie "Bestes Art Design" abgespeist.

Der Siegeszug der kleinen Warner-Tochter spiegelt einen allgemeinen Trend bei der diesjährigen Oscar-Verleihung wieder. Er lässt sich mit einer Phrase beschreiben: Kunst vor Kasse. Seit 1996, als mit "Jerry Maguire" lediglich eine Studioproduktion in Reichweite der Statuette kam, feierten unabhängige Produktionsfirmen und die Arthaus-Labels der Majors keine solchen Triumphe mehr. In der Disziplin "Bester Film" trifft Steven Spielbergs "München" (Dreamworks/Universal) auf vier Independent-Werke. Ähnlich sind die Kräfteverhältnisse in den anderen Hauptsparten. Nur bei technischen Auszeichnungen bleiben Mainstream-Fabrikate wie "King Kong" (Universal) oder "Harry Potter" (Warner) unter sich. Die Top 10-Kassenschlager des letzten Jahres erhielten gerade mal zehn Nominierungen - von 104.

"Das ist alles eine Auswirkung der Studiopolitik der letzten Jahre", sagt Bob Yari, Finanzier und Produzent des sechsmal nominierten Films "L.A. Crash". "Die Majors konzentrieren sich auf ihre Kommerzproduktionen, die über 100 Millionen Dollar kosten, und lassen künstlerische Stoffe beiseite. Die unabhängigen Produzenten füllen genau diese Nische." Dazu passt es auch, dass in diesem Jahr mit Robert Altman eine Ikone des Independent-Kinos den Ehren-Oscar erhält. "Ich bin ein Außenseiter, der keine Filme fürs Establishment macht", tönt der Veteran auch heute noch.

Rückkehr der Politik ins Kino

Doch solches Ethos allein bringt noch nicht die Stimmen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Deren Mitglieder erwärmen sich in diesem Jahr offenbar nicht für anspruchsvolles Kino per se, sondern vor allem für eine bestimmte Art von Geschichten. Selten war das Oscar-Aufgebot von so kontroversen Stoffen geprägt wie in diesem Jahr. Die neue Ära von kriegerischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Verwerfungen stimuliert ganz offensichtlich die Phantasien und Emotionen der Branche.

Nominierungs-Spitzenreiter "Brokeback Mountain" (Focus Features/Paramount) feiert eine schwule Beziehung - in einem Land, das weithin keine gleichgeschlechtlichen Ehen erlauben will. "Good Night, and Good Luck" attackiert die Kommunistenhatz von Senator McCarthy und damit indirekt den Antiterror-Furor der Bush-Regierung. Die Hauptfigur von "Capote" (United Artists/Sony) ist ein homosexueller Schriftsteller, der Schlüsselcharakter ein zum Tode verurteilter Killer. "L.A. Crash" (Lions Gate) wiederum erteilt eine Lektion in Sachen Rassismus. Studioproduktionen wie "Syriana" (Warner) oder "München", die sich in das Minenfeld der Politik vorwagten, wurden ebenfalls mit Nominierungen belohnt. Da macht selbst ein alter Studio-Filmer wie Steven Spielberg aus seinen Begeisterung keinen Hehl: "Diese Filme benutzen Kunst als ein Mittel, um unsere Welt zu analysieren. Und die Mitglieder der Akademie waren mutig genug, das zu honorieren."

Unabhängig, aber publikumsarm?

Wer diese Wende bislang nicht honoriert, ist das Publikum. Zumindest nach absoluten Zahlen betrachtet. Die fünf für den "Besten Film" nominierten Produktionen spielten in den USA bislang durchschnittlich je 45 Millionen Dollar ein. Frühere Oscar-Anwärter und -Gewinner wie "Million Dollar Baby" oder "Chicago" schafften vor der Verleihung mehr als das Doppelte, vom "Herrn der Ringe" ganz zu schweigen.

Aus buchhalterischer Sicht betrachtet ist das nicht weiter schlimm. Immerhin gibt es die Independents zum Aldi-Tarif - "Brokeback Mountain" etwa kostete nur 14 Millionen Dollar, "L.A. Crash" weniger als die Hälfte. Aber die schmalen Einspielergebnisse zeigen dennoch, dass der Oscar-Trend noch nicht den breiten Mainstream erreicht hat. Das war aber auch nicht das Ziel, wie "Brokeback"-Regisseur Ang Lee gesteht: "Mir war immer klar, dass sich nur ein spezielles Publikum meinen Film ansehen wird." Dabei ist seine Cowboy-Romanze noch der erfolgreichste der fünf Nominierten.

Ob sich die Oscar-Academy auch in den kommenden Jahren dem Nischen-Kino zuwenden wird, bleibt abzuwarten. Mark Gill sieht das sehr zurückhaltend: "In diesem Jahr hatten die Independents einfach mehr Glück. Ich wette, dass sich die Studios im nächsten Jahr wieder das Gros der Nominierungen für den 'Besten Film' holen."

Es dürfte auch davon abhängen, ob sich der Trend zur Politisierung weiter durchsetzt. Wenn die Studios zunehmend brisante Stoffe aufgreifen - wie etwa in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, könnten sie künftig bei den Oscars besser abschneiden. Dagegen spricht allerdings die kaufmännische Logik. Die Major-Produktionen "Syriana" und "München" erreichten bei weitem nicht die Gewinnmargen ihrer kleinen Mitbewerber.

Vielleicht verlieren auf dem Weg an die Spitze auch einige der Independent-Mogule den Spaß. "L.A. Crash"-Macher Bob Yari etwa wurde von den Platzhirschen Hollywoods ausgebremst. Obwohl er den Film drei Jahre lang entwickelt und finanziert hatte, dürfte er bei einem Gewinn nicht aufs Oscar-Podest steigen: Pro Film werden nur noch maximal drei Produzenten nominiert, und der zuständige Berufsverband verweigerte dem Branchen-Außenseiter eine Nennung. Mit einer Oscar-Statue werden im Fall der Fälle Regisseur und Autor Paul Haggis (der auch produzierte) sowie Cathy Schulman geehrt

Doch der Unternehmer Yari will jetzt erst recht für die Rechte der unabhängigen Produzenten kämpfen. Und von der diesjährigen Oscar-Rennen lässt er sich schon gar nicht abhalten: "Fürs nächste Jahr habe ich schon vier mögliche Kandidaten." Fürs erste aber hat er die Oscar-Organisatoren verklagt. Schließlich würden Sie ihm das Recht auf seinen Oscar absprechen. Dafür müsste "L.A. Crash" am Sonntag freilich erst einmal gewinnen.



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