Oscars 2012 Alles neu, alles alt

Es soll die Nacht der Nächte werden: In Hollywood werden die Oscars in einer Mammutshow verliehen. Doch der Glanz der Stars kann die Krise der Filmbranche nur kaschieren.

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Diesmal wird alles anders. Sagt jedenfalls Brian Grazer, der Produzent der Oscar-Show: Das Kodak Theatre, seit 2001 der Schauplatz der Gala, sei komplett umdekoriert worden - im Stil eines "zeitlosen Filmpalastes". Mehr verrät er aber nicht: Wer's wissen will, muss zugucken.

Alles wird anders. Sagt Starkoch Wolfgang Puck, der die Preisträger anschließend beim Governors Ball verköstigt. Da gebe es diesmal Häppchen statt Drei-Gänge-Menüs, Chaiselongues statt Stühlen, Sitzecken statt Tischen. "Eine neue Energie", nennt Puck das, an einem goldenen Schoko-Oscar knabbernd.

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Oscars 2012: Vorbereitungen für die Mammutshow
Alles wird anders. Sagt nicht zuletzt der Alt-Comedian Billy Crystal, der mal wieder durch die Show führt. "Zusätzliche Aufregung für die Oscars", twittert er am Freitag. "Ein Umschlag wird einen lebendigen Skorpion enthalten!"

Der Countdown läuft - die PR-Maschinerie auch. Wie jedes Jahr tut das Oscar-Gremium Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas) so, als habe es den begehrtesten Filmpreis der Welt komplett neu erfunden. Am Sonntag ist es wieder so weit, zum 84. Mal (ab null Uhr startet der Liveticker auf SPIEGEL ONLINE).

Wie jedes Mal gibt es auch in diesem Jahr Zweifel an der Relevanz des vierstündigen Spektakels ("Wir peilen drei Stunden an", schwört die Ampas), vor allem in bedrückenden Zeiten wie diesen. Flaue Witze, unendlich viele und sinnlose Kategorien, Dankesreden ohne Ende und dann die Tanzeinlagen: "Es ist höchste Zeit", findet Dan Kois, Kulturkolumnist des Online-Magazins Slate, "die Academy Awards zu reformieren."

Alles muss stimmen

Leicht gesagt. Die Oscars sind von Natur aus ein schwergängiges Dickschiff. Ein geradezu militärisch durchorganisiertes Unterfangen mit Tausenden Akteuren hinter den Kulissen. Am Hollywood Boulevard werkeln sie seit Tagen hinter hohen, schwarzen Paravents, mit denen die Ampas das Spektakel vor Schaulustigen versteckt.

Dahinter wird der rote Teppich ausgerollt, über die Schlaglöcher des abgesperrten Boulevards. Es ist seit Jahren derselbe dicke Stoffstreifen, aus dem Lager der Firma American Turf & Carpet hervorgeholt und grundgereinigt: nicht zu weich, nicht zu fest, vor allem nicht zu rot. Sondern "Cayenne", so der offizielle Name, eine Art Grellpurpur, das nur in der verzerrten Fernsehoptik "rot" aussieht - 150 Meter lang, zehn Meter breit und von Latinos verklebt.

Da muss alles stimmen: Ecken, Kanten, Winkel. Dutzende wichtigtuerische Produktionsassistenten dirigieren diese sensible Choreografie im Herzen Hollywoods. In der Nacht zum Samstag war der Open-Air-Laufsteg noch eine laute Großbaustelle. Am Sonntag wird er Inbegriff globalen Glamours sein - dank Hunderter Scheinwerfer, Farbfilter, Weichzeichner und goldener Oscar-Statuen.

Auf der einen Seite des Teppichs stehen Tribünen mit 700 Sitzen für Fans, die ihre Tickets in einer Online-Lotterie gewonnen haben. Auf der anderen Seite die markierten Stehpositionen für Fotografen, Kameraleute und schreibende Reporter. Wie sehr selbst die am immer gleichen Trott hängen, zeigt sich, als die Ampas einige ihrer Plätze jetzt erstmals verschob: Da erhebt sich höfliches, doch festes Murren, bis ein "Kompromiss" gefunden ist.

Auch drinnen läuft alles wie am Schnürchen. Ist jedenfalls anzunehmen: Anders als beim letzten Mal, als sich die Oscars mit virtueller Transparenz und albernen YouTube-Filmchen der Moderatoren Anne Hathawayund James Francoblamierten, herrscht diesmal strikte Geheimhaltung. Selbst die traditionelle Pressekonferenz der Produzenten entfällt.

Auch die wenigen Details, die die Ampas von den Proben freigibt, enthüllen wenig Neues. Etliche Stars schleichen sich durch den Hintereingang, um ihre Rendezvous mit dem Teleprompter persönlich zu üben: Tom Cruise, Angelina Jolie, Jennifer Lopez, Cameron Diaz, Penélope Cruz. Akrobaten vom Cirque du Soleil räkeln sich im Auditorium. Die Ampas macht vorab viel Wind um deren "exklusive" Einlage (50 Teilnehmer!). Doch der Cirque - ein Mammutunternehmen mit zurzeit 20 Shows weltweit - hat seine Novität längst verloren.

Dabei waren die Hoffnungen auf eine schrägere Oscar-Show groß. Nach dem Reinfall mit Hathaway und Franco hatte die Ampas den Komiker Eddie Murphyals Conferencier engagiert und Regisseur Brett Ratner ("Rush Hour") als Produzenten. Doch dann setzte Ratner mit seinem losen Mundwerk ("Proben ist für Tunten") sich selbst und Murphy vor die Tür. Dazu ist die Ampas dann doch zu konservativ.

Was bringen die Oscars überhaupt?

Also jetzt Billy Crystal. Der Klamottenkomiker ist ein Oscar-Veteran, er hat die Show schon achtmal moderiert. Crystal ist 63 - womit er sich bei der Ampas in bester Gesellschaft befindet: Deren 5765 Mitglieder sind zu 94 Prozent weiß, zu 77 Prozent männlich und zu 54 Prozent älter als 60. Unter 40 Jahren sind nur 115 von ihnen - gerade mal zwei Prozent.

Was auch die Auswahl der nominierten Filme erklärt. Zwar geht sich 2012 in den US-Kinos gut an, doch keiner der Oscar-Kandidaten ist ein Kassenknüller. Das Familiendrama "The Descendants" mit George Clooney, fünfmal nominiert, war vorige Woche der lukrativste Oscar-Streifen - und landete damit trotzdem nur weit abgeschlagen auf Platz 11. "The Artist" und "Hugo Cabret", die Favoriten für "Bester Film", rangierten sogar auf 13 und 14.

Eine alte Frage: Was bringen die Oscars einem überhaupt? Oscar-Novizen sicher einiges, nicht zuletzt Aufregung. "Es ist ganz toll, dass wir eine Nominierung erhalten haben", freut sich Steffen Reuter, einer der deutschen Produzenten des polnischen Holocaust-Epos "In Darkness", das als "Bester fremdsprachiger Film" konkurriert. "Wir haben so viele Jahre daran gearbeitet. Es ist schön, dass das jetzt auch gewürdigt wird."

Finanziell dagegen ist die Freude weniger klar. Zwar legen die prämierten Streifen an der Kinokasse meist noch mal kräftig zu. Doch dieser Oscar-Bonus schrumpft seit Jahren. Genauso wie die US-Zuschauerzahlen der Oscars. Vor 2002 sahen meist noch mehr als 40 Millionen zu, 1998 waren es sogar 55 Millionen. Dann kam der Abstieg. 2011 lag mit 37,6 Millionen um neun Prozent unter 2010. Dieses Jahr dürften die Oscars eine niedrigere Quote einfahren als die Emmy-Verleihung neulich. Schlimmer noch für Werbekunden: Das verbliebene Publikum wird immer älter.

Kreisende Pleitegeier

Die Quoten reflektieren die Lage der Branche. Der Oscar-Glanz kaschiert, dass diese Industrie genauso kämpft wie andere. Zwar steigen die Umsätze, dank digitaler Methoden und saftiger 3-D-Zuschläge. Doch die Rezession hat auch Hollywood in eine Job-Krise gestürzt, die bis heute alle trifft - vom Studio-Manager über den Charakterdarsteller bis hin zum Bühnenbildner.

"Die Leute haben keine Ahnung, was gerade in Hollywood los ist", zitierte die "New York Times" neulich eine Branchenbloggerin. "Es gibt so wenig Arbeit, alle leben von dem Geld, das sie in den neunziger Jahren verdienten, doch tun so, als habe sich nichts verändert."

Paradebeispiel: die Oscars. Alles neu, alles alt, so das Motto auch diesmal. Doch die Ampas kann den kreisenden Pleitegeier nicht ganz verscheuchen. Das Kodak Theatre, extra für die Oscars gebaut, darf seit dieser Woche nicht mehr so genannt werden. Der Filmproduzent Kodak hat als Folge der Digitalisierung Konkurs angemeldet und kann die Namensrechte (3,6 Millionen Dollar im Jahr) nicht länger zahlen.

Jetzt finden die Oscars also im Hollywood & Highland Center statt. So heißt das Einkaufszentrum, in dem das Theater steht.



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