Oscars 2015 Politik schlägt Plattitüde

Die Gags von Moderator Harris verpufften angesichts engagierter, politischer Dankesreden: Die 87. Oscar-Show war Murks, aber deswegen noch lange nicht mies.

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"Die wichtigsten Entscheidungen, die uns alle betreffen, werden im Geheimen getroffen. Wir verlieren unsere Fähigkeit, die Mächte zu überwachen, die uns kontrollieren", sagte Laura Poitras, als sie ihren Oscar für die Dokumentation "Citizenfour" entgegennahm. Die US-Filmemacherin dankte außerdem dem Whistleblower Edward Snowden, um den sich ihr Film dreht, für seinen Mut.

Es war ein wichtiger, ein großer politischer Moment dieser 87. Oscar-Show. Und was machte Gastgeber Neil Patrick Harris? Er verballhornte diesen Moment mit einem miesen, wenn nicht infamen Wortspiel: Edward Snowden könne an der Show nicht teilnehmen, er sei verhindert, "for some treason". "For some reason", aus irgendwelchen Gründen, hätte es heißen müssen, aber Harris entschied sich für das ähnlich klingende Wort "treason", Hochverrat.

Das war nicht ganz so schlimm wie Co-Gastgeber Frank Sinatra, der sich 1975 im Namen der Academy für den Dokumentarfilmer Bert Schneider entschuldigt hatte. Schneider hatte damals in seiner Dankesrede für seinen Vietnam-Film "Hearts and Minds" ein Telegramm des nordvietnamesischen Botschafters vorgelesen, der sich bei allen Amerikanern bedankte, die sich für das Ende des Krieges einsetzten. Sinatra hatte gesagt, die Academy sei nicht verantwortlich für jedwede politische Andeutung und es täte ihm leid, dass sie an diesem Abend stattgefunden habe.

Harris' fehlplatzierter Witz war nicht ganz so gravierend, aber er machte deutlich, in welchem Dilemma die stets betont unpolitische Academy besonders in politisch schwierigen Zeiten steckt: "The Show must go on" lautet das eherne Motto, aber manchmal kann man die Krise eben nicht wegtanzen.

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Oscars 2015: Der heitere Tingeltangel verpufft
Ein ganz besonders unangenehmer Eiertanz

Die ernsten Sujets der zu Recht für Oscars nominierten Filme kollidieren immer wieder mit dem Anspruch, eine möglichst harmlose, gegen jede Politik immune Show zu produzieren. Legendär die Auftritte der amerikanischen Ureinwohnerin Sacheen Littlefeather anstelle von Preisträger Marlon Brando (1973) oder die wütende "Shame on you, Mr. Bush"-Rede von Michael Moore im Jahre 2003. Und dieses Jahr war es ein ganz besonders unangenehmer Eiertanz.

Denn nicht nur Poitras nutzte die globale Bühne der Oscar-Verleihung, um auf politische Missstände hinzuweisen. Auch Patricia Arquette und die Musiker Common und John Legend hielten flammende, hochemotionale Reden, gegen die jeder heitere Tingeltangel, den Harris drumherum zu zaubern versuchte, verpuffen musste. (Hier die Oscar-Nacht zum Nachlesen im Minutenprotokoll.)

Arquette, die hochverdient den Oscar als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in Richard Linklaters "Boyhood" gewann, forderte kämpferisch gleiche Bezahlung und gleiche Rechte für Frauen, nicht nur in der Filmbranche, sondern ganz allgemein, was nicht nur Meryl Streep von ihrem Sitz riss. Common und Legend, Preisträger in der Kategorie "Bester Song" für ihr Lied "Glory" aus dem Martin-Luther-King-Biopic "Selma", erinnerten daran, dass Afroamerikaner noch immer und vor allem im Lichte aktueller Ereignisse in Ferguson und New York unter Rassismus und Bürgerrechtsverletzungen zu leiden hätten.

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Oscar-Gala: Jetzt wird's politisch!
Es gab noch mehr dieser bedeutungsvollen Momente: Der Drehbuchautor Graham Moore, mit dem Oscar für das beste adaptierte Skript zu "The Imitation Game" geehrt, erzählte auf der Bühne sehr bewegend, wie er sich mit 16 umbringen wollte, weil er homosexuell war und unter seiner Andersartigkeit litt. "Stay weird, stay different!", rief er ins Publikum. Und auch der Gewinner des Abends, der mexikanische Filmemacher Alejandro González Iñárritu, der mit "Birdman" die Oscars für die beste Regie und den besten Film bekam, brachte noch ein kurzes Statement über die Lage der Zuwanderer in den USA unter.

Viele der in der Königskategorie nominierten Filme behandelten diese ernsten Themen: Rassismus und Bürgerrechte in "Selma", Homosexualität in "The Imitation Game", Kriegstraumata und fanatischen, in Gewalt ausufernden Patriotismus in "American Sniper", Leistungs- und Erfolgsdruck im virtuosen "Whiplash", die Verheerungen von Alzheimer und ALS in "The Theory of Everything" und "Still Alice".

Selbst die Showbiz-Farce "Birdman", mit vier Oscars und dem Titel "Bester Film" der erfolgreichste, aber auch der versöhnlichste, am meisten mit Nabelschau beschäftigte dieses starken Jahrgangs, setzt sich auf seine Weise kritisch mit der Blockbusterisierung Hollywoods und der kreativen Misere der Filmbranche auseinander. Bei der zum Großteil aus Schauspielern zusammengesetzten Academy durchgesetzt haben dürfte er sich jedoch eher, weil es ein Film über Schauspieler ist. Hollywood beschäftigt sich eben am liebsten mit sich selbst.

Der Abend der 87. Oscar-Verleihung war jedoch einer, an dem sich die Preisträger dem Diktat der Political Correctness und des tapferen Weglächelns mutig widersetzt haben und die Nacht mit ihrem Engagement zum Leuchten brachten. Deshalb wirkte der Broadway-geübte Neil Patrick Harris mit seinem Entertainer-Katzengold so stumpf, deshalb wären seine Gags auch dann ins Leere gelaufen, wenn sie gut gewesen wären.

War es wegen dieser Zerreißprobe eine besonders zähe Show? Ja, aber zu zäh ist allemal besser als zu glatt. In den uneindeutigen, schwierigen Zeiten, in denen wir leben, kann es eben auch keine eindeutige, leichtherzige Oscar-Verleihung geben.

Das Einzige (außer Harris), das wirklich nachhaltig bedauernswert bleiben wird, ist, dass Richard Linklaters Independent-Drama "Boyhood" die Oscars für Regie und besten Film verwehrt blieben. Das über zwölf Jahre gedrehte Coming-of-Age-Drama ist ein handwerklich und erzählerisch revolutionäres Stück Kino - und eine verpasste Gelegenheit für Hollywood, sich mal sinnvoll mit sich selbst und seinem Medium zu beschäftigen.

insgesamt 12 Beiträge
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cmann 23.02.2015
1. Chance Vertan!
Neil Patrick Harris hat es Versäumt Hollywood und seine Protagonisten eine würdige Platform zu bieten. Sein Versuch mit lauen oder gar dämlichen Kalauern die geäußerten ernsthaften Anliegen der Geehrten zu torpedieren bediente wieder einmal alle "typischen Hollywood Klisches". Harris Moderation war oberflächlich, ohne jegliches Gefühl für "Situationen" eben "Hollywood Blabla". Der Gipfel war der Auftritt von Sean Pen mit seinem Greencard und Hurensohn Zitat für einen 4 fachen Oscar Gewinner.
jakam 23.02.2015
2.
Harris war schon immer ein Depp, genau wie der ganze sich selbst beweihräuchernde Affenzirkus in Hollywood. Viel Geblubber, nichts dahinter. All around the country semi-compulsory fun is being enjoyed by large groups of easily-amused people, united by their shared enthusiasm for wealthy people...
eisfuchs 23.02.2015
3.
Vielleicht liegt es auch daran, dass der Autor die Witze von Harris nicht versteht, wenn man nicht in der Welt der Hollywood-Schaubühne lebt und die der Kritik die dahinter steht. Einmal zu Snowden, einmal auch so Sätze wie "Tonight we celebrate Hollywood's best and whitest, sorry … brightest.".
universitario 23.02.2015
4. keine Zustimmung
"Der Abend der 87. Oscar-Verleihung war jedoch einer, an dem sich die Preisträger dem Diktat der Political Correctness und des tapferen Weglächelns mutig widersetzt haben und die Nacht mit ihrem Engagement zum Leuchten brachten" das kann doch wohl kaum ernst gemeint sein. Die Aussagen der Preisträger sind doch Paradebeispiele der Political Correctness! Eintreten für die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexuellen, die Forderung von Gleichberechtigung der Geschlechter, ein Statement gegen Rassismus - das alles vor einem elitären und vor allem auf gesellschaftliche Anerkennung angewiesenen Publikum vorgetragen - erfordert nun alles, aber keinen Mut! (ich stimme btw den Aussagen durchaus zu) Was für ein Risiko erwartet denn diese Helden? Killerkommandos der Männerlobby? Morddrohungen des Ku-Klux-klans? Briefbomben der Römischen Kirche? Angesichts der globalen Krisen (bsp. ISIS?) sind diese ewig gleichen und ausgelutschten Forderungen von Selbstverständlichkeiten von Millionären an Millionäre mit verpflichtenden standing ovations die eigentliche Nabelschau!
fanboy_666 23.02.2015
5. Schon klar...
Wer Eddy Redmaines Leistung als Minimalismus bezeichnet (siehe Fotostrecke) sollte lieber wieder auf Tatort-Kritiken umsteigen. Unfassbar wieder, was in diesem Artikel an Arroganz zu lesen ist, zum Kopfschütteln. Wenn ihr es nicht lassen könnt, Filme zu hassen und trotzdem drüber berichten müsst, dann behaltet bitte folgende Prämisse im Hinterkopf: egal was man von Hollywood(-Filmen) hält, Deutschland hat nicht das Geringste in dem Bereich zu bieten.
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