Deutsche Oscaranwärter Bertelmann und Mettelsiefen Die Nominierung ihres Lebens

Deutschlands Oscarhoffnungen: Neben Maren Ade ("Toni Erdmann") sind auch der Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen und der Komponist Volker Bertelmann alias Hauschka nominiert. Wie stehen ihre Chancen?

[M] DPA

Von , Los Angeles


Sie sind zwei Pioniere, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Der gebürtige Münchner Marcel Mettelsiefen, 39, ist ein Kriegsreporter, der gerne auf eigene Faust in Krisenregionen wie Syrien reist. Der Düsseldorfer Volker Bertelmann, 51, bekannt unter dem Künstlernamen Hauschka, ist ein Komponist und Pianist mit ausverkauften Konzerten und mehr als einem Dutzend Studioalben.

Doch jetzt sind sie aus ihren zwei so unterschiedlichen Universen in Hollywood gelandet, wo sie - zumindest bis Sonntag - ein gemeinsames Schicksal teilen und einen seltenen Titel: deutscher Oscarkandidat.

Sie nehmen es gelassen. "Der ganze Weg ist das Ziel gewesen", sagt Mettelsiefen, wie ein Awards-Profi. "Man muss sich da keinen Kopf machen", sekundiert auch Bertelmann: "Ich habe im Prinzip schon durch die Nominierung gewonnen."

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Oscarkandidaten Bertelmann und Mettelsiefen: Zwei Underdogs in Hollywood

Worte, wie sie von Underdogs erwartet werden. Denn das sind sie: Mettelsiefen ist für seinen Dokumentarkurzfilm "Watani: My Homeland" über eine syrische Flüchtlingsfamilie in Goslar nominiert, in einer Kategorie, die diesmal - wie die gesamten Oscars - besonders politisch und umkämpft ist. Bertelmann und sein US-Kollege Dustin O'Halloran gehen mit ihrer Musik zum Kinodrama "Lion" ( Nicole Kidman, Dev Patel) ins Rennen - gegen den Top-Favoriten, das Musical "La La Land".

Knallharte Konkurrenz also. Hinzu kommt: Der offizielle deutsche Oscarbeitrag ist Maren Ades Kinohit "Toni Erdmann", nominiert als "Bester fremdsprachiger Film". Der sorgt schon allein für den Oscar-Buzz in der Heimat und überschattet die beiden anderen Kandidaten. Manche PR-Leute wussten anfangs nicht mal, dass Mettelsiefen, der in Barcelona lebt, Deutscher ist.

Vielleicht werfen sich Mettelsiefen und Bertelmann auch deshalb geradezu unbeschwert in den Wettbewerb. Sie kosten den Oscarzirkus richtig aus - eine befremdliche, zugleich aber einmalig wertvolle Erfahrung.

"Ich weiß ganz klar, wo ich hin will", sagt Mettelsiefen, der seine im Alleingang erkämpfte Nominierung als Chance für neue Kontakte sieht. Denn alle Kandidaten werden hier tagelang herumgereicht bei Empfängen mit Studiobossen und Stars: "Ich versuche", hofft er, "Türen zu öffnen."

Filmemacher Marcel Mettelsiefen am 19.02.2017 in Berlin
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Filmemacher Marcel Mettelsiefen am 19.02.2017 in Berlin

Mettelsiefen sitzt im Café eines Hotels am Sunset Boulevard. Draußen parken livrierte Pagen die Sportwagen. Sowohl Syrien als auch Goslar scheinen Welten entfernt.

In Syrien wurde Mettelsiefen vom kriegerprobten Fotografen (auch für SPIEGEL ONLINE) zum Dokumentarfilmer. Sein erster Film "Children of Aleppo" (2014) porträtierte die Familie des Rebellen Abu Ali. "Watani" ist die Fortsetzung: Ali wurde von der Terrormiliz IS entführt, seine Frau Hala und ihre Kinder müssen nun widerwillig nach Deutschland fliehen.

Mettelsiefen weiß, dass "Watani" gegen "große Player" antritt: "White Helmets", eine Netflix-Dokumentation über syrische Rettungsarbeiter, wird von George Clooney als Spielfilm adapiert. Doch die globale Flüchtlingsdebatte, die mehrere Oscarkandidaten aufgreifen, gab auch "Watani" aktuelle Brisanz. "Da herrscht gerade ein ganz neuer Hunger, eine sehr spannende Dynamik", sagt Mettelsiefen.

Am anderen Ende Hollywoods sitzt Volker Bertelmann in einem Büro über dem Walk of Fame, dem Boulevard mit den Sternen der Stars. Auch er kam über ein "emotional aufgeladenes Thema" zu den Oscars: "Lion" - sechs Nominierungen, darunter "bester Film" - ist die wahre Odyssee eines Inders, der als kleines Kind von der Familie getrennt wird und erst 26 Jahre später seine Mutter wiederfindet.

Komponist und Pianist Volker Bertelmann, bekannt unter dem Künstlernamen Hauschka, am 20.01.2017 in Düsseldorf
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Komponist und Pianist Volker Bertelmann, bekannt unter dem Künstlernamen Hauschka, am 20.01.2017 in Düsseldorf

Es ist nicht Bertelmanns erste Filmmusik. Doch "Lion" ist sein erster Hollywoodblockbuster. Regisseur Garth Davis engagierte ihn und O'Halloran, ohne zu wissen, dass die Männer eng befreundet sind. "Es war fast vorbestimmt", sagt Bertelmann. Über Kontinente hinweg schufen sie einen Score, dessen simple Zurückhaltung den fast dialogfreien Film vor dem Absturz in den Kitsch bewahrt - trotz seiner tief ergreifenden Motive, denen am Ende keine Tränendrüse widersteht.

Für Bertelmann - der auf der Konzertbühne zu Hause ist - war das eine willkommene Herausforderung: "Ich wollte den Menschen helfen, dass sie ihr eigenes Gefühl ernst nehmen, dass sie nicht von mir in diese Traurigkeit getrieben werden." Die Musik ist kein Stichwortgeber, sondern ein Leitfaden.

Mit der Promi-Produktion "Lion" ist Bertelmann in Hollywood ganz oben gelandet: "Die Leute nehmen dich mit in ihren Kreis." So ist er längst auch ein Experte darin, wie das Geschäft läuft. "Ich habe das Gefühl, dass ich daran wachse." Schon jetzt bekomme er viel bessere Filme angeboten - Oscar oder nicht: "Das ist total toll."

Doch bei allem Gleichmut haben sie beide natürlich für Sonntag bereits Dankesreden geschrieben. Ein paar Worte jedenfalls, sagt Mettelsiefen: "Für den Fall der Fälle."


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insgesamt 5 Beiträge
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GyrosPita 24.02.2017
1.
Spätestens seit ich "Toni Erdmann" gesehen habe ist mir klar das eine Oscar-Nominierung wohl mit allem zu tun hat, nur nicht mit der Qualität eines Films. Und was in den Gehirnwindungen von Kritikern vorgeht die eine epische Zeitverschwendung wie "Toni" auch noch in den höchsten Tönen loben wird sich mir wohl nie erschließen. Entweder sind die gekauft, oder die haben genau so eine Ecke ab wie Regisseurin und Drehbuchautor.
Gauswadl 24.02.2017
2. ZEN-Musik
Die Filmindustrie lebt in einer abgeschiedenen Traumwelt ohne Prostata und ohne Zahnschmerz. Dazu passt die ZEN-Musik des Hauschka gut. Ohne dass sie gut ist.
Micirio 24.02.2017
3. Zeitenwende verschlafen
Hollywood und die Oscars haben die Zeitenwende verschlafen. Vermutlich hatten sie aber sowieso nie eine Chance. Netflix und Amazon gehören mit Ihren Produktionen die Zukunft. Begonnen hat m. M. n. alles mit Serien wie "Breaking Bad" und "The Wire". Dann kamen "True Detective (1. Staffel)" und "Game of Thrones". Derzeitiger Höhepunkt ist für mich "The Man in the High Castle (Amazon)" bzw. "Orange is the New Black" und "Narcos" von Netflix. Warum? Bei solchen Serien kann sich die Story Zeit nehmen, Charaktere können sich entwicklen und über Cliffhanger wird ein Suchtfaktor produziert. Wie soll Hollywood mit seinen 2-Stunden-Filmen dagegen angehen? Zu Hause kann man jederzeit die Serie fortsetzen, pausieren, abbrechen. Aber Filme wie den grauenhaften "Toni Erdmann", den überschätzten "La La Land" oder den einfach nur dämlichen Möchtegern-Skandalfilm "Fifty Shades of Grey" und ähnliche Pseudo-Kunstfilme sich zwei Stunden im Kino (aus Geiz) komplett anzuschauen, ist eine Zumutung. Das Kino ist nur noch für zwei Dinge geeignet: Ein zweites Date oder einen gigantischen Blockbuster mit enormen Schauwert wie "Herr der Ringe", "Star Wars" oder "Marvel". Für was anderes sollte man kein Geld mehr ausgegeben. Und dies sag ich als Sohn eines Kinobesitzer, der mit Kino aufgewachsen ist. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich mir diese Oscar-Nacht nicht anschauen. Tragisch aber leider ist es die Realtität: Das Autorenkino von Hollywood feiert sich nur noch selbst ohne zu bemerken, dass seine (Kino)Zeit abgelaufen ist.
derjoey 24.02.2017
4.
Zitat von GyrosPitaSpätestens seit ich "Toni Erdmann" gesehen habe ist mir klar das eine Oscar-Nominierung wohl mit allem zu tun hat, nur nicht mit der Qualität eines Films. Und was in den Gehirnwindungen von Kritikern vorgeht die eine epische Zeitverschwendung wie "Toni" auch noch in den höchsten Tönen loben wird sich mir wohl nie erschließen. Entweder sind die gekauft, oder die haben genau so eine Ecke ab wie Regisseurin und Drehbuchautor.
Das Beste, was man über den Film sagen kann (neben der Oscar-Nominierung selbst), ist, dass er ein absoluter Nicht-Hollywood-Streifen ist, in jeglicher Beziehung. Ich verstehe, dass ihn viele auch deswegen gut finden. Ich selbst war nicht so begeistert, für eine Tragikomödie fand ich ihn nicht lustig genug, und die Tragik selbst bestand streckenweise mehr aus Fremdschämen.
wallererc 24.02.2017
5.
Schade dass das viele wie meine Vorredner sehen. Geschmack ist Geschmack. Aber wie der Mainstream sich gerade gegen künstlerischen Anspruch wehrt, ist von geradezu historischem Ausmaß. Während Blockbuster ohne Innovation wie die Marvels und Transformers dieses Jahrzehnts am Box Office Rekordzahlen einspielen, müssen talentierte Regisseure enorme Risiken eingehen um überhaupt was drehen zu können. Toni Erdmann ist übrigens wenig überraschend bei genau der Gruppe unpopulär die sie anspricht.
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