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Oscars 2019: Das sind die Gewinner

Foto: KEVORK DJANSEZIAN/ AFP
Andreas Borcholte

Oscar für "Green Book" Der falsche Film

Viel Raum für Frauen, Schwarze und Latinos: Die 91. Oscarverleihung lief besser als erwartet. Der Triumph von "Green Book" zeigt jedoch, wie viel Veränderung noch nötig ist.

Hätte es doch ein neues "Envelopegate" gegeben! Zu gern hätte man am Ende der 91. Oscarverleihung erlebt, wie sich Julia Roberts, die den Preis für den besten Film präsentierte, kokett korrigiert - und dann doch "Roma" als Gewinner ausruft. Oder "BlacKkKlansman". Oder "The Favourite", selbst "Bohemian Rhapsody" wäre irgendwie okay gewesen. Aber nicht "Green Book". Es fühlte sich ein wenig so an wie 2006, als der seifige Episodenfilm "L.A. Crash" gegen das revolutionäre - und rührende - Liebesdrama um zwei Männer "Brokeback Mountain" gewann: ein reaktionärer Schlag gegen die progressiven Kräfte in Hollywood.

2019 ist vieles anders als Mitte der Nullerjahre: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences wurde in den vergangenen zwei Jahren verjüngt und erneuert. Mehr Frauen, mehr Schwarze und Latinos wurden eingeladen, die rund 6700 Mitglieder wurden diverser und weiblicher. Aber Hollywood, so sehr es sich auch im Aufbruch befinden mag, hat noch einen weiten Weg vor sich. Das zeigte sich an diesem Sonntagabend durch den überraschenden Gewinnerfilm, dessen Oscar-Triumph sicher noch für Diskussionen und Kontroversen sorgen wird.

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Oscars 2019: Das sind die Gewinner

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"Green Book" (Lesen Sie hier die ausführliche Rezension), geschrieben von Nick Vallelonga als Hommage an seinen Vater, den New Yorker Türsteher Tony "Lip" Vallelonga, gedreht von Komödienspezialist Peter Farelly ("Dumm und Dümmer"), ist ein bewegender Film. Mit der Wucht von Viggo Mortensen und Mahershala Ali in den Hauptrollen erzählt er eine wahre Geschichte über Rassismus in den US-Südstaaten der frühen Sechzigerjahre (hier der Hintergrund), eigentlich ein gutes, ein wichtiges Thema. Aber "Green Book" erzählt diese Geschichte eben vorrangig aus der Perspektive des "White Saviours" Vallelonga und dringt kaum in die existenzielle Krise des afroamerikanischen Musikers Don "Doc" Shirley ein, dessen Chauffeur und Bodyguard Tony "Lip" auf der Tour durch den Deep South ist.

Von Weißen für Weiße gemacht

Stattdessen strickt der Film eine versöhnliche, für Weiße sehr beruhigende Mär, dass sich mit ein bisschen gegenseitigem Verständnis und Empathie der verdammte Rassismus schon erledigen wird. Anders als der nicht minder massenkompatible, aber weitaus schärfere "BlacKkKlansman" von Spike Lee stellt "Green Book" keinerlei Verknüpfungen zum immer noch sehr aktuellen Konflikt über Rassismus in den USA her, anders als die James-Baldwin-Adaption "Beale Street" von Barry Jenkins (Lesen Sie hier ein Porträt des Regisseurs ), der leider nicht als bester Film nominiert war, lässt er intimere, sensible Blicke auf schwarze Lebenswirklichkeiten nicht zu. "Green Book" ist ein Crowd-Pleaser, ein Publikumsfilm der altmodischen Hollywood-Schule, von Weißen für Weiße gemacht.

Aber diese althergebrachten Regeln gelten eben nicht mehr - oder zumindest nicht mehr lange. Auch das zeigte diese Oscar-Show, die überraschend flüssig und straff über die Bühne ging, ohne dabei gehetzt zu wirken. Aus Angst vor noch weiter abstürzenden Quoten hatte ABC sich eine schlanke Show von drei Stunden Länge gewünscht - und die Academy machte Anstalten, sich mächtig zu verbiegen: Erst wollte Academy-Chef John Bailey eine neue Kategorie für "populäre" Filme einführen, um die Massen zu bannen, was er schnell wieder einkassierte.

Dann sollten Schlüsselkategorien wie "Bester Schnitt" oder "Beste Kamera" sowie einige der nominierten Songs nicht mehr live in der Show vorkommen. Und dann kam zu allem Unglück auch noch der designierte Show-Gastgeber Kevin Hart abhanden. Zum ersten Mal seit 1989 sollten die Oscars ohne moderierenden Host stattfinden - und das in politisch so heiklen und aufgeheizten Zeiten. Ein Desaster schien absehbar, je unsouveräner sich Academy und TV-Produzenten präsentierten.

Sehen Sie hier die wichtigsten Talking Points der Oscars

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Doch dann, oh Wunder, begann die Verleihung mit einem launigen, lustigen Auftritt von Tina Fey, Amy Poehler und Maya Rudolph, die man sich auch gut als Gastgeberinnen-Triple hätte vorstellen können. Der erste Oscar ging dann an Regina King aus "Beale Street", die mit ihrer tränenreichen Dankesrede gleich für große Emotionalität sorgte. So abwechslungsreich ging es weiter: Mit der "Black Panther"-Ausstatterin Hannah Beachler gewann erstmals eine Afroamerikanerin in der Produktionsdesign-Kategorie. Mit Marvels "Black Panther", der letztlich drei Oscars gewann, fand sich nicht nur erstmals ein Superheldenfilm unter den "Bester Film"-Kandidaten, sondern auch gleich noch der nach Zahlen erfolgreichste Film des letzten Jahres - mit einer stolzen Feier afrofuturistischer Utopien. Mehr abgebildeter Massengeschmack geht kaum.

Spitzen gegen Trumps Mauerwahn

Nicht nur waren viele der Oscar-Presenter in diesem Jahr schwarz, auch Black-Cinema-Pionier und Hollywood-Outlaw Spike Lee bekam endlich seinen ersten Oscar. Wenn auch nicht, wie eigentlich verdient, als bester Regisseur, sondern für das von ihm adaptierte Drehbuch zu "BlacKkKlansman", aber immerhin!

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Schauspieler Javier Bardem lieferte zudem Spitzen gegen Trumps Mauerwahn auf Spanisch - und der mexikanische "Roma"-Regisseur Alfonso Cuarón, der eigentlich gesetzte Sieger des Abends, plädierte für Völkerverständigung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Präsenter waren Frauen, Asiaten, Schwarze und Latinos sehr selten bei den Oscars - dieser neuen, aber dennoch fast schon selbstverständlich wirkenden Diversität bei einer in Traditionen verkrusteten Veranstaltung zuzusehen, machte Spaß und Hoffnung für die Zukunft Hollywoods und einer Industrie im Wandel.

Bis dann "Green Book" für einen ernüchternden Backlash sorgte. Und zeigte, dass dieser Wandel eben doch erst beginnt - und noch viel Arbeit und Veränderung verlangt.