Oscargewinner aus Südkorea Was macht "Parasite" so besonders?

Sie haben "Parasite" noch nicht gesehen? Dann wird es aber Zeit! Wenn Sie schon jetzt mitreden möchten: alles Wichtige über den besten Film der Oscarverleihung.
Szene aus "Parasite": von bitter-schwarzem Humor durchzogen

Szene aus "Parasite": von bitter-schwarzem Humor durchzogen

Foto: Koch Film / dpa

Der Film "Parasite" und sein Regisseur Bong Joon-ho sind die großen Gewinner der Oscar-Nacht 2020. Zum ersten Mal in der Geschichte des bekanntesten Filmpreises der Welt wurde ein nicht englischsprachiger Film in der Hauptkategorie ausgezeichnet: als bester Film. Dass dieser Triumph ausgerechnet einem Beitrag aus Südkorea gelingt, einem Land abseits des westlichen (Hollywood-) Kulturhorizonts, ist allerdings nur auf den ersten Blick überraschend.

Worum geht es in "Parasite"?

Familie Kim lebt in einem Kellerloch in Seoul. Das Geld reicht weder für das Studium der erwachsenen Kinder noch für eine bessere Wohnung. Zum Falten von Pizzakartons fehlt den Kims das Talent, und mit diesem Nebenjob kommen sie auch nicht über die Runden. Ein Talent allerdings haben sie: Sie sind gute Hochstapler. Sohn Ki-woo schleicht sich als Nachhilfelehrer in die durchgestylte Villa ein, in der die reiche Familie Park residiert. Seine Schwester empfiehlt er mit viel Überzeugungskraft als Kunst-Therapeutin für den Nachwuchs, der Vater wird Chauffeur, die Mutter Haushälterin. Aber natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Schwindel auffliegt - allerdings auf höchst überraschende und verstörende Weise. Bis zum blutigen Ende sei "Parasite" von bitter-schwarzem Humor durchzogen, schrieb SPIEGEL-Kritikerin Hannah Pilarczyk in ihrer ausführlichen Kritik.

Welche Erfolge feierte der Film vor dem Oscar-Triumph?

In Südkorea war Regisseur Bong Joon-ho schon vor "Parasite" ein Regiestar mit Erfolgen an den Kinokassen, aber seine Klassenkampf-Satire beförderte ihn in eine neue Stratosphäre: Mehr als zehn Millionen Zuschauer sahen den Film dort in den Kinos, auch in Deutschland sind schon fast 450.000. Weltweit spielte er über 167 Millionen Dollar ein, ein phänomenaler finanzieller Erfolg für eine Arthouse-Produktion. Im Mai 2019 gewann "Parasite" als erster südkoreanischer Film überhaupt die Goldene Palme, den Hauptpreis des renommierten Filmfestivals in Cannes.

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Warum Südkorea?

Mit vielen jungen Regisseuren stieg Südkorea seit Ende der Neunzigerjahre, nach Jahren der Zensur und Stagnation, zur führenden Filmnation Asiens auf. Dabei waren die Erfolge immer schon vielfältig: Es gibt sowohl Blockbuster für das Massenpublikum als auch fiebrig inszenierte Dramen, die eher ein an Filmkunst interessiertes Publikum ansprechen. Vor allem war es eine mitreißende Mischung aus Genre und Kunst, die bald auch im Westen für Furore sorgte. Darunter die Filme von Park Chan-wook, der mit "Oldboy" den ersten größeren internationalen Erfolg des südkoreanischen Kinos feierte. Das Thriller-Drama erhielt 2003 den Großen Preis der Jury in Cannes und machte Quentin Tarantino zum Fan, der seitdem kaum eine Gelegenheit auslässt, vom südkoreanischen Film zu schwärmen.

Zu den weiteren großen Regisseuren Südkoreas zählen Kim Ki-duk (Goldener Löwe der Filmfestspiele Venedig für "Pieta"), Hong Sang-soo ("Right Now, Wrong Then") und Lee Chang-dong, der jüngst mit dem Psycho-Drama "Burning" einen internationalen Erfolg landete. Bong Joon-ho gelangen vor "Parasite" bereits Kritiker- und Kassenerfolge mit dem Monster-Thriller "The Host" und dem Sci-Fi-Thriller "Snowpiercer".

Warum aber räumte jetzt ausgerechnet "Parasite" ab?

Als überraschend gelten dürfte es, siehe oben, eigentlich nicht, dass ein Film aus Südkorea den Oscar als bester Film gewonnen hat. Die Frage müsste eher sein, warum das so lange dauerte. Das wiederum hat viel zu tun mit der Geschäftspolitik der Unterhaltungsgiganten aus Hollywood. Der Oscar wurde 1929 schließlich nicht aus der Taufe gehoben, um die internationale Filmkunst zu feiern. Damals wurde zwar der deutsche Schauspieler Emil Jannings als bester Darsteller ausgezeichnet, aber für seine Auftritte in Hollywoodfilmen. Der Oscar war gedacht als global ausstrahlendes Marketing-Tool für die Produktionen aus der Traumfabrik - eine Rechnung, die voll aufging.

In den folgenden Jahrzehnten ging der Hauptpreis deshalb völlig selbstverständlich an einheimische Produktionen, auch wenn es dafür häufig keine echte künstlerische Begründung gab. Dass nun ein Film aus Südkorea gewann, hat einen höchst ironischen Beigeschmack: Seit Jahren ist den Hollywoodstudios nämlich der Erfolg südkoreanischer Produktionen im eigenen Land ein Dorn im Auge. Und erst recht eine staatlich garantierte Quote in Südkorea, die Filmstarts von Hollywoodproduktionen begrenzt und die einheimische Filmindustrie stärkt.

Regisseur Bong Joon-Ho: ein südkoreanisch-globales Filmphänomen

Regisseur Bong Joon-Ho: ein südkoreanisch-globales Filmphänomen

Foto: MARIO ANZUONI/ REUTERS

Der Triumph von "Parasite" zeigt nun, dass auch in den USA das Interesse an Filmen aus dem Ausland wächst. Nicht zuletzt durch die Streamingdienste wird es normaler, fremdsprachige Filme untertitelt oder synchronisiert zu schauen. Und die Themen, die "Parasite" so kongenial künstlerisch verdichtet anspricht, sind auch im Westen bekannt: Wohnverhältnisse als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse, eine sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich und die damit zunehmende Friktion zwischen den Schichten. "Parasite" ist also ein südkoreanisches Film-Phänomen - aber mit einer Geschichte, die ein globales Echo hervorruft.

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