Oscar-Rennen 2014 Liebe Leute, das wird richtig spannend

Wer holt Gold? Das Oscar-Rennen um den besten Film ist in diesem Jahr so offen wie nie. Die Jury könnte Geschichte schreiben, indem sie das erste Mal einen schwarzen Regisseur auszeichnet. Oder wird es doch der Spezialeffekte-Blockbuster? Nur Mut!
Szene aus "Gravity": Ein Science-Fiction-Blockbuster mit der fast 50-Jährigen Sandra Bullock in der Hauptrolle

Szene aus "Gravity": Ein Science-Fiction-Blockbuster mit der fast 50-Jährigen Sandra Bullock in der Hauptrolle

Foto: Warner Bros.

Mögen die Spiele beginnen. Wenn in der Nacht zum 3. März die Oscars vergeben werden, sitzen einmal mehr ein paar hundert Millionen Menschen vorm Fernseher und schauen zu. Etwa 40 Millionen allein in den USA zur besten Sendezeit, in Deutschland werden sich noch rund eine halbe Million Zuschauer die Nacht dafür um die Ohren schlagen. Ja, es geht nur um ein paar Filme, aber was heißt denn hier "nur"? Es geht um Kunst und Glamour, um große Leistungen und große Ungerechtigkeiten. Und das Tollste: In diesem Jahr wird es das erste Mal seit Jahren wieder richtig spannend.

Dabei schien die Verleihung lange fast schon überflüssig, weil sich sowieso fast jeder ausmalen konnte, wer am Ende gewinnen würde. Man musste nur die Preise zählen, die vorher vergeben worden waren, bei den vielen anderen Verleihungen. Ob die Hollywood Foreign Press mit den Golden Globes, die Schauspielergewerkschaft mit den SAG-Awards, die Produzentengilde, die Autorenvereinigung, die Gilde der Regisseure oder jede noch so ominöse Kritikervereinigung irgendeiner amerikanischen Großstadt - es sind so viele geworden, dass es nur einen Weg gibt, die eigene Relevanz zu sichern: indem man nicht zwingend den Film auszeichnet, den man selbst für den besten des Jahres hält, sondern den, dem man den Oscar zutraut. So dass im nächsten Jahr noch mehr Leute bei der Globes- oder SAG- oder Bafta-Verleihung einschalten würden, noch mehr Journalisten und Blogger berichten würden. Bis der Oscar-Gewinner feststeht, vor der Verleihung. Ein todsicheres System. Und ein todlangweiliges.

Manchmal blieben am Ende immerhin noch zwei Favoriten übrig, damit es wenigstens ein bisschen Spannung gab, wie im letzten Jahr bei "Argo" und "Lincoln" oder 2011 bei "The King's Speech" und "The Social Network". Die letzte ernsthafte Überraschung passierte 2006, als "L.A. Crash" den Favoriten "Brokeback Mountain" bezwang, der zuvor fast alles gewonnen hatte. Aber auch damit hatten einige findige Oscar-Beobachter gerechnet.

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Anleitung: Wir bauen uns einen Oscar-Sieg

Foto: Halbautomaten.com

Doch dieses Jahr hilft alle Rechnerei wenig - das Rennen um den Oscar für den besten Film ist so offen wie noch nie. Und es entscheidet sich auch nicht zwischen zwei Filmen. Von den neun nominierten Filmen für den Hauptpreis haben mindestens vier eine gleichwertige Aussicht auf den Sieg. Manche Experten glauben, dass alle neun eine reelle Chance haben.

Die bereits vergebenen Preise taugen nicht als Orakel, denn der übliche Konsens ist diesmal nicht dabei rausgekommen. "American Hustle"? "12 Years a Slave"? "Gravity"? "Captain Phillips"? Jeder hat mal hier, mal da den Hauptpreis gewonnen. "Hustle" bei der Schauspielergewerkschaft, "Captain Phillips" bei den Drehbuchautoren, "Gravity" bei den Regisseuren, "12 Years a Slave" bei den meisten Kritikerpreisen. Die Produzentengilde konnte sich zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht auf einen Gewinner einigen und zeichnete sowohl "Gravity" als auch "12 Years a Slave" aus.

Wie werden die rund 6000 Academy-Mitglieder entscheiden? Es könnten Oscars für die Geschichtsbücher werden, wenn Steve McQueens "12 Years a Slave" gewinnt - ein Film von einem schwarzen Regisseur über die wahre Geschichte eines freien, schwarzen Mannes, der zum Sklaven erklärt und jahrelang von reichen, weißen Männern gequält wird; ein Film, in dem der einzige weiße Held ein Kanadier ist, kein US-Amerikaner. Es hat noch nie ein schwarzer Regisseur den Oscar gewonnen. Und die einzigen beiden bisherigen Bester-Film-Gewinner mit Rassismus-Thema ("In der Hitze der Nacht" und "Miss Daisy und ihr Chauffeur") wurden auch eher aus weißer Perspektive erzählt.

So wird heute gewählt

Ähnlich geschichtsträchtig wäre ein Sieg des Weltraum-Epos "Gravity" von Alfonso Cuarón - unverschämt erfolgreiches Blockbuster-Kino, das von seinen Spezialeffekten lebt, ein visuelles Spektakel, das neue technische Maßstäbe gesetzt hat; und ein Film, in dem eine Frau die einzige Hauptrolle spielt, noch dazu eine, die fast 50 Jahre alt ist. Hat es auch noch nie gegeben.

Oder es läuft alles wie immer. "American Hustle" und "Captain Phillips" sind beide typische Oscar-Gewinner: Ersterer ein sehr weißes, sehr unterhaltsames und nicht sehr kompliziertes Schauspielerfest über die Jagd nach dem amerikanischen Traum; Letzterer ein packender und trotzdem menschelnder Krimi nach wahrer Geschichte, in dem sich ein guter weißer Amerikaner gegen somalische Piraten behauptet.

Wenn die Academy noch so abstimmen würde wie vor fünf Jahren, wäre das Ganze wahrscheinlich eine relativ klare Angelegenheit zwischen "12 Years a Slave" und "Gravity": Es würde insgesamt nur fünf Nominierte geben, jedes Academy-Mitglied wählt seinen Favoriten, der Film mit den meisten Stimmen gewinnt. Doch dieses System gibt es nicht mehr. Heute darf es für den besten Film bis zu zehn Nominierte geben. Und die Wahlberechtigten stimmen ab, indem sie Plätze verteilen - also zum Beispiel den ersten Platz für "Gravity", den zweiten für "American Hustle", den dritten für "Captain Phillips" und so weiter. Man muss sich das so vorstellen, dass es für jeden Film einen Haufen Zettel gibt, auf denen er als Favorit genannt ist. Wenn ein Film in der ersten Auszählrunde auf über 50 Prozent der Stimmzettel an erster Stelle steht, hat er gewonnen. Da das sehr unwahrscheinlich ist, wird für die zweite Runde der Kandidat mit den wenigsten Erstnennungen aus dem Rennen gekickt. Der entsprechende Haufen mit Stimmzetteln wird nun neu verteilt: Alle Filme, die hier eigentlich an zweiter Stelle standen, gelten in der zweiten Runde nun als Erstplatzierte. So wird neu gezählt. Und das so oft, bis endlich ein Film die 50-Prozent-Marke überschritten hat.

So gewinnt man heute den Oscar

Klingt kompliziert und ist es auch. Theoretisch soll das Ergebnis so gerechter sein. Früher hätte ein nominierter Film mit nur 21 Prozent aller Stimmen gewinnen können, auch wenn die restlichen 79 Prozent das Werk für den größten Müll aller Zeiten gehalten hätten. Heute kann nur noch gewinnen, wer auf breiter Front für Wohlwollen sorgt. "Gravity" und "12 Years a Slave" haben die wahrscheinlich leidenschaftlichsten Fans und gelten jeweils als Meilensteine. Es wird für die beiden viele erste Plätze geben - aber sie haben auch eine Menge Gegner, die sie niemals auch nur an zweiter oder dritter Stelle nennen würden. "12 Years a Slave" wird von seinen Feinden immer wieder als brutaler Folterporno oder penetrantes Lehrkino bezeichnet, viele Abstimmungsberechtigte haben sich den Film wahrscheinlich gar nicht erst angesehen, weil sie ihn als zu anstrengend fürchteten. "Gravity" dagegen gilt vielen nur als Popcorn-Kino mit hübschen Effekten, aber einem unterbelichteten Drehbuch. In etwa der gleiche Vorwurf, den sich James Cameron zu seinem Megahit "Avatar" vor der Oscar-Verleihung 2010 anhören musste, bei der am Ende "The Hurt Locker" gewann - in dem Jahr, als das Wahlsystem umgestellt worden war.

"American Hustle" und "Captain Phillips" werden nicht so frenetisch gefeiert, dafür mag sie fast jeder irgendwie. Das bedeutet nicht so viele erste Plätze, aber viele Nennungen an Platz zwei oder drei - was am Ende dann Platz eins bedeuten kann.

Wer jetzt verwirrt ist - keine Sorge. Es gilt als offenes Geheimnis, dass viele Academy-Mitglieder das neue System auch noch nicht durchschaut haben. Zumal es nur in der Kategorie "Bester Film" gilt. Bei allen anderen, vom besten Schauspieler über den besten Schnitt bis zum besten Tonschnitt, gibt es nach wie vor höchstens fünf Nominierte und nur eine Auszählrunde.

So viel zur Gerechtigkeit.

Die Oscar-Verleihung. In der Nacht vom 2. auf den 3. März ab 2 Uhr auf ProSieben und ab 1.00 Uhr im Live-Ticker von SPIEGEL ONLINE.

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