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Produzentin Lynda Obst: Hollywoods Kassandra

Foto: Imeh Akpanudosen/ Getty Images

Oscar-Gala in der Kinokrise Stars am Rande des Nervenzusammenbruchs

Küsschen, Tränen, Lächeln: Bei der Oscar-Verleihung feiert sich Hollywood mit großem Pomp selbst. Doch hinter der Glamour-Kulisse sieht es übel aus. Die Einnahmen schwinden, teure Flops verderben den Studios das Geschäft. Besuch bei einer Insiderin, die schon bessere Tage gesehen hat.

Lynda Obst sitzt im Herzen einer Hollywood-Legende: Ihr Büro befindet sich auf dem einstigen MGM-Studiogelände. Dort entstanden Klassiker ("Der Zauberer von Oz", "Singin' in the Rain"), Blockbuster ("Men in Black", "Spider-Man") und berühmte TV-Serien ("Dallas"), dort tummelten sich Stars wie Judy Garland, Liz Taylor und Fred Astaire.

Heute firmiert das alles unter dem Sony-Konglomerat. Doch viele MGM-Gebäude stehen noch. Darunter das Astaire Building mit Obsts enger Zimmerflucht voller Erinnerungen an ihre Karriere als eine der Top-Produzentinnen Hollywoods: "Flashdance", "König der Fischer", "Schlaflos in Seattle", "Contact" - Filme, die heute kaum einer mehr finanzieren würde.

Und genau das ist Obsts Lamento. Hirnlose Blockbuster, profitfreie Arthouse-Streifen, ein gelegentlicher Überraschungshit und eine zersplitterte, gelähmte, zutiefst verunsicherte Branche: Alles, was Obst am "new abnormal" stört, hat die 63-Jährige in ihrem vielbeachteten Buch "Sleepless in Hollywood" aufgeschrieben. "Die Filmbranche", sagt Obst, "steckt in einer kreativen und finanziellen Krise."

Klar, das unken sie hier schon lange. Doch diesmal scheint es ernst zu sein. Während sich Hollywood bei der Oscar-Verleihung am Sonntag mal wieder selbst feiern wird, sieht es hinter den Kulissen böse aus: Der Kollaps des DVD-Markts, der zuvor 50 Prozent der Gewinne einbrachte, gewandelte Sehgewohnheiten, fulminante TV-Konkurrenz, steigende Kosten und sündhaft teure Flops haben viele Studiobosse an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht.

"Die Oscars", sagt Obst, "sind eine Scharade."

Sie muss es wissen. Jahrelang hatte Obst als Produzentin einen festen Studiovertrag, dann war der plötzlich weg. Jetzt arbeitet sie auf eigene Rechnung in ihrem chaotischen Mietbüro bei Sony, zwischen Buddhaköpfen, Elefantenlampen und Obama-Familienfotos.

US-Markt schrumpft, globaler Markt wächst

Hollywood hat sich brutal verändert. Studios machen ihr Geld fast nur noch mit "Franchises", jenen vorformulierten Action-Sequels, die die Bilanz als "Zeltstangen" stützen ("Iron Man", "Die Tribute von Panem"). Die laufen im Sommer, während der Spätherbst das Oscar-Rennen eröffnet, mit wohlmeinenden Denkfilmen, die sich aber kaum amortisieren. Ein Flop wie "Lone Ranger", mit dem Disney 2013 offenbar 150 Millionen Dollar verlor, reicht, um ein Studio in die Klemme zu bringen.

Hinzu kommt: Der US-Markt schrumpft, der globale Markt wächst - und dort verkaufen sich Comic-Verfilmungen am besten. Früher war das Verhältnis 80 zu 20. Inzwischen hat es sich laut Obst in 30 zu 70 verkehrt: "Hollywood ist nicht mehr der Mittelpunkt der Welt."

Originelle Storys, Autoren und Produzenten haben in dieser Rechnung kaum mehr Platz, wie es Steven Soderbergh in seiner Brandrede im Mai 2013 dargelegt hat. Ebenso wenig anspruchsvolle Mid-Budget-Charakterstudien, mit denen sich die Studios zur Oscar-Saison trotzdem gerne schmücken.

Von denen sind diesmal zwar auch einige im Spiel: "American Hustle", "Her", "Nebraska", "Philomena". Doch allein das Weltraumdrama "Gravity" wurde mit 704 Millionen Dollar - mehr als alle anderen Best-Picture-Kandidaten zusammen - zum Megahit und bescherte Sandra Bullock nicht nur ihre eigene Oscar-Nominierung, sondern auch mehr als 70 Millionen Dollar Salär und Gewinnbeteiligung.

"Macht einen Film und stellt ihn auf YouTube"

"Eine Milliarde Filme, die keiner sieht", so beschreibt Obst das laufende Angebot. Die "Apathie" spürt auch Kinokritiker Brooks Barnes ("New York Times"). "Festlich fühlt sich die Filmhauptstadt nicht. Vielmehr erschöpft, verwirrt und frustriert." Mark Harris vom Kulturblog Grantland.com sekundiert: "Mehr als in sonst in den vergangenen Jahren hängt eine Bitterkeit über den Academy Awards."

Die offenbart sich auch in einer ungewohnt langen, scharfen Oscar-Kampagne. Der Termin liegt spät dank der Olympischen Winterspiele. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences erkannte dem Komponisten Bruce Broughton die Nominierung wegen eines Formfehlers nachträglich wieder ab. Und die Konkurrenz wurde sehr persönlich, mit direkten Attacken und gehypten Skandalen.

Dumm für eine Show, die der Optik dient, der Illusion von Glanz in einem glanzlosen Geschäft. "Es ist schwer, in einem Rund-um-die-Uhr-Medienzirkus Glamour zu bewahren", weiß Obst. Hollywood-Stars im alten Stil gibt es deshalb nur noch wenige: Angelina Jolie, Brad Pitt, Sandra Bullock, George Clooney.

Wer will da schon noch nach Hollywood? "Ach", lacht Obst, "viele kommen weiterhin, weil sie das Kino lieben." Ihr Rat an den Nachwuchs? "Macht einen Film und stellt ihn auf YouTube."

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