Oscars im Krisenjahr Goldjunge trägt Aschemantel

Düstere Zeiten für Hollywoods Glitzerwelt: Die Produzenten der Oscar-Verleihung sollen zwar eine große Show bieten - aber sich in Zeiten der Rezession gleichzeitig bescheiden geben. Diesen Spagat zu meistern, wird um so schwerer, weil die Gala schon zuvor in einer tiefen Krise steckte.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Dieser Oscar riecht nach Fisch. Genauer gesagt nach Räucherlachs. Dutzende kleine, handliche Lachs-Häppchen, zu Oscar-Statuetten gestanzt und veredelt mit je einem Löffelchen Kaviar auf der Trophäenbrust. Wie essbare Zinnsoldaten liegen sie auf Tabletts aufgereiht, bereit zum Verzehr durch die Stars.

Wolfgang Puck, Hollywoods VIP-Koch, beugt sich über das Lachstableau wie ein Vater über die Babykrippe. Der Österreicher ist in seinem Element. Seine Stirn glänzt, sein Gesicht ist voller Freude, seine Finger flitzen über all die Gerichte, die er zur Verköstigung ausgelegt hat: Thunfisch-Tartar auf Sesamhörnchen, Gemüsesalat mit Ingwer-Soja-Vinaigrette, Maine-Lobster ("alles nur Bio-Zutaten"). Und natürlich seine patentierten Mini-Oscars aus Schokolade, mit 24-karätigem Gold bestäubt.

"Elegant soll's aussehen", gibt Puck den Slogan dieses Jahres aus, "aber nicht zu übertrieben."

Und das dürfte nicht nur das Motto für Pucks Mega-Party sein, den traditionellen Gouvernors Ball, den die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) nach der Oscar-Verleihung am Sonntag gibt und die Puck wie immer kulinarisch betreut. Es ist auch das Motto für die gesamte 81. Oscar-Zeremonie - ein eingefahrenes Ritual aus Glanz, Glamour und Nabelschau, das im Rezessionsjahr 2009 noch anachronistischer zu wirken droht denn je.

Dieser Zwiespalt offenbart sich auch in einem Zelt vor dem Kodak Theatre am Hollywood Boulevard, wo die Academy Awards seit 2002 überreicht werden. Draußen beginnen Arbeiter gerade, den roten Teppich auszurollen, auf dem bald jene Parade aus Couture und Coiffure ablaufen wird, die eine ebenso wichtige PR-Rolle erfüllt wie die eigentliche Oscar-Show. Drinnen im Zelt servieren Puck und seine Co-Caterer Kostproben ihres Oscar-Menüs - eine delikate Angelegenheit, in mehrfacher Hinsicht.

Symbol des Exzesses

Einerseits offerieren einem da langbeinige Hostessen das alte Symbol des Exzesses, Moët & Chandon ("Mo-Etten-Schandong") in grünen Magnumflaschen. Andererseits gibt selbst Napa-Winzer Mike Westring - dessen "offizielle Oscar-Weine" es nirgends sonst gibt - zu, die Rezession zu spüren: "Ein bisschen jedenfalls."

Die Oscar-Organisatoren üben den Spagat: Darf sich die Marketing-Maschine Hollywood selbst beweihräuchern, während die ganze Welt in der Wirtschaftskrise versinkt? Schickt es sich für die Stars, ihren Reichtum zur Schau zu stellen, auf dem roten Teppich und im Kodak Theatre - derweil die Firmenchefs der Finanzwelt mit dem Zug nach Washington zuckeln, um neue Bescheidenheit zu mimen?

Das sind berechtigte Fragen, die sich die Oscar-Produzenten seit Wochen stellen. Zumal ihre Mammut-Gala, die in der Nacht zum Montag live in mehr als 200 Länder übertragen wird, dieses Jahr selbst tief in der Krise steckt.

Schon beim vergangenen Mal, bevor die Rezession in den USA so richtig zugeschlagen hatte, sanken die Quoten der Glitzershow auf den tiefsten Stand aller Zeiten: 32 Millionen US-Zuschauer, ein Fünftel weniger als 2007. Disneys Network ABC, das die TV-Rechte hält, sah sich genötigt, den Preis für einen 30-Sekunden-Werbespot von 1,7 auf 1,4 Millionen Dollar zu senken.

Überall wird gespart

Trotzdem sagten diesmal etliche Oscar-Großsponsoren ihre Teilnahme ab. Zum Beispiel der marode Autokonzern GM und L'Oreal Paris; dem Kosmetikkonzern sind die Oscar-Zuschauer im Schnitt zu alt geworden. American Express leistet sich nur einen TV-Spot. Erwartete Werbeeinnahmen insgesamt: 68 Millionen Dollar - 14 Millionen Dollar weniger als 2008. "Oscar", schreibt die "Los Angeles Times", "ist weniger golden."

Überall wird gespart. Die Präsidentensuiten, in denen sich die Stars vorher Gratis-Geschenke fürs Product Placement am eigenen Körper abholen können, sind dieses Mal weniger üppig bestückt. Selbst die After-Partys üben sich in Genügsamkeit. Elton John lädt zwar wieder zu seinem Charity-Event, andere wie Madonna und Prince verzichten jedoch, und das Magazin "Vanity Fair" hat seine Fete - das traditionell heißbegehrteste Ticket der Nacht - deutlich verkleinert. Hollywood-Partyausstatter Michael Gapinski klagt über Einschnitte querbeet: Manche hätten ihr Feier-Budget um bis zu 75 Prozent gekürzt, sagte er der Agentur Reuters.

Auch bei der Vorab-Modenschau auf dem roten Teppich gibt man sich bescheiden. Seit 2002 verpasste Designer Stuart Weitzman einem ausgewählten Star "Cinderella"-Pumps, die er mit Diamanten im Wert von einer Million Dollar besetzt hatte. Diesmal sieht er von diesem Marketing-Gag pietätvoll ab.

Gedeckte Töne seien angesagt, wispern die Stylisten - ähnlich wie 1941, als die Gäste gebeten wurden, passend zum in Europa tobenden Krieg dunkle Farben zu tragen. Oscar-Favoritin Kate Winslet ließ sich in dieser Saison schon jetzt fast nur in Schwarz blicken. Auch Preisschild-Protzerei ist passé: "Es war mal schick, zu prahlen, dass man 16-Millionen-Dollar-Juwelen trägt", sagte Star-Publizist Howard Bragman der "Los Angeles Times". "Das gilt jetzt als geschmacklos."

Nicht allen schmeckt die neue Demut. "Wer will schon den Fernseher anmachen und einen Haufen Frauen in schwarzen Hosenanzügen über den roten Teppich laufen sehen?", sagte Hal Rubenstein, der Modechef des VIP-Blatts "InStyle", im ABC-Frühstücksfernsehen. "Dies ist eine Rezession, keine Apokalypse." Auch Promi-Stylistin Rachel Zoe warnt vor Oscar-Tristesse: "Bringen wir die Leute zum Lächeln, auch wenn's nur für eine Stunde ist."

Dabei geht's der Filmbranche selbst gar nicht mal so schlecht. Die Kino-Einnahmen 2009 liegen bisher um neun Prozent über denen von 2008, das vorige Feiertagswochenende war das umsatzstärkste in der Geschichte Hollywoods. Das Problem liegt woanders - bei den kränkelnden Konzernen, denen die Studios gehören: Viacom, GE, Time Warner, News Corporation. Die müssen rundum sparen.

Viel Intimität und wenig Lamé

Die Oscar-Produzenten versuchen jedenfalls, den Fluch zu brechen - mit einer Inszenierung, die "die DNA der ganzen Show neu definieren" soll, wie es der Architekt David Rockwell sagt, der die aktuellen Bühnensets entworfen hat. Co-Produzent Bill Condon ("Dreamgirls") will zeitgemäß "mehr Intimität, weniger Lamé", und der virile Hugh Jackman, der "Sexiest Man Alive" ("People"), soll als neuer Conferencier Frauen wie Männer an die Mattscheibe locken.

Ob das reicht, wird man erst am Montag wissen. Manche bemängeln die magere Qualität der nominierten Filme, für die David Denby, der einflussreiche Filmkritiker des "New Yorker", sogar das Wort "Skandal" fand: "2008 war kein gutes Jahr für Filme." Andere bekritteln das alles andere als faire Oscar-Abstimmsystem, das seit 1936 unverändert ist. Die Befürchtung: Viele Zuschauer wird das von vornherein fernhalten.

Star-Koch Wolfgang Puck darf das alles nicht stören. Ob Rezession oder nicht: Er hat mehr als tausend Mitarbeiter für sein Gala-Dinner abgestellt. Zwar müht er sich betont um krisenfreundliches Understatement, etwa indem er übersichtliche Mini-Kobe-Burger serviert, in Hollywoods Gourmet-Kreisen zurzeit das Gericht-du-jour.

Am Ende aber kann der Oscar-Veteran nicht anders: "Es wird eine irre Party. Man muss doch Geld ausgeben, damit Obamas Konjunktur-Paket funktioniert."



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