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Remake von "Papillon": Lieber Heimat als das Paradies

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"Papillon"-Remake Sind wir nicht alle Unterdrückte?

Sklavenschicksal ohne Schwarze: Das Remake des Steve-McQueen-Klassikers "Papillon" liefert neue Bilder für das alte Bedürfnis, dass sich auch weiße Männer als Opfer von Unterdrückung fühlen wollen.
Von Till Kadritzke

Bei einem seiner waghalsigen Fluchtversuche aus einer Strafkolonie in Französisch-Guayana landet Henri Charrière (Charlie Hunnam), von allen nur "Papillon" genannt, auf einer traumhaften Insel. Die Wilden sind hier besonders edel, die Frauen unter ihnen besonders hübsch und dazu noch leicht bekleidet. Ein Mitgeflohener frohlockt: "Das ist das Paradies." Aber Papillon bleibt nachdenklich: Es ist vielleicht das Paradies, aber es ist nicht die Heimat.

Seine Sehnsucht nach einer Rückkehr können wir kaum nachfühlen, müssen wir achselzuckend anerkennen, weil Michael Noers Film das Paris der Dreißigerjahre in einer ziemlich hingeschluderten Eingangssequenz eher zitiert als beschworen hat. Etwa fünf Minuten lebt Papillon als erfolgreicher Safe-Knacker mit einer hübschen Freundin das gute Leben, bevor ihm ein Mord angehängt, er zu lebenslanger Haft verurteilt und nach Südamerika verschifft wird.

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Remake von "Papillon": Lieber Heimat als das Paradies

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Von hier an gleicht der Plot ziemlich exakt dem von Franklin Schaffners Film aus dem Jahr 1973, dem ersten Versuch einer Leinwandfassung von Charrières autobiografischem Bericht über seine Zeit in der Strafkolonie und seine zahlreichen Fluchtversuche. Auf der Überfahrt lernt Papillon den nerdigen Geldfälscher Louis Dega (Rami Malek, "Mr. Robot") kennen, erkennt in ihm den Schlüssel zu finanziellen Ressourcen und damit zum Ausbruch und bietet ihm als Gegenleistung Schutz vor gewalttätigen Übergriffen an.

Dega wurde 1973 von Dustin Hoffman gespielt, und als Papillon saß niemand geringeres als Steve McQueen einsam in seiner Zelle, bereute im Fieberwahn die Verschwendung seines Lebens und verfiel in der zermürbenden Isolationshaft langsam dem Wahnsinn.

Flucht folgt auf Flucht

Noch weniger als nun Hunnam mimte McQueen in Schaffners Version eine konkrete Figur. Es ging um den Menschen an sich, den Menschen als geknechtetem Wesen, dessen Freiheitsdrang durch kein Zwangssystem gebrochen werden kann. Im Gegensatz zu dieser eher abstrakten Interpretation des Stoffes gibt Noer mit seinem Heimatprolog zumindest vor, eine Figur zu bauen: Papillons erstaunliche Willenskraft, nach jeder gescheiterten Flucht einen neuen Versuch zu starten, ist nicht Ausdruck eines naturwüchsigen Freiheitsinstinkts, sondern speist sich aus der wehmütigen Erinnerung an das, was ihm genommen wurde.

War Schaffners Film mit seinem existenzialistischen Pathos daher eher over the top, ist Noers Version strukturell konservativ und filmästhetisch recht langweilig. Es erscheint auf den ersten Blick daher kaum ersichtlich, warum ausgerechnet dieses französische (in seinem Wahrheitsgehalt übrigens höchst umstrittene) Buch heute nochmals das Licht der Leinwand erblickt.


"Papillon"
USA, Spanien, Tschechien 2017
Regie: Michael Noer
Drehbuch: Aaron Guzikowski, Dalton Trumbo und Lorenzo Semple Jr., nach dem Roman von Henri Charrière
Darsteller: Charlie Hunnam, Rami Malek, Eve Hewson
Produktion: Czech Anglo Productions, FishCorb Films, Red Granite Pictures
Verleih: Constantin Film
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 26. Juli 2018


Aber vielleicht ist die Reprise der Siebzigerjahre kein Zufall. Spike Lee hat in seinem neuen Film "BlacKkKlansman", der im August in die deutschen Kinos kommt, auf die enge Verwandtschaft der heutigen politischen Diskurslandschaft zur damaligen hingewiesen, und die Neuverfilmung von "Papillon" könnte seine These unbewusst illustrieren.

In den Siebzigerjahren fand eine wichtige Verschiebung in der durch Black Power und Feminismus erschütterten Kulturlandschaft statt: Die für die sozialen Bewegungen so entscheidende Denkfigur eines durch gesellschaftliche Verhältnisse geknebelten Selbst mit entsprechendem Aufruf zu seiner Befreiung rückte auch in solchen Narrativen ins Zentrum, in denen es nicht um unterdrückte Gruppen ging, sondern um "ganz normale" weiße Männer. Plötzlich wollte jeder befreit werden.

Weg mit der Politik!

Und auch heute wieder scheint es ein Begehren zu geben, die von People of Color und anderen gestellten Ansprüche an gesellschaftlicher Teilhabe gegen die Interessen der sogenannten Allgemeinheit auszuspielen - repräsentiert durch einen "Normalbürger", der nun selbst als Opfer eines starren und undurchsichtigen Systems inszeniert wird und gegen seine Gängelung wütend aufbegehrt.

"Papillon" leistet in dieser Situation entscheidende visuelle Arbeit: Was sich über Charrières Geschichte ins Bild setzen lässt, ist die Ikonografie des transatlantischen Sklavenhandels, mitsamt der tödlichen Überfahrt, der grausamen Willkürherrschaft in der Kolonie, der harten Arbeit auf dem Feld, der systematischen Entrechtung und Entmenschlichung - mit dem Unterschied, dass das Objekt dieser Machtausübung der Körper des weißen Mannes ist und er in beiden Filmen fast jeglicher Spezifika beraubt ist.

"Papillon" wird 2018 abermals die Identitäten und damit auch die Politik los und aktualisiert dabei ein Bildreservoir von Herrschaft und Befreiung ohne soziale Verhältnisse - mit keinem anderen Horizont als der Rückkehr in die Heimat.

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