Ulrike Ottinger Die Flaneurin des Kinos

Die deutsche Avantgarde-Regisseurin Ulrike Ottinger, die für ihr Lebenswerk gerade mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet wurde, hat einen Film über ihre französischen Lehrjahre gedreht: "Paris Calligrammes".
Ulrike Ottinger 1966 in Paris vor ihrem Bild "Allen Ginsberg"

Ulrike Ottinger 1966 in Paris vor ihrem Bild "Allen Ginsberg"

Foto:

Ulrike Ottinger/ Real Fiction

"Explosionsartig", sagt Ulrike Ottinger in ihrem neuen Film, habe sich ihr Horizont in Paris erweitert. "Alles interessierte mich: die Menschen, die Straßen, die Cafés, die Galerien, die Museen, das Kino, die bis Mitternacht geöffneten Buchhandlungen und die ab Mitternacht geöffneten Jazzkeller." Die Augen wurden ihr "weit und weiter, groß und größer". Für die 77-jährige Regisseurin, die gerade für ihr Lebenswerk die Berlinale Kamera erhielt, war die Erkundung von Paris ein Erweckungserlebnis, auch künstlerisch.

Als Zwanzigjährige kam Ottinger Anfang der Sechzigerjahre aus Konstanz in die französische Metropole und traf dort auf die Avantgarde. Gestandene Vertreter aus der Welt der Kunst und Kultur nahmen sich ihrer an, teilten mit ihr Theorien, Kaffee und Zigaretten. Ottingers neuer Film "Paris Calligrammes" ist eine Rekonstruktion und Neusortierung jener Jahre.

Fotostrecke

"Paris Calligrammes"

Foto:

privat/ Real Fiction

Ottinger erkundete die Stadt damals überwiegend zu Fuß und ließ sich von ihr verzaubern. Die nun aus ihren Erinnerungen (und Unmengen Archivmaterial) entstandene filmische Aufarbeitung jener Jahre hat sie "Paris Calligrammes" genannt. Ein Kalligramm ist ein Figurengedicht. Die zehn Kapitel von "Paris Calligrammes" sind solche Figuren. Thematisch gebündelt, erzählen sie von essentiellen Bekanntschaften und Weggefährten Ottingers, von zeitgenössischen Strömungen und dem Kolonialerbe Frankreichs, vom Algerienkrieg und den Studierendenunruhen.

Blick zurück auf die eigene Vergangenheit

Der Film ist auch der Blick einer älteren Künstlerin auf ihr jüngeres Selbst, oder - wie Ottinger die Herausforderung des autobiografischen Dokumentarfilms beschreibt: Sie musste einen Film machen "aus der Perspektive einer sehr jungen Künstlerin, an die ich mich erinnere, mit der Erfahrung einer älteren Künstlerin, die ich heute bin."

Zwischen diesen beiden Künstlerinnen ist ein Werk entstanden, für das Ottinger nun mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet wurde. "Als Malerin, Fotografin und Allroundkünstlerin hat sie das Kino immer als eine Kunst verstanden, die durch Begegnung mit anderen Menschen, Objekten, Büchern, Geschichten und Kulissen entsteht", ließ die Berlinale-Leitung verlauten.

Von zahlreichen dieser Begegnungen handelt "Paris Calligrammes". Eine der zentralsten ist sicherlich die mit Fritz Picard. Picard, 1938 aus Deutschland nach Paris geflohen, gründete dort 1951 die Buchhandlung "Librairie Calligrammes", ältester und wichtigster Umschlagplatz deutschsprachiger Literatur. Picard und seiner erlesenen Sammlung ist das erste Kapitel des Films gewidmet. Ottinger visualisiert den Laden als intellektuellen Uterus, indem sie die Auslage des Geschäfts mit den damals von ihr erstandenen Büchern schmückt.

ANZEIGE
Filminfo

Deutschland, Frankreich 2019
Regie und Drehbuch: Ulrike Ottinger
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Produktion: zero one film
Länge: 129 Minuten
Freigegeben: k.A.
Start: 5. März 2020

Aus dieser Buchhandlung stammt auch ein Objekt, das für "Paris Calligrammes" zu einer Art Fibel wird: ein schwarzes Gästebuch. Paul Celan, Max Ernst und Jean Arp haben sich in ihm verewigt, Walter Mehring tunkt in einer Zeichnung die spitze Nase in ein Likörglas. Ein Ort, der für Ottinger ebenfalls große Bedeutung hatte, war das Atelier des deutsch-französischen Grafikers Johnny Friedlaender. Hier vollzog sie die Entwicklung zur Nouvelle Figuration, der französischen Variante der Pop-Art.

Betuchte Damen, exotische Performances

Ottinger skizziert das Treiben im Atelier als illustres Nebeneinander betuchter Damen, Künstler und extravaganter, exotischer Performances. Szenen, die möglicherweise Stimuli waren für ihre späteren Filme "Madame X – Eine absolute Herrscherin" (1977) oder "Bildnis einer Trinkerin. Aller – Jamais Retour" (1979).

Es lohnt sich, "Paris Calligrammes", in dem es die meiste Zeit dicht und gleichzeitig ausschweifend zugeht und malerische Sequenzen mit härteren Stoffen (Kapitel IV: Meine Pariser Freunde und das algerische Trauma) wechseln, mit Notizblock und Stift zu schauen. Bei Ottinger fallen Namen und Orte wie reife Früchte von einem Baum, an dem man nur ein wenig schüttelt. Die Architektin und Modedesignerin Ré Soupault und die Schauspielerin Valeska Gert gilt es zu entdecken, sowie Reynaldo Hahn, dessen Musik Ottinger zu ihren Vernissagen auflegte. Oder Jean Genets Stück "Les Paravents", das, aufgeführt im Théâtre de l'Odéon, zu Skandalen führte.

Das Flanieren durch Paris endete für die Künstlerin in den Zuspitzungen um '68. Ottinger spricht von "ideologischen Verhärtungen" und zerbrechenden Freundschaften. Ihren vorangegangenen geistigen Explosionen konnten sie nichts anhaben. Im Gegenteil: Die Gespräche in der "Librairie Calligrammes" ermöglichten Schutz vor Radikalisierung. Denn, so Ottinger in einem Interview: "Radikalisierungen rühren daher, dass die Leute keine Edukation mehr haben und nicht wissen, worüber sie sprechen." Und sie schlussfolgert: "Das ist auch heute unser Problem."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.