Patrice Chéreaus "Sein Bruder" Der sprechende Körper

Tod, Sterben, Verfall - große Themen für eine große Inszenierung. Oder für einen Film, der sein Sujet bis ins kleinste Detail ernst nimmt. So zu sehen in Patrice Chéreaus "Sein Bruder" - einem stillen Meisterwerk über den Körper in Zeiten der Krankheit.

Von Daniel Haas


Todkranker Thomas (Bruno Todeschini) am Strand: Verfall, Wehrlosigkeit, Schmerz
CONCORDE

Todkranker Thomas (Bruno Todeschini) am Strand: Verfall, Wehrlosigkeit, Schmerz

"Ich zeige Körper in Räumen, Körper, die sprechen", hat Patrice Chéreau im Interview gesagt, und es klingt wie ein Paradox: Der Körper, ist das nicht das Sprachlose, Unvermittelte, noch nicht in Zeichen Übersetzte? Im Kino sprechen die Körper. Ihre mediale Repräsentation ist beredt, sie plaudert Geheimnisse vor aller Augen aus. Körper und dargestellte Figur sind nicht zu trennen auf der Leinwand.

Der Körper spricht, auch wenn er sprachlos gemacht wird oder langsam verstummt, wie jener von Thomas (Bruno Todeschini), der sterben wird. Eine mysteriöse Blutkrankheit raubt ihm die Kraft; sein Blut kann nicht mehr gerinnen, und so ist schon die kleinste Blessur lebensgefährlich. Thomas hat einen Bruder, Luc (Eric Caravaca); die zwei verbindet weder Freundschaft noch Vertrauen, und doch wird Luc am Krankenlager wachen, wird Thomas ins Ferienhaus in der Bretagne begleiten und dort mit ihm einen letzten Sommer verbringen.

Regisseur Chéreau: "Körper, die sprechen"
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Regisseur Chéreau: "Körper, die sprechen"

In diesen Tagen und Wochen wird Thomas' Körper sprechen: vom Verfall, von Wehrlosigkeit und Schmerz und Angst. Der Tod breitet seine eigene Textur über die Physis aus: Furchen und Falten, Adern, Pickel, Operationsnarben - sie zeichnen Thomas oder, um im Bild der Sprache zu bleiben, beschriften seinen Leib auf unmissverständliche Weise.

So gibt Chéreaus Film den Körper frei zur Lektüre. Abzulesen sind an ihm der Schrecken und auch die Trivialität jener existenziellen Erfahrung, der sich das Kino immer wieder bildmächtig angenommen hat: der des Todes. Bei der diesjährigen Berlinale, wo "Sein Bruder" den Regiepreis gewann, war das Sterben vorrangiges Thema - ob in Michael Winterbottoms Flüchtlingsdrama "In this World", Stephen Daldrys "The Hours" oder Isabel Croixets Krankengeschichte "Mein Leben ohne mich".

Doch so eindrucksvoll und gleichzeitig unprätentiös, ja bescheiden wie Chéreau hat selten ein Regisseur das Sujet behandelt: "Sein Bruder" entfaltet ein Szenario des Sterbens und Vergehens in grobkörnigen, dokumentarisch anmutenden Bildern. Nicht wie die gewaltlüsternen Hollywoodproduktionen, die den Körper akribisch verwüsten, nur um ihn letztlich zu überhöhen, sondern still und sorgsam, respektvoll und doch schonungslos.

Gezeichneter Thomas: Szenario des Sterbens und Vergehens
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Gezeichneter Thomas: Szenario des Sterbens und Vergehens

Der Körper als Verzeichnis - auch der Techniken der Medizin, die ihn zurichten für die Behandlung: beispielhaft die Szene, in der Thomas für eine bevorstehende Milzoperation rasiert wird. Behutsam arbeiten zwei Krankenschwestern an dem reglosen Menschen, der die Prozedur tonlos über sich ergehen lässt. Fast in Echtzeit gefilmt, präsentiert "Sein Bruder" den Körper hier als unhintergehbare Größe, macht ihn zur Chiffre für die menschliche Würde an sich.

Der sprechende Körper, das ist im Kontext von "Matrix" und Konsorten auch ein Politikum. Denn im Machbarkeitsrausch der digitalen Technologien verschwindet der Körper, auch wenn er sich omnipotent in Szene setzt. Er verkommt zur operablen, rundum manipulierbaren Größe, dem alles Kreatürliche ausgetrieben wird. So beschleunigt das marktgängige Kino auch eine kulturelle Tendenz: als Arbeitskörper obsolet geworden, bleibt dem Leib als einziges Refugium die Inszenierung von Fitness und Erotik - für sein Leiden aber ist im medialen System kein Raum. Und genau dem widerspricht Chéreaus meisterhafter Film mit jeder Einstellung.


Sein Bruder (Son frère)


Regie: Patrice Chéreau. Buch: Patrice Chéreau, Anne-Louise Trividic. Darsteller: Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Nathalie Boutefeu, Chatherine Ferran. Produktion: Azor Films, Arte France, Love Streams. Verleih: Concorde. Länge: 90 Minuten. Start: 6. November 2003



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