Paula Modersohn-Becker auf der Kinoleinwand "Weder genial noch gescheit, aber sehr lieblich"

Mit seinem Filmporträt "Paula" nähert sich Christian Schwochow der Ausnahme-Malerin Paula Modersohn-Becker. Altväterlich fährt er dabei Trotzkopf-Klischees auf und spielt Verstand und Gefühl gegeneinander aus.
Von Jörg Schöning
Paula Modersohn-Becker auf der Kinoleinwand: "Weder genial noch gescheit, aber sehr lieblich"

Paula Modersohn-Becker auf der Kinoleinwand: "Weder genial noch gescheit, aber sehr lieblich"

Foto: Pandora

Ein Film wie ein Gemälde: Nebel steigt aus den dunklen Kanälen, weiß und erstarrt steht der Wald. Über die nächtliche Wiese streift eine Fledermaus, und auf dem zugefrorenen See kräuselt sich der Schnee. Immer wieder scheint gülden die Sonne.

So wie die Kamera die Natur um Worpswede immer wieder verzaubert, hätte und hat Paula Modersohn-Becker (1876-1907) sie niemals gemalt. Paula Modersohn-Becker war eine Moderne - die einzige in der Worpsweder Künstlerkolonie. Dort, im feuchten Teufelsmoor bei Bremen, hatte sich ab 1890 eine Handvoll zunächst noch unkonventioneller Maler ein ländliches Refugium geschaffen. Bis in die Gegenwart ist es ein beliebter "Wallfahrtsort für Kunsttouristen" - so der Deutschlandfunk in seinem "Kalenderblatt" zu 125 Jahren Worpswede.

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Filmporträt "Paula": Backfisch, Range, Wildfang, Trotzkopf

Foto: Pandora

Hier lernt Paula Becker (Carla Juri) ihren späteren Mann Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch) kennen. Hier wird die Bildhauerin Clara Westhoff (Roxane Duran) ihre beste Freundin. Gemeinsam mit ihr umschwärmt sie den jungen Dichter Rilke (Joel Basman), als der sich noch René Maria nennt. Und von hier aus unternimmt sie mehrfach Reisen nach Paris, weil die patriarchalisch geführte Malkolonie ihr doch ein bisschen zu eng und zu engstirnig ist. Und hier stirbt sie, 31 Jahre alt, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes.

Paula Becker kam nicht als Naive nach Worpswede, wie der Film vermuten lässt. Sie hatte Malkurse in London und Berlin absolviert, die notgedrungen nicht akademisch waren, weil Frauen der Besuch staatlicher Ausbildungsstätten im Wilhelminischen Deutschland verwehrt war.

Über Präzision und Genauigkeit, die der Worpsweder "Maler-General" und spätere Nazi-Mitläufer Fritz Mackensen (Nicki von Tempelhof) in seiner Malschule zackig von ihr fordert, verfügte sie in ihrer Malerei durchaus. Freilich dient der Dialog schon ziemlich am Anfang des Films vor allem dazu, einen Gegensatz heraufzubeschwören, der Christian Schwochows "Paula" dann bis zum Ende bestimmt: den von Verstand und Gefühl, von Überlegung und Empfindung - ganz konventionell getrennt nach geschlechtlichen Sphären.

Wobei die wahre Kunst, die der Film als einzige gelten lässt, aus dem Emotionalen erwächst. Der weibliche Geniekult, dem "Paula" frönt, kennt als Ursache aller Kunst nur die Leidenschaft, die notgedrungen auf einen Leidensweg führt: Wenn die Paula des Films ihre Siebensachen packt, um nach Paris aufzubrechen, dabei ihre Staffelei huckepack nimmt, erscheint diese als das Kreuz einer fatalen Künstlerpassion, das sie auf sich lädt.

"Emanzipiertes Malweib"

Paula Modersohn-Becker war nun aber ganz ernsthaft das "emanzipierte Malweib", als das sie sich im Film ironisch selber bezeichnet. Etwas war sie gewiss nicht: eine Range, ein Backfisch, ein Wildfang, ein Trotzkopf. Die ganze Skala weiblicher Zuschreibungen, mit denen im Wilhelminischen Deutschland Bestrebungen weiblicher Selbstbestimmung verniedlicht und im Zaum gehalten wurden, ist in "Paula" ungebrochen präsent, indem die Titelheldin altbackene Stereotypen von Jugend und Tollheit ungebremst ausagiert. Das Fatale dabei: Die Schweizer Schauspielerin Carla Juri, die schon in ihrem Debüt "Feuchtgebiete" ein zauberisches Wesen war, spielt das alles sehr gut!

Carla Juri strahlt durchweg einen Überschwang aus, den Paula Modersohn-Becker gewiss auch besaß. Legendär ist ein spontanes Worpsweder Glockengeläut, mit dem sie und ihre Freundin Clara die gottesfürchtigen Bauern mehr nervten als erfreuten. Und natürlich ist die Szene, in der die beiden jungen Frauen den Worpsweder Kirchturm entern, an zentraler Stelle im Film vorhanden. Und doch gerät auf der Leinwand, direkt im Anschluss an Otto Modersohns Heiratsantrag, das ganz und gar unheilige Bim-Bam zu einem ergreifenden Hochzeitsläuten, was es definitiv nicht war.

"Paula - Mein Leben soll ein Fest sein"

Deutschland, Frankreich 2016

Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Stefan Kolditz, Stephan Suschke

Darsteller: Carla Juri, Albrecht Abraham Schuch, Roxane Duran, Joel Basman, Klara Deutschmann, Stanley Weber

Verleih: Pandora Filmverleih

Länge: 123 Minuten

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Start: 15. Dezember 2016

"Etwas erschaffen, was man selbst ist" - das ist im Film der zentrale Vorsatz, mit dem Paula Modersohn-Becker ihr Werk und auch ihr Leben beschreibt. Um aber ihren Weg zur autonomen Künstlerin und einem selbstbestimmten Individuum zu zeichnen, denkt sich der Film die Frau im Diminutiv. Wie in den Briefen und Gedichten Rilkes, der in Bezug auf Paula Becker und ihre Freundin Clara, seine spätere Ehefrau, immer nur von den "Mädchen" sprach und schrieb, tritt auch die Clara des Films fast fortwährend in der Verniedlichungsform auf.

So wie "Paula" in seinen Landschaftsbildern ästhetisch einer Malschule folgt, die seine Protagonistin längst hinter sich gelassen hat, übernimmt er die altväterliche Perspektive jener Worpsweder Patriarchen, gegen die er sich vorgeblich wendet.

Im Video: Der Trailer zu "Paula"

"Weder genial noch gescheit, aber sehr lieblich", so war einst Paula Becker als kleines Kind von ihrer Mutter charakterisiert worden. Der Satz trifft keineswegs auf die spätere Künstlerin zu - sehr wohl aber auf Christian Schwochows allzu schönen Film über sie, der die vielen Ecken und Kanten, die sowohl Paula Modersohn-Becker Bilder wie auch ihr Leben ausmachen, allzu oft glättet.