Film über Peggy Guggenheim Die Männer gingen, die Kunst blieb

Peggy Guggenheim - ihr Name steht für moderne Kunst und stürmische Affären. Ein neuer Film dokumentiert das Leben der Sammlerin, die sich selbst "einsamer Wolf" und "Nymphomanin" nannte.

Roloff Beny/ Courtesy of National Archives of Canada/ NFP

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Ihre Affäre mit Samuel Beckett 1938 war kurz, aber heftig. "Wir blieben vier Tage lang im Bett und trennten uns nur, um Sandwiches zu holen", erzählte Peggy Guggenheim später über die Liebschaft in Paris. Der Schriftsteller habe ihr damals einen Rat gegeben, der ihr ganzes Leben prägen sollte: Sie solle sich neben den Männern auch mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen. Und genau das tat sie.

Peggy Guggenheim, eine von drei Töchtern des steinreichen Geschäftsmanns Benjamin Guggenheim und Nichte des Kunstsammlers Solomon Guggenheim, war damals 39 Jahre alt. Sie galt als das schwarze Schaf der jüdischen Industriellenfamilie: Sie war geschieden, hatte eines ihrer zwei Kinder beim Vater gelassen und führte seitdem ein ausschweifendes Leben in der Pariser Bohème.

In München hatten die Nazis gerade mit der Ausstellung "Entartete Kunst" vorgeschrieben, was man zu hassen hatte. Peggy Guggenheim fing an, diese Werke der Avantgarde zu kaufen. Sie hatte keine Ahnung von Kunst, aber einen exzellenten Berater, ihren Freund Marcel Duchamp. Sie hörte auf alles, was Duchamp sagte, auch wenn sie anfangs nicht erkannte, wie groß er war. Für weniger als 40.000 Dollar kaufte sie den Grundstock einer der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst, der Peggy Guggenheim Collection am Canal Grande in Venedig.

Wie Peggy Guggenheim als Autodidaktin zu einer großen Kunstmäzenin, Galeristin und Sammlerin wurde, zeigt der neue Dokumentarfilm "Ein Leben für die Kunst". Filmemacherin Lisa Immordino Vreeland machte dafür das verschollen geglaubte letzte Interview der 1979 verstorbenen Mäzenin ausfindig, das Guggenheim ihrer Biografin gegeben hatte. "Alles in meinem Leben drehte sich um Kunst und Liebe", sagt die 81-Jährige darin.

Kunst zu Spottpreisen

Peggy Guggenheim war keine Kunstkennerin, doch sie lernte schnell, besaß Mut und Intuition und eröffnete 1938 eine Galerie in London, in der sie früh die europäischen Surrealisten ausstellte, zunächst Jean Cocteau, dann Wassily Kandinsky und Yves Tanguy. Sie kaufte Picasso, Kandinsky und Giacometti, Paul Klee und Mirò - in einer Zeit, in der viele Künstler Europa verlassen wollten und deshalb ihre Gemälde verramschten. Sie habe keine Ahnung gehabt, dass sie Kunst zu Spottpreisen kaufte, sagte Guggenheim später.

Im heraufziehenden Krieg finanzierte sie Marc Chagall, André Breton, Max Ernst und anderen Freunden und Affären die Ausreisen in die USA und floh schließlich selbst mit ihrer Sammlung. In den USA lernte sie Jackson Pollock kennen, der als Schreiner arbeitete, und gab für 600 Dollar ein Wandbild bei ihm in Auftrag, das später zum Inbegriff der abstrakten Malerei werden sollte. "Ich erlöste ihn", sagt Guggenheim im Film.

Dass die Biografie Guggenheims eng verknüpft ist mit den gesellschaftlichen Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs, wird in Regisseurin Vreelands Doku-Porträt schnell deutlich. Sie führte ein ungewöhnliches Leben, das rückblickend emanzipiert und ihrer Zeit weit voraus wirkt: Sie scherte sich wenig um gesellschaftliche Erwartungen, galt als unabhängige Rebellin, hatte zahlreiche Affären und Beziehungen zu einigen der größten Künstler ihrer Zeit. "Ich hatte so viele Sonderlinge. Manche nur, weil ich einsam war. Ich war wohl eine Nymphomanin", erzählt Guggenheim.

"Mein Leben war unglücklich"

Eine angebetete Muse der Kunstschaffenden vom Format der knapp 20 Jahre älteren Alma Mahler-Werfel wurde sie jedoch nie. Sie wirkte naiv und wurde von vielen ausgenutzt. "Ich bin nicht gesellig. Ich bin ein einsamer Wolf", sagt die Sammlerin im Film, "es gab viele Enttäuschungen in meinem Leben, es war sehr unglücklich." Peggy Guggenheim schien gegen eine unbesiegbare Traurigkeit anzukämpfen. Nur die Kunst gab ihrem Leben einen Sinn.

So zeigt Vreelands Film auch, wie schmerzvoll Peggy Guggenheims Familienleben war. Als sie zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater durch den Untergang der "Titanic". Ihre erste Ehe wurde geschieden, sie ließ den Sohn zurück. Die Männer, die sie am meisten liebte, verließen sie. Guggenheim ließ sieben Abtreibungen vornehmen, ihre Tochter beging im Alter von 42 Jahren Selbstmord. Ihre ältere Schwester Benita, die Peggy lange die einzige Freundin war, starb bei der Geburt eines Kindes. Die jüngere Schwester Hazel tötete ihre eigenen zwei kleinen Kinder.

Guggenheims Leben war außergewöhnlich, Vreelands filmische Aufarbeitung aber fällt recht konventionell aus. Die Doku arbeitet chronologisch die Lebensstationen der Sammlerin in Kapiteln ab, ähnlich denen ihrer Autobiografie "Ich habe alles gelebt". Ein Gewinn sind die verschwunden geglaubten Tonaufnahmen ihres letzten Interviews, die Vreeland mit Kommentaren von Kunsthistorikern und Kuratoren gemischt hat. Dazu zeigt Vreeland Fotografien, Kunst, alte Filmaufnahmen. Es ist ein kurzweiliges Porträt mit einfachen Mitteln - und wird so einer der berühmtesten Kunstsammlerinnen des 20. Jahrhunderts gerecht, die trotz ihres Mutes und ihres Einflusses nie zu den Intellektuellen zählte.



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