"Personal Shopper" mit Kristen Stewart Ghostbuster!

Große Gefühle und total unglaubwürdige Geister: Olivier Assayas' "Personal Shopper" ist ein Hybridfilm, der das Unmögliche zusammenbringt und uns mit der Präsenz von Kristen Stewart beglückt.
"Personal Shopper" mit Kristen Stewart: Ghostbuster!

"Personal Shopper" mit Kristen Stewart: Ghostbuster!

Foto: Weltkino

Die Stimmung ist angespannt, alles an Kristen Stewarts Bewegungen legt nahe, dass sie lieber woanders wäre, etwas anderes tun würde. Aber sie ist da, durchschreitet die Räume des leeren Hauses nicht nur angespannt, sondern auch mit großer Souveränität. Es war wohl mal das Haus ihres verstorbenen Bruders, so viel wird nach und nach klar. Das und vieles mehr wird nur angedeutet oder erschließt sich nebenbei, als kümmerten keinen die Details. Und dann erscheint ein Geist.

Passt das zusammen, die Beiläufigkeit von "Personal Shopper", als müsste nichts erklärt werden, als komme es nur auf das Sichtbare an, und das mysteriöse Setting, in dem eine übersinnliche Erscheinung ihren Auftritt hat? Die Inszenierung betont weder Suspense noch Zweifel, sondern das Weltliche. Irgendwas stimmt da nicht, und das ist ziemlich toll.

Die dynamisch gleitende Kamera von Yorick Le Saux, die Kristen Stewart auf der Suche nach Geistern folgt und beim Einkaufen für einen Star, stammt aus einem anderen Kosmos und fügt zusammen, was nur scheinbar nicht zusammen gehört: das an Körpern, Kleidern, Räumen und Gegenständen interessierte Drama und der Geisterfilm, der neugierig auf die Fugen zwischen dem Konkreten blickt.

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"Personal Shopper": Bruderseelenallein

Foto: Weltkino

Autor und Regisseur Olivier Assayas - der schon immer ein Faible für Genrefilme hatte und gerade nicht nur für deren Highclass-Versionen, sondern für das Schindluder, das mit wenig Geld viel Effekt besorgt - findet mit "Personal Shopper" eine verrückte Hybridform. Er zieht durch Paris und erkundet dabei verschiedene Lebenswelten, vor allem die der Reichen mit ihren Designerklamotten, aber auch die der für sie Arbeitenden, mit dem kleinen Apartment ohne Ausblick.

In diesen realitätsgesättigten Beobachtungsmodus lässt er plötzlich anderes hereinbrechen. Das ist nicht nur das Übersinnliche. Das sind auch Medien, denn es wird ständig gescrollt, getippt und das ein oder andere Video abgespielt. Zum Beispiel ein Clip, in dem ein C-Promi Victor Hugo spielt, in einem Film über dessen Kontakt zu Geistern. Und dann gibt es auch noch einigermaßen bizarre Dialoge, aufgesagt, als müsse dann doch noch mal was erklärt werden. Zum Beispiel darüber, dass die Figur, die Stewart spielt, auf ein Zeichen von ihrem Zwillingsbruder wartet, der das gleiche schwache Herz hatte wie sie und ein Medium war.


"Personal Shopper"

FR, GER 2016
Buch und Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Kristen Stewart, Lars Eidinger, Nora von Waldstätten, Sigrid Bouaziz, Anders Danielsen Lie
Produktion: CG Cinéma, Vortex Sutra, Sirena Film et al.
Verleih: Weltkino Filmverleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 140 Minuten
Start: 19. Januar 2017


Man könnte sagen, diese Videos und Dialoge, sie wirken ausgestellt, unbedacht, dröge. Aber wovon würde man da sprechen? Von statischen Elementen, die in einen ultra-physischen, dynamischen und lustigen Film eingestreut sind und als Fremdmaterial genau das noch befeuern?

Olivier Assayas treibt unentwegt Schabernack, dreht die wahrscheinlich längste SMS-Sequenz des europäischen Autorenfilms und zeigt, was alles möglich ist im Kino, indem er gleichzeitig auch noch vorführt, was alles unmöglich ist. Glauben und Nicht-Glauben in einem. Empathie und Desinteresse zugleich. Große Gefühle, ernsthafter menschlicher Austausch und total unglaubwürdige Geister. Ja, wieso ist das eigentlich nicht möglich? Nicht mehr möglich?

Widerstand und Wirklichkeit

Assayas fordert, dass wir ihm folgen und dass wir ihm misstrauen. Er belohnt den kritischen Zuschauer, der sich über die Handlung stellt, gerade nicht. Denn das Vergnügen, das Kino bereitet, kann nie nur intellektueller und noch weniger ironischer Art sein. Wer das Kino liebt, der hat immer auch ein körperliches, ein situatives, ein effektgenießendes Verhältnis dazu. Wer nicht bereit ist zu staunen, sein besseres Wissen einmal beiseite zu schieben, der findet keinen Zugang zu dem, was dieser Zauber ist.

Wer sein Wissen und Gewissen aber komplett ausschaltet oder betäubt, der kann das Kino ebenso wenig begreifen. Der kann den Spaß, die Intelligenz, die Feinheit der Mittel und der Konstruktion nicht übersetzen, und auf Übersetzungsleistungen kommt es in der Kunst einfach immer an. Das heißt ganz sicher nicht, man müsse "Personal Shopper" als Kapitalismuskritik lesen, aber das heißt schon, den Verlust der physischen Realität einmal durchzudeklinieren, um zu merken, wie faszinierend gerade in den Bewegtbildern das Physische doch ist.

Im Video: Der Trailer zu "Personal Shopper"

Ja, nichts ist beglückender als unter der Regie von Olivier Assayas dem Spiel von Kristen Stewart zuzusehen: Wobei, Spiel klingt hier schon falsch. Denn mehr noch geht es darum, ihrer Präsenz beizuwohnen, zu erfassen, wie intensiv anwesend diese Frau sein kann, wie sie sich durch die Welt bewegt, Gegenstände anfasst, Maschinen bedient, sich eine Zigarette anzündet, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres in der Welt, als dass sich alles irgendwie fügt, jedenfalls alles, was eine greifbare Gestalt hat. Und, das ist vielleicht die größte Pointe dieses an Pointen nicht gerade armen Films, wenn sich alles fügt, dann ist ziemlich viel aus dem Lot: Erst der Widerstand macht die Erfahrung der Welt zur Wirklichkeit.

Und damit wäre auch das beste Argument geliefert, um dann doch den Konsumkapitalismus zu kritisieren, nicht frontal, sondern filmisch, als Sehnsucht nach einem Konter, der nicht geliefert wird, nicht geliefert werden kann.

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