Thriller über Nachrichtendienste "Zwischen Paranoia und Eitelkeit"

Für seinen Kinothriller "Das Ende der Wahrheit" hat Philipp Leinemann jahrelang zur Arbeit von Geheimdiensten recherchiert. Hier erzählt er von konspirativen Treffen und ernüchternden Erkenntnissen.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Bernd Schuller/ Prokino
    Philipp Leinemann, geboren 1979 in Braunschweig, studierte Regie an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Bekannt wurde er 2014 mit dem Polizeithriller "Wir waren Könige". Danach dreht er u.a. die ZDF-Serie "Tempel". Sein dritter Kinofilm "Das Ende der Wahrheit" mit Ronald Zehrfeld und Alexander Fehling als konkurrierende Geheimdienstagenten startet am 9. Mai. Fehling wurde jüngst beim Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Leinemann, Ihr Film beleuchtet die Arbeit des Bundesnachrichtendienstes. Was hat Ihr Interesse an dem Thema geweckt?

Leinemann: Ein Artikel in der "Süddeutschen Zeitung". Darin wurde berichtet, dass der BND in einer eigens eingerichteten "Hauptstelle für Befragungswesen", die dem Kanzleramt untersteht, Asylbewerber unter anderem nach Kontaktdaten und Handynummern von Terrorverdächtigen befragt. Diese Daten fließen in das "Zielerfassungsystem" der US-Dienste ein. Die Frage ist: Was geschieht mit diesen Daten? Für eine Drohne ist es ein Leichtes, mit Hilfe einer Mobilfunknummer die exakte Position eines Terrorverdächtigen zu lokalisieren. Sie können so jemanden präventiv töten, ohne Soldaten zu schicken oder einem Land den Krieg zu erklären. Die brisante Frage, die im Film die von Antje Traue gespielte Journalistin stellt, lautet: Machen wir uns so der Beihilfe zum Mord schuldig?

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach zweifelhaften Machenschaften bei den deutschen Geheimdiensten.

Leinemann: Es geht um Informationen. Das ist die Währung in der Welt der Nachrichtendienste. Würde der BND sich weigern, diese Metadaten weiterzuleiten, würden die befreundeten Geheimdienste ihrerseits wiederum den Stecker ziehen und uns im Dunkeln lassen. Informationen sind alles, und die werden sehr dürftig geteilt. Das schwankt zwischen Paranoia und Eitelkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie an Ihre Informationen?

Leinemann: Das Schöne ist: Manche Mitarbeiter des BND, die frustriert aussteigen, schreiben Bücher über ihre Zeit dort. Aber ansonsten habe ich jahrelang recherchiert, Unmengen an Büchern und Zeitungsartikeln gelesen. Ich wurde ein regelrechter Nachrichtenjunkie. Interessant war dann, mit dem angeeigneten Hintergrundwissen zu erleben, wie sie mit Informationen umgehen. Es wird unglaublich wenig erörtert und bleibt in sich zusammenhanglos.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch einen aktiven BND-Mitarbeiter getroffen.

Leinemann: Das verlief sehr konspirativ. Den Bewirtungsbeleg hat er danach in der Kerze verbrannt. Er hat mir von der Frustration seiner Kollegen erzählt. Der BND soll eigentlich Informationen auswerten, analysieren und vorlegen. Das kann er aber oft nicht tun, weil die politische Agenda widerspricht. Es heißt: "Wegen Wirtschaftsbeziehungen können wir es uns mit diesen Ländern nicht verderben."

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Leinemann: 2015 hat der BND ein niederschmetterndes Dossier über die brutale Interventionspolitik der saudischen Königsfamilie veröffentlicht. Das gefiel unserer Regierung so gar nicht. Trotz der humanitären Katastrophe im Jemen und der urpuritanischen Auslegung des Wahhabismus, der zunehmend exportiert wird, ganz zu schweigen von der Menschenrechtslage, hält Berlin Saudi-Arabien für einen wichtigen Partner in der Region, ohne den eine Befriedung des Syrienkonfliktes nicht möglich scheint. Und ganz nebenbei pflegen wir mit ihnen Wirtschaftsbeziehungen, in denen es vor allem um Waffenlieferungen in Millionenhöhe geht. Darin involviert sind auch die USA und Frankreich. Auch die üben Druck aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen den BND eher als Opfer denn als Täter?

Leinemann: Er ist Akteur und Spielball zugleich. Mit jeder Regierung ändert sich die Richtung. So ergeht es der CIA wie dem MI6, oder dem französischen Geheimdienst DGSE. Es gibt kein schwarz und weiß, kein richtig und falsch. Es ist eine graue Welt, die von unterschiedlichsten Interessenlagen dominiert, um nicht zu sagen korrumpiert wird. Fakt ist, der BND kann seinen eigentlichen Aufgaben kaum noch nachkommen. Das betrifft die westlichen Geheimdienste insgesamt. Sie sollen, wie gesagt, Informationen auswerten und bekommen dafür einen beträchtlichen Etat. Gleichzeitig verpassen sie epochale Großereignisse wie den Arabischen Frühling oder das Erstarken des IS.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie das größte Problem der Geheimdienste?

Leinemann: Sie verlieren den Kontakt vor Ort. Es gibt immer weniger Leute in der Behörde, die sich mit der Kultur oder der Sprache der jeweiligen Länder auskennen. Sie hören Unmengen an Gesprächen ab, können diese aber kaum auswerten. Ihre klassische Informationsbeschaffung durch HUMAN-Intelligence wurde immer mehr zurückgefahren, aus Angst vor Maulwürfen und Doppelspionen. Stattdessen verlassen sie sich immer mehr auf digitale Techniken. Diese Entwicklung hatte ihren Anfang bereits in den Neunzigerjahren. Ein amerikanischer Agent sagte einmal, ich zitiere: "Für sie ist der Nahe Osten ein scheiß weißer Fleck auf der Landkarte!"

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BND-Thriller "Das Ende der Wahrheit": Akteur und Spielball zugleich

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die deutschen Geheimdienste?

Leinemann: Der BND ist in diesen Regionen angesehener, als man denkt. Sie werden immer wieder von den Israelis oder auch den Amerikanern bei Geiselnahmen angefragt, um die Verhandlungen zu führen. Untereinander reden die ja nicht. Der BND gilt als relativ neutral und wird von beiden Seiten akzeptiert. So spielten sie zum Beispiel eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen mit der Hisbollah über die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit im Jahr 2006, sowie bei der Übergabe getöteter Grenzsoldaten und palästinensischer Gefangener. Kurz vor der Invasion im Irak haben die Amerikaner den BND gebeten, Ziele zu markieren, von denen sie nicht wussten: Freund oder Feind? Weil sie selbst keine Leute mehr vor Ort hatten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Thema, das Ihr Film ebenfalls aufgreift, sind die problematischen Verquickungen von Geheimdiensten, Privatfirmen und Politik. Wie könnte man die auflösen?

Leinemann: Privatisierung ist mit Hoheitsaufgaben nicht vereinbar. Der Firmenname im Film, "Fellows & Brown", spielt auf das Unternehmen KBR an, ehemals "Kellogg Brown & Root", einem großen privaten Militärdienstleister in den USA. Die sind verantwortlich für die Versorgung der Truppen, unterstützen aber eben auch humanitäre Projekte. Das Verhältnis von privaten Dienstleistern und regulären Truppen hat sich vom ersten US-geführten Golfkrieg zum zweiten massiv verändert. Interessanterweise war Dick Cheney Vizepräsident, als die Regierung im Jahr 2003 einen Auftrag an "Kellogg Brown & Root" für den Irak vergab. Bis zu seinem Amtsantritt war Cheney CEO von Halliburton gewesen, dem damaligen Mutterkonzern von "Kellogg Brown & Root".

SPIEGEL ONLINE: So etwas führt zu Interessenkonflikten.

Leinemann: Das Problem ist, dass Konzerne wie Halliburton nicht nur die Logistik stemmen, sondern auch Objektschutz betreiben und an Kampfhandlungen teilnehmen, oft auch ohne Absprache mit den Militärs, deren monatelange Vertrauensarbeit mit den lokalen Stammesführern dadurch in einer Nacht oft wieder zunichte gemacht wird. Und es gibt keine Gerichtsbarkeit für sie. Sie fliegen straffrei heim. Private Militärdienstleister sind niemandem zur Loyalität verpflichtet und können einfach die Seiten wechseln. Mit dem gesamten Insiderwissen. In Afrika passiert das ständig. Das größte Problem ist aber, dass sie auch Geheimdienstinformationen zu Krisengebieten liefern, die unseren Regierungen vorlegt werden. Wie neutral sind diese? Sind diese Firmen wirklich an Frieden interessiert?

Im Video: Der Trailer zu "Das Ende der Wahrheit"

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SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat sich durch die Arbeit am Film Ihre Haltung gegenüber Geheimdiensten verändert?

Leinemann: Der Mythos, was die angeblich alles können, ist durch meine Recherchen verschwunden. Und dennoch gibt es Geheimdienstoperationen, sogenannte false flags, wie zum Beispiel das Gladio-System, eine Stay-Behind-Armee der Natowährend des Kalten Krieges. Viele heutige Probleme wie der Konflikt mit Iransind selbst gemacht. Die CIA und der MI6 hatten 1953 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammed Mossadegh weggeputscht und den Schah installiert, der sein Volk brutal unterdrückt hat. Die Folgen sehen wir bis heute. So etwas passiert immer wieder. Aber deswegen ist für mich nicht automatisch jeder Anschlag eine Verschwörung.



insgesamt 2 Beiträge
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ApuMichael 11.05.2019
1. Und das ist alles?
Schön und gut: das ist ein Interview über einen Film über die Dienste. Da lässt man nicht die richtigen Knaller blitzen; die kommen dann - vielleicht, hoffentlich - beim Betrachten des Films zum Vorschein. Andererseits: sind das nicht alles uralte Hüte, die der Herr Leinemann da im Interview über seinen Film auspackt? Abgesehen davon, dass wir gelernt haben, dass der Herr dank fleißiger Lektüre ein richtiger Nachrichtenjunkie geworden ist. Das ist natürlich'n Ding!
Yoroshii 11.05.2019
2. Hat ER wirklich etwas gelernt?
Zitat von ApuMichaelSchön und gut: das ist ein Interview über einen Film über die Dienste. Da lässt man nicht die richtigen Knaller blitzen; die kommen dann - vielleicht, hoffentlich - beim Betrachten des Films zum Vorschein. Andererseits: sind das nicht alles uralte Hüte, die der Herr Leinemann da im Interview über seinen Film auspackt? Abgesehen davon, dass wir gelernt haben, dass der Herr dank fleißiger Lektüre ein richtiger Nachrichtenjunkie geworden ist. Das ist natürlich'n Ding!
Ein Forist bläst sich wichtigtuerisch auf und will uns "UNS" an der Qualität dieses Interviews zweifeln lassen. Wir alle sollen das und wir sollen von ihm, dem Foristen lernen. Und nicht einem Nachrichtenjunkie aufsitzen. "Uralte Hüte" seien das? Wohl ist der arabische Frühling Vergangenheit und die Irakkriege auch. Gegenwart ist aber, was daraus geworden ist: Syrien! Der Jasminduft der Arabellion hat sich in Leichenpest verwandelt. Ist es das Versagen der Geheimdienste? Oder der blanke Wille einer mächtigen Politkoalition. Leinemann hat nicht verschwiegen, wo dieser Wille sitzt. Überm Teich - aber auch dort, wo dem Brexit Giftgas entweicht. Dem Foristen muss man das nicht ins Geschichtsbuch schreiben, aber man darf sich an die Arabellion erinnern: "Wir" (Lob an Westerwelle) haben nicht mitgemacht! Haben unsere Dienste ordentliche Arbeit gemacht?
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