Interview mit Pierre Brice "Winnetou redet zum Glück wenig"

Pierre Brice erlag den Folgen einer Lungenentzündung. Mit Marc Hairapetian sprach der Winnetou-Darsteller in den vergangenen Jahren über seine Erfahrung im Indochina-Krieg, Freundschaften am Filmset und die Angst vor dem Sterben. Auszüge aus den Treffen.

Pierre Brice (Archivbild): "Mein Vorbild war Jean Gabin"
DPA

Pierre Brice (Archivbild): "Mein Vorbild war Jean Gabin"


Erst am Freitagabend war Pierre Brice mit Fieber in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert worden, am Samstagmorgen erlag er dort den Folgen einer Lungenentzündung. Der Tod des 86-Jährigen hat viele Freunde und Bekannte überrascht und getroffen. Einer, der ihn gut kannte, ist Marc Hairapetian. Er führte im März eines der letzten Interviews mit dem Schauspieler.

Der Rolle seines Lebens blieb Brice immer treu: Nachdem er in den Sechzigerjahren Winnetou in den Karl-May-Filmen darstellte, spielte er ihn später unter anderem bei den Karl-May-Festspielen in Elspe und in Bad Segeberg. Zuletzt hatte Brice in mehreren Theaterproduktionen auf der Bühne gestanden.

Als Winnetou wird Pierre Brice dem Publikum in Erinnerung bleiben. Doch als Schauspieler und auch als Mensch hat er viele weitere spannende Facetten. SPIEGEL-ONLINE-Autor Marc Hairapetian hat Pierre Brice seit 2004 immer wieder getroffen und gesprochen. Auf Basis seiner Aufzeichnungen hat er Zitate und Aussagen zusammengestellt.

…über die Rolle Winnetou und weiteren Filmauftritte:

SPIEGEL ONLINE: In einem der Winnetou-Filme sagen Sie: "Es ist besser Gutes zu tun als Böses." Kann man Winnetou darauf reduzieren - und ist das auch Ihr Credo?

Brice: Es ist in jedem Fall besser ein Guter zu sein als ein Böser - aber einen Bösen zu spielen ist manchmal interessanter. Vor Winnetou habe ich zwei oder drei Mal einen Finsterling gespielt. Eine untypische Rolle hatte ich 1974 in "Die Puppe des Gangsters" als ein Polizist, der sich in ein von Sophia Loren verkörpertes Gangsterliebchen verguckt hat. Der Film war sehr lustig - und es machte Spaß, einen ambivalenten Charakter zu spielen, der alles andere als ein Held war.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie 1959 nicht den angebotenen Hollywood-Vertrag unterzeichnet?

Brice: Ich habe Nein gesagt, weil ich damals in Rom sehr beschäftigt war und noch andere Filme zu drehen hatte. Ich wusste außerdem sehr wohl, dass es manchmal regelrecht gefährlich ist, einen Siebenjahresvertrag in den USA zu machen. Man kann Erfolg haben, man kann aber auch trotz der guten Bezahlung anderweitig nicht arbeiten und ganz schnell vergessen sein. Danach ist der Schauspieler dann kaputt. Das wollte ich mir ersparen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schauspielerische Vorbilder, wo Sie doch selbst für viele ein Vorbild sind?

Brice: Mein Idol im Film war Jean Gabin. Als Schauspieler nach dem Krieg ist Jean-Paul Belmondo für mich fantastisch im Film und am Theater.

…über die Winnetou-Filme:

SPIEGEL ONLINE: Welcher Ihrer Winnetou-Filme ist Ihr Favorit?

Brice: "Winnetou II" ist sehr schön. Die Szene in der Tropfsteinhöhle ist meine allerliebste, wenn Karin Dor mir zuruft "Was sagt Winnetous Herz?" und ich antworte "Ribanna". "Winnetou III" war auch sehr interessant und vor allem in technischer Hinsicht am besten gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in den alten "Winnetou"-Filmen immer synchronisiert worden. Waren Sie damit zufrieden?

Brice: Christian Wolff hat seine Sache sehr gut gemacht. Die anderen Sprecher haben mir nicht so gefallen. Es war allerdings vollkommen richtig, dass ich damals synchronisiert wurde. Ich konnte noch kein Wort Deutsch. Ich platzte einmal auf dem Pferd reitend im vollen Galopp in die Szenerie hinein. "Nein, nein, Pierre, was machst du?", schrie mich Regisseur Harald Reinl auf Französisch an. Ich entgegnete perplex: "Du hast doch 'Winnetou!' gesagt." "Unsinn, Pierre, ich habe 'Bitte Ton!' gerufen."

SPIEGEL ONLINE: "Winnetous Rückkehr" kam 1998 bei Presse und Publikum weitgehend schlecht an.

Brice: Ich war auch nicht zufrieden, weil der Regisseur nicht in der Lage war, solch einen Film zu inszenieren. Die wichtige Szene, warum Winnetou zurückkommt, wurde überhaupt nicht gedreht. Ich hatte das Drehbuch geschrieben. Die Produzentin Regina Ziegler wollte den Film unbedingt mit mir machen und fand mein Skript sehr schön. Trotzdem nahm das ZDF einen anderen Autor. Das Resultat war, dass ich mein Skript nicht mehr erkannt habe. Nach seinem Tod engagierte das ZDF einen zweiten Autor, mit dem ich auch nicht sehr zufrieden war, aber nachdem ich fünf Mal Nein gesagt hatte, sagte ich schließlich doch noch Ja. Ich war einfach müde, Nein zu sagen - ein großer Fehler von mir.

SPIEGEL ONLINE: Die Film- und Hörspiel-Adaptionen sind meist besser als der geschriebene Karl May, bei dem es doch von religiösem Übereifer und rassistischen Ressentiments wimmelt.

Brice: Sie haben recht. In den Filmadaptionen spricht man weniger - und das ist gut, denn Karl May spricht viel. Er schreibt zu viele Details, die nicht sehr wichtig und interessant für den Leser sind. Old Shatterhand hat im Original etwas von einem Wichtigtuer und wird vom "Indianertöter" Old Wabble auch "Mister Besserwisser" genannt. Ständig will er Weiß und Rot, Freund und Feind zum Christentum bekehren - nach dem Motto "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". So hat ihn natürlich mein Freund Lex Barker nie gespielt. Winnetou redet zum Glück allgemein wenig.

…über seinen Filmpartner Lex Barker und weitere Kollegen am Set:

SPIEGEL ONLINE: War Lex Barker wirklich einer Ihrer engsten Freunde?

Brice: Wir waren Freunde, aber keine Blutsbrüder.

SPIEGEL ONLINE: Lex Barker spielte an Ihrer Seite Old Shatterhand, später standen Sie in dem Western "Die Hölle von Manitoba" zusammen vor der Kamera. Gab es weitere gemeinsame Projekte?

Brice: Ja, ein sehr schönes sogar. Einen Monat vor seinem Tod ist er zu mir nach Cannes gekommen. Ich hatte damals das Angebot, einen Film über den Beginn des Indochinakriegs zu machen. Ich fragte ihn, ob er bereit wäre, eine Rolle als amerikanischer Journalist zu spielen. Er war sofort einverstanden. Leider starb kurz darauf der japanische Co-Produzent. Und dann auch noch Lex. Damit war das Projekt auch tot.

SPIEGEL ONLINE: Wer unter Ihren Kollegen hatte für Sie das Zeug zum Blutsbruder?

Brice: Sie werden lachen. Mein Mörder!

SPIEGEL ONLINE: Ihr Mörder?

Brice: Ich meine meinen italienischen Kollegen Rik Battaglia, der mich als Bandit Rollins im dritten Teil von "Winnetou" 1965 den Filmtod sterben ließ. Gerade weil er sehr kritisch war, verstanden wir uns gut. Er wusste aber auch zu feiern. Seine Lebenslust war ansteckend. Als er sich 1968 während der Dreharbeiten durch die Verabreichung einer verunreinigten Spritze mit Hepatitis infizierte, besuchten Lex und ich ihn im Krankenhaus. Da erkannte er wohl, dass wir wirklich Freunde sind. Riks Tod hat mich sehr getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren Ihre Lieblingsfilmpartnerinnen?

Brice: Da muss ich zuerst natürlich Marie Versini nennen. Sie ist eine in Paris geborene Korsin, ich bin aus Brest in der Bretagne, doch wir haben so viel gemeinsam, nicht nur die Karl-May-Filme. Wie in "Winnetou I", wo sie meine Schwester Nscho-tschi spielte, fühlen wir uns im familiären Sinne verwandt. Ich muss auch mit Hochachtung von Antje Weisgerber sprechen, mit der ich 1965 "Der Ölprinz" gedreht habe. Sie war vielleicht das größte Gretchen in der Theatergeschichte. Zusammen mit Mario Girotti machten wir nach Drehschluss in Kroatien ausgedehnte Autoausflüge.

…über den Indochina-Krieg, seine Frau Hella und sein Verhältnis zu Deutschland:

SPIEGEL ONLINE: Im Indochinakrieg mussten Sie als Soldat drei Menschen töten. Belastet Sie das noch immer?

Brice: Sehr sogar. Ich erinnere mich nachts oft an diese furchtbaren Momente, wo ich mein Leben riskiert und in einem Fall sogar wirklich geglaubt habe: "In ein paar Minuten werde ich sterben." Das Schicksal wollte, dass ich die Möglichkeit habe, länger zu leben. Vielleicht hat es auch eine spezielle Bedeutung, dass ich als Winnetou später Pazifismus und Nächstenliebe propagieren konnte.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Ihre deutsche Frau Hella Ihnen als junges Mädchen einen Winnetou-Fanbrief geschrieben hat?

Brice: Ja, sie schrieb mir mit ihren Schwestern in gebrochenem Englisch: "Dear Pierre, we have seen all your films. We were exhausted." Sie schrieb "exhausted" statt "excited". Ich habe ihr nie geantwortet. Als wir uns Jahre später zufällig kennenlernten, war sie nicht mehr an Winnetou, sondern an Pierre Brice interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Freundin war im Zweiten Weltkrieg auch eine Deutsche?

Brice: Ja, obwohl sie im besetzten Frankreich "nur" eine Übersetzerin war, trug sie einen Uniformrock. Unsere Liebe musste geheim bleiben. Ich hatte immer ein Faible für blonde deutsche Frauen, doch seit meiner Hochzeit gibt es nur noch Hella für mich.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland ist Ihre zweite Heimat geworden.

Brice: Ich hab schon im Zweiten Weltkrieg zwischen Deutschen und Nazis unterschieden. Die Deutschen waren nicht für die Gräuel verantwortlich, sondern die Nazis. Ich pendele ständig zwischen Frankreich und Garmisch-Partenkirchen, wo wir ein gemütliches Domizil haben und uns sehr wohlfühlen.

…über seine Pläne und die Angst vor dem Tod:

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 86. Haben Sie schauspielerische Pläne?

Brice: Winnetou werde ich nie mehr spielen; das steht fest. Ich habe meinen Beruf mit Theater angefangen und mich intensiv mit Dostojewski, Tolstoi und Tschechow beschäftigt. In den letzten Jahren stand ich vermehrt auf deutschen Bühnen. Ein gutes Boulevard-Theater-Stück würde mich aber auch noch reizen, wenn man es mir anbietet und die Gesundheit noch mitmacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Brice: Wer hat sie nicht? Verdrängung heißt in diesem Fall das Erfolgsrezept.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurden die Zitate als Wortlaut-Interview wiedergegeben und in einen Kontext gestellt. Zudem war zu lesen, dass es sich bei dem Interview um eines der letzten Gespräche eines Journalisten mit Pierre Brice gehandelt habe. Das ist nicht der Fall. Die Aussagen setzten sich vielmehr - wie oben angemerkt - aus Aufzeichnungen verschiedener Treffen des Autoren mit Pierre Brice in den vergangenen Jahren zusammen. Die Darstellung war irreführend. Wir bitten, dies zu entschuldigen, und haben den Text entsprechend angepasst.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
C.Galki 07.06.2015
1. Symphatisch und bescheiden!
Einer der Helden meiner Kindheit... Klingt alles sehr ehrlich ohne an der eigenen Legende zu zimmern... Traurig das er tot ist.
scheckala 07.06.2015
2. Pierre Brice.....
...schaffte ähnlich wie Lex Barker mit einer einzigen Rolle als Schauspieler seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Er war einer der wenigen Franzosen, die sehr gut deutsch sprechen konnten. Außerdem sah er bis ins hohe Alter sehr gut und eigentlich 20 Jahre jünger aus. Mach es gut, Pierre!
licorne 07.06.2015
3. Sowas kann man sich nur wünschen
bis 86 klar bei Verstand und fit genug zwischen Frankreich und Deutschland zu pendeln, dazu noch in einer glücklichen Beziehung zu leben. Dann kurz krank, Fieber und Ende.
Sumerer 07.06.2015
4.
Zitat von C.GalkiEiner der Helden meiner Kindheit... Klingt alles sehr ehrlich ohne an der eigenen Legende zu zimmern... Traurig das er tot ist.
Das empfinde ich fast auch so. Als werdender Mann fand ich aber Nscho-Tschi interessanter. Winnetou konnte da nicht mithalten. Die Mehrheit hier wird das durchaus nachvollziehen können. Egal, unser Leben hat nun einmal ein endgültiges Ende.
mitch72 07.06.2015
5. Bice und Barker
meine Helden, nun sind beide n den ewigen Jagdgründen. Traurig, aber auch uns wird es ereilen.
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