Pixar-Film "Onward" Magie im Winterschlussverkauf

Das Animationsfilmstudio Pixar hat dem Kino Meisterwerke beschert. Doch die neue Produktion "Onward - Keine halben Sachen" wirkt leider oft wie ein allzu harmloser Werbefilm für Pixars Mutterkonzern Disney.
Auf der Suche nach der Magie: Die beiden vaterlosen Brüder Ian und Barley in "Onward"

Auf der Suche nach der Magie: Die beiden vaterlosen Brüder Ian und Barley in "Onward"

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Pixar/ Disney

In der Welt des Unterhaltungskonzerns Disney gibt es einen Schlüsselbegriff: Magie. Ob man in einem Film der Firma sitzt, einen ihrer Freizeitparks besucht oder auf einem ihrer Kreuzfahrtschiffe über das Meer schippert, stets soll man in eine Welt entführt werden, die jenseits der Wirklichkeit liegt - und sich dort verzaubern lassen. In "Onward", der neuen Produktion des Animationsfilmstudios Pixar, das seit 2006 zu Disney gehört, reden die Figuren immerfort von Magie. Doch der Zuschauer hat das Gefühl, sie würden gezwungen, eine fremde Sprache zu sprechen. Die ihres neuen Heimatlandes.

"Onward – Keine halben Sachen", bei dem der Pixar-Veteran Dan Scanlon Regie führte, erzählt von den beiden Elfen-Brüdern Ian und Barley Lightfoot, die ihren vor vielen Jahren verstorbenen Vater vermissen. Zwar ist ihre Welt von Fabelwesen wie Einhörnern bevölkert, aber die Technisierung und Digitalisierung der Welt bedroht eben jene vielbeschworene Magie. Das Problem ist nur: In den Filmen von Pixar ging es nicht in erster Linie um Zauber. Sondern um Phantasie. Und nicht selten um Anarchie.

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"Onward – Keine halben Sachen"

Foto: Pixar/ Disney

Die Drehbuchautoren und Regisseure von Pixar fanden ihre Helden mitten im Dreck. "Ratatouille" (2007) erzählt von einer Ratte in einem Feinschmecker-Restaurant – für die hygienebesessenen Amerikaner eine Schreckensvorstellung. "Wall-E" (2008) zeigt einen komplett zugemüllten Planeten Erde, auf dem ein kleiner Roboter einsam seiner Arbeit nachgeht. Die Filme rissen ihre Zuschauer mit überbordendem Einfallsreichtum und skurrilem Humor mit, sie bewegten zutiefst, ohne sentimental zu werden.

Die Idee, von zwei Brüdern zu erzählen, die gerne ihren Vater wiedersehen würden, habe ihren Ursprung in seiner eigenen Biografie, erklärte Scanlon. Das wird niemand bestreiten. Aber dass er daraus am Ende einen Film machte, hängt gewiss auch damit zusammen, dass es im Disney-Universum von Waisen und Halbwaisen nur so wimmelt, von "Cinderella" über "König der Löwen" bis zur "Eiskönigin". Ein Glückspilz, wer in dieser Welt Vater, Mutter und Geschwister hat – und womöglich sogar unter einem Dach.

Natürlich ist "Onward" auch ein Film über unsere Gegenwart, über all die Jungs, die bei weitgehend alleinerziehenden Müttern aufwachsen und von ihren Vätern bisweilen wenig mitbekommen. Im Grunde haben Scanlon und sein Team für dieses Gefühl eine tolle visuelle Idee gefunden: Mit Hilfe eines Zauberstabes und einer Beschwörungsformel können Ian und Barley ihren Vater für kurze Zeit ins Leben zurückholen, wegen eines kleinen Malheurs allerdings nur seine untere Hälfte. Der Vater ist in "Onward" lange Zeit ein Mann ohne Oberleib. Und die Beine wollen immer wegrennen.

Keine halben Sachen? Von wegen!

Leider wagt sich "Onward" nie an die Frage heran, was die Sehnsucht nach einem Vater wirklich bedeutet. Das wäre ja zu viel Realität und zu wenig Magie.

Deutsche Beititel von Hollywood-Produktionen sind oft dumm und unnütz. "Keine halben Sachen" aber ist genial. Denn wenn es einen Film gibt, der eine halbe Sache ist, dann "Onward". Wenn Ian seinen kopflosen Vater mit einer Hundeleine durch die Gegend führt, ist das genau der böse Witz, der Pixar auszeichnet. Doch Ian führt den Vater am Ende ins Nichts. "Onward" wirkt zeitweise fast wie eine bissige Parodie auf Disney-Filme, die am Ende aber immer wieder in die Hommage abbiegt.

"Onward - Keine halben Sachen"

USA 2020
Regie: Dan Scanlon
Drehbuch: Dan Scanlon, Jason Headley, Keith Bunin
Produktion: Pixar, Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney Germany
Länge: 100 Minuten
Freigegeben: ab 6 Jahren
Start: 5. März 2020

Der Film flüchtet sich in Actionszenen, die wenig aufregend sind, weil in einem komplett digitalen Film alles möglich und nichts gefährlich ist. Er zettelt eine absurde Schnitzeljagd an, die weniger mit Magie als mit dramaturgischer Willkür zu tun hat. Weg, weg, weg aus den Problemen des Alltags, hinein in eine Welt der Elfenohren und Zaubersprüche. Und wenn es mal rührend werden soll, kippt der Film oft in Rührseligkeit um. Vermutlich hängt all dies weniger damit zusammen, dass die Disney-Oberen Druck auf die Kreativen bei Pixar ausübten. In einer Welt, in der die Magie zur Ideologie erhoben wird, passt man sich womöglich an, ohne dass man es mitbekommt.

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