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Animationsstudio Pixar: Alles auf Neustart

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Animationsstudio Pixar Krise? Welche Krise?

Der Chef wegen #MeToo-Vorwürfen gefeuert und der Zeitgeist auf Diversität gestellt: Das Animationsstudio Pixar muss sich neu orientieren. Wie das gelingt? Ein Besuch in Emeryville, Kalifornien.

Sucht man nach Zeichen des Umbruchs, dann lohnt sich der Blick aufs Kleine. Nicht selten schließlich manifestiert sich eine Zeitwende zuerst in den Details. Und sei es nur auf dem Klo. So scheint es aktuell bei Pixar zu sein. Bei einem Besuch in den legendären Animationsstudios in Emeryville nahe San Francisco fällt im Frühsommer 2019 eine Veränderung zum Vorjahr auf: Zwei der vier Toilettenräume im Erdgeschoss des Hauptgebäudes sind nun "all inclusive" - und nicht mehr wie bisher durch Schilder der "Toy Story"-Figuren Woody und Jessie bestimmten Geschlechtern zugewiesen.

Prinzipiell sind Unisextoiletten im Jahr 2019, zumal in den USA, keine große Neuigkeit. Im Fall von Pixar, wo die Zeichen seit geraumer Zeit auf Veränderung stehen, sind sie dennoch symbolträchtig.

Ein gutes Jahr ist es inzwischen her, dass John Lasseter, der zu den Gründern der Firma gehört, jahrelang ihr vielleicht wichtigster kreativer Kopf war und zuletzt auch die Animationsabteilung des Mutterkonzerns Disney leitete, bei Pixar seinen Hut nahm. 2017 waren im Zuge der #MeToo-Bewegung Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn laut geworden, es folgte eine sechsmonatige Auszeit und im Juni 2018 schließlich der Abschied.

Lasseter ist nicht die einzige langjährige Führungskraft, die sich von Pixar verabschiedet hat: Nach fast 25 Jahren verließ ebenfalls im vergangenen Jahr die Produzentin Darla K. Anderson ("Toy Story 3", "Coco") die Firma, Anfang 2019 dann auch Regisseur Lee Unkrich. Einen möglichen Zusammenhang zwischen ihrem Weggang und Lasseters Kündigung wollten beide nicht bestätigen.

Trickfilmspaß: "A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando"

Von einer Krise bei Pixar will man auf dem idyllischen Animationscampus in Kalifornien trotzdem nichts wissen. Dabei wirkt Lasseters Weggang immer noch nach. Offiziell sollte er nämlich Regie führen bei Pixars neuestem Werk "A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando" (Kinostart: 15. August) - dem vierten Teil der gefeierten Reihe, die Lasseter 1995 selbst gestartet hatte. "Schon 2015 war der Plan, dass er das gemeinsam mit mir macht", sagt der jetzige Regisseur Josh Cooley. "Und bereits im Jahr darauf befand er, dass ihm die Zeit dafür fehlen würde, weswegen ich die Verantwortung allein übernehmen solle."

Auch Jonas Rivera, einer der Produzenten des Films und seit 25 Jahren bei Pixar, gibt sich Mühe, das Fahrwasser als ruhig zu beschreiben: "Mit John haben wir seit eineinhalb Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Aber sein Weggang hat uns keinesfalls aus der Bahn geworfen, schließlich verteilt sich die kreative Verantwortung bei Pixar seit jeher auf viele Schultern."

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Animationsstudio Pixar: Alles auf Neustart

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Der Illusion, dass bei Pixar, einem Unternehmen mit mehr als 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, alles beim Alten ist, will sich allerdings auch niemand hingeben. "Unsere Firma war immer schon im Wandel begriffen, selbst wenn die Atmosphäre im Ganzen die gleiche bleibt", sagt Rivera. "Es gibt Leute wie mich, die fast ihr komplettes Berufsleben hier verbracht haben. Aber an unserem Film haben auch Leute mitgewirkt, die noch Kinder waren, als 'Toy Story' ins Kino kam. Das lässt nicht nur mich ziemlich alt aussehen, sondern hat auch zur Folge, dass sich Referenzen und Geschmäcker unserer Teams verändern."

Die Erkenntnis, dass gewisse Veränderungen angesichts gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen dringend nötig sind, verdankt sich möglicherweise also auch der allgemeinen Verjüngung der Firma. Dazu gehören auch Eingriffe in Arbeiten aus den alten Zeiten: "Toy Story 2" aus dem Jahr 1999 etwa kommt künftig auf Blu-ray, DVD und Co. ohne eine fragwürdige Abspannszene aus. Nebenfigur Stinky Pete suggeriert darin im Flirt mit zwei Barbiepuppen, er könne ihnen gegen gewisse Gefälligkeiten eine Rolle im nächsten Film verschaffen.

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Trickfilm-Saga: Der Sinn des Spielzeuglebens

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Im neuen Film haben die Rufe nach Diversität und Gleichberechtigung bereits ihren Niederschlag gefunden, wenn auch in eher kleinen Bewegungen Richtung Fortschritt. Porzellinchen, in früheren "Toy Story"-Filmen eher das zarte Objekt der Begierde für Cowboy Woody, gibt sich inzwischen als patente Kämpferin mit weiblicher Unterstützung an ihrer Seite. Der Vater der kleinen Bonnie, die mittlerweile Besitzerin der Spielzeug-Protagonist*innen ist, hat - ohne dass es groß thematisiert würde - eine dunklere, mit Latino-Amerikanern assoziierte Hautfarbe.

Und in einer Szene taucht sogar ein womöglich lesbisches Elternpaar auf. Als LGBTQ-Repräsentation mag man diesen winzigen Moment wahrlich noch nicht durchgehen lassen, doch die konservativ-reaktionäre Elterngruppierung One Million Moms ließ sich in den USA trotzdem zu einem Boykottaufruf hinreißen.

"Wir hatten uns nicht dezidiert vorgenommen, mit Porzellinchen ein feministisches Statement zu setzen", sagt Rivera. "Aber es ist zum Beispiel kein Zufall, dass das Design- und Animationsteam, das für diese Figur zuständig war, allein aus Frauen bestand. Selbst bei der Marketingkampagne, etwa bei Slogans und Postern, war es uns wichtig, mit ihnen Rücksprache zuhalten. Auf keinen Fall wollten wir, dass am Ende der Eindruck entsteht, diese Protagonistin sei ein komplett von Männern erdachtes Geschöpf."

Andere Maßnahmen, die Pixar mit der Übergabe der künstlerischen Leitung an Regisseur Pete Docter ("Alles steht Kopf") veranlasst hat, sind noch greifbarer. Vizepräsidentin Britta Wilson leitet zum Beispiel auch die Abteilung "inclusion and diversity". "Für uns hat dieses Thema oberste Priorität", sagt Rivera. "Auf jeder Ebene des Teams achten wir darauf. Nicht nur wenn es um die Drehbücher geht, sondern beispielweise auch bei der Besetzung der Sprecher. Wir casten größtenteils blind, ohne zu wissen welche Hautfarbe ein Schauspieler hat. Und wenn jemandem auffällt, dass Männer 65 Prozent aller Sprechrollen innehaben, dann nehmen wir Veränderungen vor, damit wir ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern erreichen."

Als Pixar vor einigen Jahren mit "Merida" erstmals ganz auf eine weibliche Heldin setzte, lief das noch nicht unbedingt rund, vor allem hinter den Kulissen. Die eigentlich verantwortliche Regisseurin Brenda Chapman wurde noch während der Entstehung gefeuert und durch einen Mann ersetzt. Inzwischen scheint sich dagegen die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass Vielfalt und Gleichstellung innerhalb der Geschichten Hand in Hand gehen mit Vielfalt und Gleichstellung im Filmteam. Für die Geschichte und Co-Regie des Oscargewinners "Coco - Lebendiger als das Leben!" etwa zeichnete der mexikanischstämmige und schwule Adrian Molina verantwortlich. Und in diesem Jahr ging der Kurzfilm-Oscar an "Bao", dessen Regisseurin Domee Shi, eine in China geborene Kanadierin, die erste Frau auf dem Regiestuhl eines Pixar-Kurzfilms war.

Im Video: Der Trailer zu "Toy Story 4"

Der Erfolg dieser Filme verdeutlicht natürlich auch, dass es nicht nur ideologische Gründe sind, derentwegen man sich bei Pixar entschieden hat, mit dem Zeitgeist zu gehen. Im gesamten Disney-Konzern hat man schließlich - von "Die Eiskönigin" über "Black Panther"bis zu den jüngsten "Star Wars"-Filmen - erkannt, dass das Publikum nicht wegbleibt, wenn der Fokus eines Films mal nicht männlich und/oder weiß ist. Im Gegenteil: Diversität lässt die Kassen klingeln. So sehr sogar, dass das Studio in dieser Hinsicht zusehends mutiger und fortschrittlicher wird. Für einen neuen Marvel-Film, der kommendes Jahr gedreht werden soll, sucht man aktuell beispielsweise erstmals ausdrücklich nach einer Transgender-Schauspielerin.

Gleichzeitig allerdings mahlen die Mühlen bei Animationsfilmen langsam. Die beiden Filme, die Pixar im kommenden Jahr in die Kinos bringen wird - "Onward" und "Soul" -, sind seit vielen Jahren in Arbeit. Sie haben zwar weibliche Produzentinnen, aber Männer auf dem Regiestuhl und, zumindest im Fall von "Onward" (über "Soul" ist inhaltlich noch so gut wie nichts bekannt), männliche Protagonisten. Nicht jede Veränderung lässt sich eben so schnell umsetzen wie das Abschrauben einiger Pissoirs.

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