Pocher-Film "Vollidiot" Witze für die Generation Media Markt

Nachdem Oliver Pocher sich durchs Fernsehen getextet hat, penetriert er nun auch das deutsche Kinopublikum. In der Verfilmung von Tommy Jauds Bestseller "Vollidiot" poltert er als Handy-Verkäufer durch Porno-, Sauf- und Sparfuchs-Witze.

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Man muss nur lange genug auf die Menschen einquatschen, irgendwann kaufen sie dir schon genervt etwas ab. Das ist die Zermürbungstaktik, auf der der zweifelhafte Ruhm des ehemaligen Versicherungsvertreters Oliver Pocher beruht. Das Ziel war immer der Erfolg, der Weg dorthin komplett egal. Angefangen hat er beim Fernsehen als Anhängsel des Stefan-Raab-Anhängsels Elton, also als Praktikant des Praktikanten. Irgendwann hat er einen eigenen Media-Markt-Werbespot bekommen, schließlich auch auf Pro Sieben eine eigene große Show. Pocher war immer irgendwie da, ohne dass man wusste, was genau er eigentlich macht.

Inzwischen fungiert der Junge aus Hannover als eine Art Ein-Mann-Callcenter, der auf allen Leitungen und Kanälen teilnahmslos seine Umwelt zulabert. Meist klopft er Sprüche über Ossis oder über das unvorteilhafte Aussehen anderer Menschen. Seine stümperhaft gesetzten Pointen kann wirklich jeder verstehen, zumal er gerne vor jedem Witz blöde grinst und so den ganz Langsamen unter seinen Zuschauern das Zeichen zum Lachen gibt. Pocher sammelt sie alle ein, die Fernsehsesselleichen, die Klingeltongehirntoten und die Dumpingpreiskleingeister der Generation Media Markt. Die Pflege seiner medial umnachteten jungen Mitmenschen könnte geradezu anrührend wirken – absolvierte sie er sie nicht mit solch aggressiver Gleichgültigkeit.

Nun penetriert der Fernsehmann Pocher also auch noch das deutsche Kinopublikum. Und tatsächlich ist es diese aggressive Gleichgültigkeit, die ihn für die Titelrolle seines ersten Spielfilms prädestiniert. Denn der ewige Versicherungsmakler Pocher spielt in "Vollidiot" den ewigen Telekommunikations-Makler Peters, einen sexuell unterversorgten und verbal überschäumenden Menschenfeind, der Minderjährigen überflüssige Handy-Verträge aufschwatzt. So weit, so schlüssig.

Porno-Witze und Single-Tristesse

Doch der grobe Klamauk soll nach dem Willen der Filmemacher irgendwann in eine romantische Komödie gewendet werden, und da wird es problematisch. Denn wie soll das gehen mit einem Fratzenminimalisten wie Pocher? Schließlich beherrscht er nur knapp zwei Gesichtsausdrücke: Mal sind die Augen stupide aufgerissen und der Mund ist stumpf geschlossen, mal sind die Augen stumpf geschlossen und der Mund ist stupide aufgerissen. So poltert sich Pocher als Handy-Verkäufer Peters auf der Suche nach der großen Liebe durch Porno-Witze und Single-Tristesse, ohne auch nur einen Gag geschweige denn eine Gefühlsregung richtig ausspielen und platzieren zu können.

Dabei hält die extrem erfolgreiche Romanvorlage von Tommy Jaud, der auch das Drehbuch verfasst hat, einige immerhin gedrosselt originelle Weisheiten über das genormte Großstädterdasein zwischen Ikea-Wohnkultur, Coffeshopketten-Gemütlichkeit und Telekommunikationsirrsinn parat. Jaud begann seine Karriere bezeichnenderweise als Autor der Sat.1-"Wochenshow", wo man Ende der neunziger Jahre für deutsche Verhältnisse ein relativ hohes Humorniveau pflegte. Und auch "Vollidiot"-Regisseur Tobi Baumann sammelte hier erste Erfahrungen. Später arbeiteten beide mit "Wochenshow"-Star Anke Engelke für deren eigenwilliges Comedy-Format "Ladykracher" zusammen. Engelke spielt in der Pocher-Klamotte nun ganz wunderbar die schüchterne Chefin des Filmhelden, genannt Eule. Doch der grandiose Aberwitz von "Ladykracher", der ja vor allem auf dem gekonnten Spiel mit bekannten Rollenmustern fußte, liegt hier in weiter Ferne.

Flatrate-Amüsement der Generation Mediamarkt

Hauptdarsteller Pocher vergeigt in "Vollidiot" nicht nur die schönen Anspielungen auf die Image-Kampagnen der Telecom oder den grotesken Expansionismus amerikanischer Milchkaffeeanbieter, sondern suhlt sich dazu auch noch in öder Selbstbezüglichkeit. So spielt er mehrmals kokett auf die eigene Vergangenheit bei den Zeugen Jehovas an, und auch die Media-Markt-Kampagne – Achtung, Selbstironie! – wird genüsslich aufgegriffen und komödiantisch verwurstet. Hat der Elektro-Großhändler dafür eigentlich gezahlt – und weshalb kriegt man dann für so ein Projekt Geld von gleich vier unterschiedlichen Filmförderungsanstalten?

Ebenso drängt sich natürlich die Frage auf, ob der Kölner Großpuff Pascha, wo der Held am Ende besoffen mit seinem Kumpel landet, für seine ebenso prominente wie freundliche Platzierung in der Filmhandlung löhnen musste. Draußen vor dem "Geiz-ist-geil"-Bordell, wie lustig, hängt ein Banner mit dem Werbespruch "All you can fuck". Flatrate-Saufen, Flatrate-Ficken, Flatrate-Lachen: So amüsiert sich die Generation Media Markt.

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