Polit-Drama von Ken Loach Linksabbieger der Geschichte

Der englische Filmemacher Ken Loach erinnert in "The Wind That Shakes the Barley" an den irischen Freiheitskampf nach 1916 – und entdeckt dabei eine Modellsituation für die asymmetrische Kriegsführung der Gegenwart.

Von Bert Rebhandl


Vor einem Hühnerstall stehen irische Männer in Reih und Glied. Sie sehen die Gewehre der britischen Besatzer auf sich gerichtet, und müssen einer nach dem anderen ihre Namen sagen. Ihre englischen, nicht ihre irischen. Einer weigert sich beharrlich. Er will Micheail genannt werden, dafür geht er in den Tod. Er wird einer der ersten Märtyrer der irischen Freiheitsbewegung nach dem Osteraufstand von 1916.

Der englische Filmemacher Ken Loach, bekannt für seine dezidiert linken politischen Positionen, erzählt in "The Wind That Shakes the Barley" die Geschichte jener Jahre nach. Er findet in der Konfrontation der irischen Nationalisten mit den englischen Kolonialherren eine Modellsituation für unsere Gegenwart – die asymmetrischen Auseinandersetzungen, die von der amerikanischen Regierung allzu schnell zu einem globalen "Krieg gegen den Terror" vereinheitlicht werden, sind in Loachs Film deutlich wieder zu erkennen.

Im Mittelpunkt steht ein Medizinstudent namens Damien (Cillian Murphy). Er befindet sich kurz vor der Abreise nach London, wo er seine Ausbildung komplettieren möchte. Die irische Sache will er zurückstellen, er will zuerst einmal an sich denken. Doch dann gerät er in die Gruppe von Männern, die am Hühnerstall die Demütigung durch die Engländer erleben. Er sieht den toten Micheail in seinem eigenen Blut liegen, "zu Brei geschlagen" von den Gegnern. Spontan schließt er sich den Untergrundkämpfern an, zu denen auch sein Bruder Teddy O’Donovan (Pádraic Delaney) gehört.

Harter Weg in die Freiheit

Gemeinsam arbeiten sie an einer Taktik der Provokation, mit jedem neuen Gegenschlag bringen die Engländer die Iren mehr gegen sich auf. Zwischendurch ziehen sich die Kämpfer immer wieder in die wilde irische Natur zurück. Damien verliebt sich in Sinead (Orla Fitzgerald), der von den Engländern ebenfalls übel mitgespielt wird.

Für Ken Loach wäre die Sache jedoch zu einfach, wenn es nur darum ginge, wie eine unterlegene Nation sich gegen die übermächtigen Imperialisten durchsetzt. In "The Wind That Shakes the Barley" geht es um die Dilemmata, die sich auf dem Weg in die Freiheit ständig auftun. In einer zentralen Szene tagt ein (weiblich besetztes) Volksgericht über einen wohlhabenden Iren. Er wird zu einer Buße verurteilt, weil er einen Landsmann übervorteilt hat. Die republikanischen Kämpfer wollen ihn aber der Gerichtsbarkeit entziehen, weil sie auf seine Finanzspritzen für die nächste Waffenlieferung aus Glasgow angewiesen sind.

Schon hier stehen sich die Güter Unabhängigkeit und Gerechtigkeit konfliktreich gegenüber. Loach lädt die Geschichte mit seinen linken Idealen auf – der Kampf um Irland ergibt für ihn nur Sinn, wenn es dabei um den Aufbau einer egalitären Gesellschaft geht, mit enteigneten Großgrundbesitzern und zum Schweigen gebrachten Klerikern.

Geduldig filmt er die langwierigen Entscheidungsprozesse der Republikaner, die schließlich vor einer Alternative stehen, über der sich auch die Brüder Damien und Teddy entzweien: England bietet eine beschränkte Unabhängigkeit an, wobei das Land weiterhin zur Krone gehören, und Nordirland direkt London unterstehen würde. Es ist die Konstellation, die den Großteil des 20. Jahrhunderts Bestand haben sollte, und zahlreiche weitere Opfer der Gewalt auf beiden Seiten mit sich brachte.

Wendepunkte der Geschichte

Loach geht an den Punkt zurück, an dem noch eine andere Möglichkeit offenstand: Die Fortsetzung des Aufstands, auch wenn dieser mit 3500 Gewehren gegen die größte Kolonialmacht der Welt aussichtslos erscheinen musste. In seinem Gesamtwerk fügt sich "The Wind That Shakes the Barley" in die Reihe historischer Epen ein, mit denen der Regisseur jeweils Wendepunkte der Geschichte der Linken aufgesucht hat: den Spanischen Bürgerkrieg in "Land and Freedom", die sandinistische Revolution in Nicaragua in "Carla’s Song".

Besonders deutlich gab er sein ideologisches Koordinatensystem zu erkennen, als er in seinem Beitrag zu dem Episodenfilm "11’09’’01" das Datum des 11. Septembers nicht, wie allgemein üblich, mit den Anschlägen in New York und Washington in Verbindung brachte, sondern mit dem Putsch gegen Präsident Allende in Chile 1973 – er las die Chiffre 9/11 so, dass die USA nicht als Opfer des Terrorismus, sondern als Täter des Imperialismus erscheinen mussten.

Dabei ist Loach alles andere als ein Geopolitiker. Seine Weltsicht hat einen konkreten Sitz im Leben, dort, wo er seit den sechziger Jahren von den Sorgen und Nöten der einfachen Leute in England erzählt. Seine Sozialdramen, von "Poor Cow" bis zu "Kes", von "Ladybird, Ladybird" bis zu "The Navigators", machen ihn im Weltkino unverwechselbar. Sein Gespür für Figuren prägt auch noch seine Darstellung des irischen Dramas: "The Wind That Shakes the Barley" mag an manchen Stellen aussehen wie Geschichtsunterricht, überzeugt dabei aber doch durch einen hohen Identifikationswert.



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