SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Dezember 2011, 08:59 Uhr

Polit-Thriller "The Ides of March"

Unter einsamen, eitlen Männern

Von

Niemand ist gefährlicher als ein enttäuschter Idealist: Mit dem Thriller "The Ides of March - Tage des Verrats" rechnet George Clooney leidenschaftlich mit dem verkommenen US-Politikbetrieb ab. Den stärksten Auftritt in dem Oscar-Anwärter liefert aber ein besonders aufregender Jungstar ab.

"Believe" steht auf dem Plakat, darüber ein stilisiertes Porträt des Hoffnungsträgers. Mike Morris ist sein Name, Gouverneur von Pennsylvania und aussichtsreicher Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten. Natürlich soll das Bild an das berühmte "Hope"-Motiv erinnern, welches der Grafiker Shepard Fairey für den Wahlkampf von Barack Obama entwarf. Denn schließlich will "The Ides of March", der neue Film von George Clooney, ein Politdrama von aktueller Relevanz sein.

Regisseur, Co-Produzent und Co-Autor Clooney übernimmt darin selbst den Part des ambitionierten Morris, während die eigentliche Hauptrolle Ryan Gosling gehört. Gosling spielt den jungen Wahlkampfstrategen Stephen Meyers, der zusammen mit Kampagnenmanager Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) das Team Morris' durch die Primaries, die traditionellen Vorwahlen zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten, führt. In Ohio angekommen, gibt es im Rennen um die Gunst der demokratischen Delegierten mit Senator Ted Pullmann nur noch einen ernstzunehmenden, parteiinternen Konkurrenten für Morris.

Meyers und Zara präparieren den charismatischen Redner Morris für den andauernden Interview- und Debattenparcours, lancieren gezielt Stellungnahmen an die Presse und analysieren die wechselnde Trendlage. Abseits der Öffentlichkeitsarbeit gilt es auf der politischen Hinterbühne, die Gunst von Senator Franklin Thompson (Jeffrey Wright) zu erlangen. Franklin hat die Stimmen von mehr als 350 Delegierten hinter sich, weshalb seine Unterstützung das sichere Ticket für die Nominierung bedeuten würde.

Filmische Anklage im Stil eines Kammerspiels

Obschon ein begabter Lobbyist und PR-Mann, definiert sich Meyers selbst als Idealist, der dem richtigen, weil integeren Kandidaten zum Sieg verhelfen will. Das unterscheidet ihn von abgehärteten Realisten wie Zara und ihrem gemeinsamen Gegenspieler Tom Duffy (Paul Giamatti), der den Wahlkampf von Pullmann leitet. Meyers genießt die persönliche Nähe und das vertrauliche Verhältnis zu Morris, der mit seiner liberalen, progressiven Agenda einen neuen Politikstil verspricht. Die Bewunderung für Morris teilt Meyers mit der jungen Wahlkampfhelferin Molly Stearns (Evan Rachel Wood), und inmitten des aufreibenden Kampagnenalltags beginnen sie eine heimliche Affäre.

Molly ist nicht nur eine von vielen engagierten Studenten, sondern auch Tochter des Vorsitzenden des Democratic National Comittee. Dieser pikante Umstand rückt jedoch vorerst in den Hintergrund, als Meyers unvermittelt einen Anruf von Tom Duffy erhält, der ihn um ein Treffen unter vier Augen bittet. Meyers lässt sich auf die Verabredung ein. Das Gespräch mit dem Gegner hat Folgen, allerdings anders als von Meyers erahnt. Das Talent gerät unter Druck. Und einmal in Gang gesetzt, lässt die Dynamik der Ereignisse und Entscheidungen keinen Beteiligten unbeschädigt. Beendete Karrieren, gestürzte Idole, moralischer Bankrott und ein Todesfall - die Schadensbilanz in Clooneys filmischer Anklage einer vor allem mit sich selbst befassten Politik ist imposant. Die dramatische Aufstellung und die oft monologischen Ausführungen in "Ides of March" haben eine bisweilen statische Theatralik, schließlich basiert das Drehbuch auf dem Bühnenstück "Farragut North" von Beau Willimon. Und in seiner Abfolge präzise abgezirkelter Gesprächsszenen ähnelt der Film zudem "Good Night, and Good Luck", Clooneys nostalgisch gefärbter Ode an einen unbestechlichen Qualitätsjournalismus.

In seiner Reduktion interessiert sich das Drama auch nicht für den Lagerkampf, der die Debatten in der US-Politik in den vergangenen Jahren geprägt und radikalisiert hat: Die polemischen Stellvertreterkriege zwischen Fox News und MSNBC etwa finden hier keinen Niederschlag, stattdessen dominiert das persönliche Dilemma einsamer und eitler Männer. Wer also ein authentisches Abbild des Kampagnengeschäfts erwartet, sollte sich lieber noch einmal D. A. Pennebakers und Chris Hegedus' mittlerweile fast 20 Jahre alte Dokumentation "The War Room" über den ersten Clinton-Wahlkampf ansehen.

Im Vordergrund: schillernde Mannsbilder

Dass die ohnehin wenigen Frauenrollen in "The Ides of March" - neben Evan Rachel Wood als unglückliche Geliebte treten noch Marisa Tomei als embedded journalist sowie Jennifer Ehle als Gattin von Morris auf - chronisch marginalisiert werden, könnte man mit viel gutem Willen als Kommentar zum Machismo im Politbetrieb verstehen. Angesichts seiner bisherigen Regiearbeiten scheint es jedoch wahrscheinlicher, dass Clooney die komplexen Charakterisierungen für schillernde Mannsbilder reserviert.

Wobei sich der multifunktionale Star selbst auf der Leinwand angenehm zurücknimmt: Mike Morris ist weniger Protagonist denn Projektionsfläche, und Clooney spielt den charmanten Tribun mit einer durchaus doppeldeutigen Distanz zum eigenen, populären Image. Dass der Demokrat Clooney hier auch seine persönliche Enttäuschung über Obamas bisherige Regierungszeit ventiliert, ist zwar eine naheliegende Interpretation, doch die wirklichen Abgründe der Geschichte tun sich in der zweiten Reihe auf.

Sie auszuloten obliegt Ryan Gosling, neben Michael Fassbender sicher der derzeit aufregendste Star im Spannungsfeld zwischen Arthouse und Mainstream-Kino. Goslings Qualität als Schauspieler zeigt sich immer wieder in Momenten, in denen sein Gesicht die verborgenen Gedankengänge seiner Figuren erahnen lassen. So bleibt auch sein Stephen Meyers eine beunruhigende Unbekannte in ansonsten vertraut wirkenden Ränkespielen.

Aus der vielfach enttäuschten Liebe Meyers - zu Morris, zu Molly, zu seiner Arbeit, aber zuvorderst zu sich selbst - wächst so in den neuzeitlichen "Iden des März" etwas Monströses heran, vor dem sich auch moderne Cäsaren fürchten müssen. Shakespeare wusste: Marcus Junius Brutus war ein Verschwörer und Mörder, doch zugleich konnte er der nobelste Diener Roms sein. Und keine Demokratie muss einen Zyniker jemals so sehr fürchten wie einen gefallenen Idealisten.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung