Politthriller "Syriana" Kreation der Korruption

Wie komplex muss ein Film sein, der nicht Helden, sondern Zusammenhänge, nicht Einzelschicksale, sondern Strukturen darstellt? Und wie passt ein Superstar wie George Clooney in so ein Projekt? Im Fall von Steven Gaghans Politthriller "Syriana" erstaunlich gut.

Von Daniel Haas


Wäre es schlimm, wenn sie recht hätten: die Kritiker, die sagen, "Syriana" sei ein Feigenblatt vor dem Konformismus Hollywoods? Ein Alibi-Film, den der mächtigste Filmbetrieb der Welt mit Lob und Oscar-Nominierungen überhäuft, um sich letztlich nicht ändern zu müssen?

Dann wäre der provokante Einzelfall doch nur wieder die Bestätigung der allgemeinen vulgären Regel, die lautet: Es geht ums Business. Dann wäre Steven Gaghans Politthriller um CIA-Agenten, Ölkonzerne und Selbstmordattentäter tatsächlich nur ein strategisches Mittel, mit denen sich ein in Remakes, Sequels und Effekten verödender Massenbetrieb einen Rest Glaubwürdigkeit bewahrt.

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"Syriana": Engagement und Entertainment

Vielleicht ist "Syriana" aber auch die Renaissance des Entertainment-tauglichen Agitfilms, wie er schon einmal die Leinwände der Welt eroberte. Damals hießen die Protagonisten Robert Redford und Warren Beatty. Wie Clooney heute standen sie in den Siebzigern für ein liberales demokratisches Bewusstsein, das mit politischen Filmen wie "Die drei Tage des Condors" (1975) und "Die Unbestechlichen" (1976) den Schulterschluss zwischen Engagement und Unterhaltung versuchte.

Dass bei beiden die Starpersona die kritische Agenda boykottierte - Beatty scheiterte als Wahlkämpfer, Redford diskreditierte sich mit koketter Motzerei über seinen Ruhm - wird bei Clooney allerdings nicht das Problem sein. Im Gegenteil: Wer den Darsteller bei der Pressekonferenz zur Berlinale erlebt hat, weiß, dass niemand geschickter die diversen Rollenerwartungen (Sunnyboy, Ladies' Man, Kinorebell, Leinwand-Intellektueller) bedienen wird als er.

Und das ist gut so: Der Hollywood-Betrieb kann - Feigenblatt hin, Verblendungszusammenhang her - einen wie Clooney gut gebrauchen. Natürlich ist die Traumfabrik nach wie vor anti-intellektualistisch, frauenfeindlich und tendenziell rassistisch. Immer noch gilt ein Menschenfresser wie Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer") als die Höchstform des kunstsinnigen Menschen; Darstellerinnen über 40 fühlen sich nach wie vor, als hätten sie eine "ansteckende Krankheit" (Sharon Stone), und ob der Afroamerikaner Will Smith statt einer Latina irgendwann einmal eine weiße Angelsächsin verführen darf, ist fraglich.

Aber Clooney, "der Welt elegantester Star" ("Zeit"), ist durch Kassenerfolge wie "Ocean's Eleven" und "Out Of Sight" derart rentabel geworden, dass er, wie es im Jargon heißt, Filme greenlighten kann. Im Fall von "Syriana" bedeutet das: grünes Licht für eine vier Handlungsstränge, ein Dutzend Drehorte und über fünfzig Sprechrollen umfassende Story, deren Komplexität beispiellos ist im jüngeren Thrillerkino.

In Berlin sprach Gaghan von der Leere, die sich immer dann in den Gesichtern der Hollywoodproduzenten breit machte, wenn er sein Drehbuch vorstellte. Sie kann als das von wirtschaftlichen Interessen bestimmte Pendant zur Überfülle an Motiven und Ideen in "Syriana" gelten. Dass man bei Warner die zwischen einem abgehalfterten CIA-Agenten (Clooney), einem reformwilligen Emir (Alexander Siddig), zwei Selbstmordattentätern, einem Anwalt (Jeffrey Wright), mehreren Ölbaronen und einem Wirtschaftsanalysten (Matt Damon) hin und her mäandernde Intrige dennoch produzierte, liegt vor allem an Clooney, der für eine Minimalgage antrat und dem Film ein Maximum an Publicity garantiert.

Damit kommt dem Superstar eine eigentlich absurde Rolle zu: Er muss mit seiner Prominenz einen Film promoten, dessen Ästhetik auf Strukturen anstatt auf starke Subjekte setzt. "Syriana" spitzt nicht wie der vermeintlich kritische Thriller "Lord of War" seine Handlung auf eine Person hin zu, sondern entwickelt sich als Collage, die die Akteure zu Funktionsträgern eines korrupten Systems abstuft. Das macht den Film so anstrengend und redlich zugleich: dass Gaghan einen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Schuldzusammenhang auffächert, in dem keine Figur die Regie übernimmt.

Die Choreographie dieses Ränke- und Machtspiels, an dessen Ende die CIA selbst zu Attentätern und liberale reformwillige Kräfte im Mittleren Osten von Ignoranz und Gier in die alte Freund-Feind-Logik zurückgerissen werden, kennt keinen ideologischen Masterplan, keine Leiterzählung. Wirtschaftliche Interessen haben die Führung übernommen, wenn überhaupt, dann folgt der Lauf der Geschichte nur der Logik der Korruption. Man kann sich in dieser ideell entkernten, nur dem Tausch verpflichteten Welt verlieren. "Syriana" macht diese Desorientierung in seiner kaleidoskopartigen Inszenierung deutlich wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre.

"Syriana" - ein Hollywood-Feigenblatt? Wenn ja, dann eines mit paradoxer Wirkung: Beschämende Verhältnisse werden für das Kino entdeckt und aufgedeckt, nicht verhüllt.



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