Porträt Lieben Sie Perkins?

Schauspiel als Therapie: Anthony Perkins versuchte sein ganzes Leben lang, durch die Arbeit das Trauma seiner Jugend zu verarbeiten. Vor zehn Jahren starb der "ewig große Junge", der für viele immer der Norman Bates aus "Psycho" bleiben wird.
Von Marc Hairapetian

Hannover, 26. September 1991: Der größte Saal in Deutschlands erstem Cinemax-Kino ist brechend voll. Das rege Zuschauerinteresse gilt allerdings kaum der Premiere des Films "Der Mann nebenan", der in allzu devoter Manier seinem großen Vorbild "Psycho" huldigt, sondern in erster Linie dem anwesenden Hauptdarsteller, der drei Jahrzehnte zuvor mit der "Mutter aller Horrorthriller" quasi über Nacht internationalen Ruhm erlangte. Die Leute sind gekommen, um die Variation der Variation der Variation von Norman Bates zu sehen. Anthony Perkins tut ihnen den Gefallen - auf und vor der Leinwand erscheint er als schüchterner Sonderling.

Während der schlacksige Endfünfziger im Film jedoch im Maßanzug und mit braun getönten Haaren einen Hauch unzerstörbarer Jugend versprüht, erkennt man bei seiner kurzen Publikumsansprache, dass der einstige weltläufige Elegant körperlich schwer gezeichnet ist. Bekleidet mit einem sackartigen Anorak und ausgewaschenen Jeans hält er in der einen Hand krampfhaft eine Plastiktüte, in der anderen eine Wasserflasche. Höflich bedankt er sich bei seiner Regisseurin Petra Haffter für die "großartige Zusammenarbeit". Im nächsten Moment schon flüchtet er im erstaunlich schnellen Rückwärtsgang vor der ihn bedrängenden Journalisten- und Fotografenmeute in die geheimen Gänge des Hightech-Schachtelkinos.

Schemenhaft wie ein Geist

Wenig später stellt sich Anthony Perkins doch einem Interview. Der Mann erklärt, dass er es inzwischen müde sei, gegen das Image des Leinwand-Psychopathen anzukämpfen. Seinen Buchhalter mit Borderline-Syndrom in "Der Mann nebenan" bezeichnet er als den "gealterten Zwillingsbruder von Norman Bates". Er selbst habe schon mit dem Gedanken gespielt, den Stoff zu verfilmen, doch das Drehbuch der "jungen, attraktiven und amüsanten" deutschen Regisseurin sei einfach besser gewesen. Außerdem wolle er nach dem Misserfolg von "Psycho III" nicht mehr Regie führen. Als Lieblingsfilm, in dem er mitwirkt habe, nennt er Mike Nichols' "Catch 22", "weil die Aussage sich gegen jede Form von Krieg richtet. Da macht es nichts, dass mein Part recht klein war". Obwohl er alle Fragen freundlich beantwortet und sich bereitwillig ablichten lässt, hat man den Eindruck, dass er irgendwie abwesend ist.

Wenige Tage darauf zeigen die Schwarzweiß-Abzüge Anthony Perkins nur schemenhaft wie einen Geist. Bis heute konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob der richtig belichtete Film vom Fachlabor falsch entwickelt wurde. Zu diesem Zeitpunkt weiß die Öffentlichkeit noch nicht, dass Anthony Perkins unheilbar krank ist. Ein Jahr später, am 12. September 1992, ist er tot - dahingerafft von einer HIV-Infektion.

In einer nach seinem Ableben verlesenen Erklärung verriet der zweifache Familienvater, dass er seinen Zustand für sich behalten habe, weil er fand, dass "die Probleme eines alten Schauspielers in dieser verrückten Welt nicht weltbewegend seien." Weiter heißt es dann: "Es gibt viele, die glauben, dass diese Krankheit Gottes Rache ist. Ich aber glaube, dass sie geschickt wurde, damit die Menschen lernen, einander zu lieben und zu verstehen und Respekt voreinander zu haben. Ich habe von den Menschen, die ich bei diesem großen Abenteuer in der Welt von Aids getroffen habe, mehr über Liebe, Selbstlosigkeit und menschliches Verständnis gelernt als es je in der halsabschneiderischen, vom Konkurrenzkampf dominierten Welt der Fall gewesen ist, in der ich mein Leben verbracht habe."

Prototyp des labilen Jünglings

In der nicht nur von Glamour, sondern auch von Ellbogen-Mentalität geprägten Atmosphäre der so genannten "Traumfabrik" konnte Anthony Perkins so manche herausragende Leistungen vollbringen. Gerade weil er den Prototyp des labilen, oftmals psychisch gestörten Jünglings ungeheuer nuancenhaft kreierte, wäre es unfair, ihn als Schauspieler allein auf Norman Bates zu reduzieren. Mit dieser Rolle verband ihn eine regelrechte Hassliebe, weil sie auf tragische Weise mit seiner tatsächlichen Entwicklung vom Kind zum Mann verknüpft zu sein schien: "Erst hat meine wirkliche Mutter mein Leben dominiert, dann Norman", befand Perkins achselzuckend.

Anthony Perkins, dessen 70. Geburts- und zehnter Todestag in diesem Jahr zusammenfallen, wurde als Sohn des Schauspielers Osgood Perkins ("Scarface") am 4. April 1932 in New York City geboren. Nach dem überraschenden Tod des Vaters - der kleine Tony war damals erst fünf Jahre - litt er unter einer überstarken Mutterbindung. Deswegen waren ihm erst sehr spät, nach jahrelanger Psychotherapie, normale Kontakte mit dem anderen Geschlecht möglich. Erst mit Vierzig hatte er nach eigenen Angaben die erste Liebesbeziehung zu einer Frau, der späteren "Dallas"-Ikone Victoria Principal. Kurz darauf heiratete er die Fotografin Berinthia Berenson, die am 11. September letzten Jahres beim Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kam. Mit der Schwester der Schauspielerin Marisa Berenson hatte er zwei Söhne, Osgood und Elvis.

Zum zweiten Teil

Berüchtigter, linkischer Charme

Es scheint verständlich, dass Anthony Perkins nach der eigenen schwierig verlaufenden Jugend die Schauspielerei als eine Form von Eskapismus betrieb. Als Vierzehnjähriger gab er während seiner Schulzeit am Sommertheater von Brattleboro in Vermont sein Bühnendebüt. Nach dem Studium am Rollins College und der Columbia-Universität, hatte er 1953 seinen ersten winzigen Leinwandauftritt an der Seite von Spencer Tracy in "Theaterfieber". Dieses ergriff ihn tatsächlich: Ein Jahr später konnte der junge Perkins in einer Rolle, die ihm geradezu auf den Leib geschneidert war, einen sensationellen Erfolg am Broadway verzeichnen: Als nervös-intellektueller Schüler Tom Lee, der zwar von seinen Kameraden als "feminines Weichei" verspottet wird, dafür aber die mehr als mütterliche Zuneigung einer Lehrergattin gewinnt, konnte sich erstmals ein großes Publikum an seinem berüchtigten linkischen Charme ergötzen.

Nach Nebenrollen in William Wylers Quäker-Epos "Lockende Versuchung" (1955) und Stanley Kramers melancholischem Abgesang auf die letzten Tage der Menschheit "Das letzte Ufer" (1959) sorgte er als verklemmter Triebtäter in Hitchcocks seinerzeit von der Kritik fast einhellig verrissenem Schocker "Psycho" (1960), der inzwischen neben "2001 - Odyssee im Weltraum" zum meistzitierten Film aller Zeiten avancierte, für Furore. Der Regiealtmeister muß von Perkins Mutterkomplex gewußt haben, als er ihm den Part des Norman Bates anbot. Sein verklemmt-netter Motelbesitzer entpuppt sich als mordendes Monster. Es tötet, was es liebt: Erst seine grausam-überfürsorgliche Mutter, dann als deren Alter Ego die jungen Damen, die es begehrt. Versteckt unter Perücke und Frauenkleidern, erhebt Bates das Messer gegen die nackte Versuchung unter der Dusche. Freud läßt grüßen.

Wechsel zwischen "normal" und "abnorm"

Später lüftete Perkins ein Geheimnis, der in der Verkörperung von Mamas Über-Ich auch einen selbst therapeutischen Nebeneffekt sah. "Wenige wissen, dass ich in New York für ein Theaterstück probte, als die Duschszene in Hollywood gedreht wurde. Es ist merkwürdig, mit einer Szene identifiziert zu werden, die mein Double gespielt hat. Als ich die Duschszene zum ersten Mal im Studio sah, hatte ich mindestens ebenso Angst wie alle anderen." Seiner beklemmenden Performance tat dies keinen Abbruch: Wie hier ein Gesicht zwischen "normal" und "abnorm" arbeitet, ist eine Leistung für sich. Vor allem den Wechsel von lauernder Unruhe und scheinbar jungenhafter Entspanntheit in seinen Blicken hat die Kamera in eindrucksvollen Großaufnahmen eingefangen.

Ein neurotisches Muttersöhnchen spielte Perkins auch in Anatole Litvaks eleganter Tragikkomödie "Lieben Sie Brahms?" (1960), allerdings eines von der charmanten Sorte. Die Inhaltsangabe liest sich wie die eines Kolportageromans: 40-Jährige (Ingrid Bergman) liebt 40-Jährigen (Yves Montand). Da 40-Jähriger sich aber mit 20-Jährigen vergnügt, gibt 40-Jährige sich gleichfalls 20-Jährigem (Anthony Perkins) hin. Daraufhin findet 40-Jähriger zu 40-Jähriger zurück. Kurzes Glück - bis 40-Jähriger sich wieder mit 20-Jährigen vergnügt. 40-Jährige hockt deprimiert vorm Spiegel.

Keinen Atemzug von Lächerlichkeit

Die behutsame Regie und die darstellerischen Leistungen verleihen der Françoise-Sagan-Verfilmung jedoch Anmut und Tiefe: Anthony Perkins spielt den verwöhnten Millionärssohn Philipp, der der fünfzehn Jahre älteren Wohnungsdesignerin Paula in aufrichtiger Liebe zugetan ist, als großes, manchmal nervtötendes Kind, dem man aber niemals wirklich böse sein kann. Er ist Schwärmer und Müßiggänger zugleich, ein hypersensibler Lebenskünstler voller Komplexe, die auf traurige, wenn auch recht übliche Weise eine große seelische Leere verdecken.

Nach seiner ungestümen Werbung bietet er der von Ingrid Bergman verkörperten Angebeteten vollkommen überzeugend die Ehe an. Es ist Perkins hoch anzurechnen, dass diese Szene keinen Atemzug von Lächerlichkeit enthält. Sie lehnt ab, worauf er paralysiert wie ein ungeliebtes Kind durch die Straßen von Paris einer ungewissen Zukunft entgegentaumelt. Vollkommen verdient ehrte das Festival von Cannes Perkins als besten Schauspieler.

Mit seinem Lieblingsregisseur Litvak drehte er einen weiteren Film in Paris: Im dem Ehe-Krimi "Die dritte Dimension" wartet Perkins, der seine Frau (Sophia Loren) in einen Versicherungsbetrug mit fatalen Folgen hineinzieht, mit einer schillernden Ideologie auf: Liebe sei nicht rosaroter Zustand, sondern Synthese aus Gefahr und der daraus wachsenden Bindung auf Gedeih und Verderb, so etwas wie die schöne Hölle. Diesem Fegefeuer will die Loren entfliehen, worauf sie sich von ihren unreifen Gatten auf recht drastische Weise befreit.

Der Amerikaner fühlte sich in Paris wohl

Die Sehnsucht, einen erwachsenen Mann zu spielen, der aus dem Schatten pubertärer Träume heraustreten kann, erfüllte sich für Perkins selten. In Orson Welles' eigenwilliger Kafka-Adaption "Der Prozess" (1962) ist er ein verhuschter, fluchbeladener, gepeinigter Josef K. gewesen, der nie weiß, warum man ihn überhaupt verdächtigt. Perkins selbst missfiel diese Interpretation: Welles habe die Darstellung eines Schuldigen verlangt, er hingegen wollte Josef K. als Kämpfer für das Gute zeigen. Der Amerikaner in Paris fühlte sich in Europa pudelwohl, arbeitete unter anderem mit Clement ("Brennt Paris?") und Chabrol ("Der Champagner-Mörder", "Der zehnte Tag"), durfte endlich auch mal rein ausgelassen agieren ("Die Verführerin"). Nach seiner Eheschließung siedelte Perkins in den siebziger Jahren wieder in die USA über. Man sah ihn in dieser Zeit vorrangig in All-Star-Filmen ("Mord im Orientexpress", "Das schwarze Loch").

Zum Ende seiner Karriere holte ihn leider der Schatten der Vergangenheit wieder ein: In den drei unsäglichen "Psycho"-Fortsetzungen (1983, 1986, 1990) verkam die erschütterndste Ödipus-Phantasie der Filmgeschichte endgültig zur Kopie ihrer selbst: Als messerschwingender Grimassenschneider degenerierte Norman Bates zum gestischen Horror-Zitat.

Obwohl sich Anthony Perkins, der so ambitioniert seine Filmlaufbahn begann, im Zwiespalt zwischen Unschuld und Verbrechen nie wirklich wohl fühlte, bediente er in seinen letzten Lebensjahren die Erwartungen des Hollywood-Betriebs beflissentlich. All jenen, die in Kinohelden nicht nur Abziehbilder von Klischees sehen, wird er allerdings nicht nur als geistesgestörter Killer vom Dienst in Erinnerung bleiben, sondern auch als ewiger großer Junge des internationalen Films. Franz Werfel hat einmal gesagt: "In der Kindheit und im Traum sind wir alle Dichter". Wenn das zutriff, ist der traumabeladene Schauspieler Anthony Perkins, dem es durch sein familiäres Umfeld unsäglich schwergemacht wurde, erwachsen zu werden, ein wahrer Poet des Morbiden gewesen.