Charakterdarsteller Rainer Bock Der Mann mit der "Gesichtslandschaft"

Rainer Bock hat in berühmten Filmen und Serien mitgewirkt - aber er immer nur in Nebenrollen. Mit 64 Jahren spielt er endlich seine erste Kinohauptrolle. Wie ist das?

Tobias von dem Borne/ 235 Film

Als völlige Fehlbesetzung wähnte sich Rainer Bock. Er, der Charakterdarsteller, als Hanteln stemmender Möbelpacker? Mit "kräftigen Händen", "breiten Unterarmen", einem "massigen Körper", wie es das Drehbuch zum Film "Atlas" verlangt?

Die Geschichte hatte ihn gereizt: Ein Vater-Sohn-Drama, kombiniert mit den Themen Gentrifizierung und Zivilcourage. Also ging er zum Casting, drei Wochen später kam der Anruf von Regisseur David Nawrath. "Er sagte diesen Satz, den jeder Schauspieler wenigstens einmal im Leben hören möchte", erinnert sich Bock: "Ich kann mir den Film ohne dich nicht mehr vorstellen." Selbst ohne die nötige Physis hatte der 64-Jährige den Regisseur und auch Co-Autor Paul Salisbury überzeugt: "In jeder Bewegung, jedem Handgriff hatte er seine Figur verinnerlicht", so Salisbury, "die Körperlichkeit hat er einfach gespielt."

Der Preis für die Rolle: zwei, drei Mal pro Woche mit Personal Trainer ins Fitnessstudio, ein Dreivierteljahr lang. Der Lohn: eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis als "Beste männliche Hauptrolle".

Ziemlich deutsch, rührend bieder

Für den gebürtigen Kieler der vorläufige Höhepunkt einer ungewöhnlichen Karriere. Bock kam spät zum Schauspiel, noch viel später zum Film. In der Branche steht er als Spezialist für stille Abgründigkeit schon lange hoch im Kurs, beim Publikum hat die Popularität des notorischen Nebendarstellers noch Luft nach oben.

Über den Umweg USA dürften kürzlich ein paar mehr Zuschauer auf ihn aufmerksam geworden sein. In der vierten Staffel des "Breaking Bad"-Spin-offs "Better Call Saul" spielte Bock jenen Ingenieur, der das unterirdische Crystal-Meth-Labor für Walter White errichtet. Die Rolle bekam er per E-Casting, filmte sich mit dem Tablet beim Spielen und schickte die Szenen an die Casterin. Mit Erfolg. Seine Figur: ziemlich deutsch, rührend bieder, mit randloser Brille.

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Rainer Bock: Raus aus der zweiten Reihe

Nun also ein Möbelpacker für Zwangsräumungen, der einem Clan und dessen gewaltsamen Entmietungspraktiken auf die Schliche kommt, aber dabei auch auf seine eigene Familiengeschichte zurückgeworfen wird. Ein wortkarger Mann, der kaum als Held taugt, den aber sein Gewissen zum Handeln nötigt.

In "Atlas" spielt Bock unprätentiös wie eh und je, profitiert einmal mehr von seiner markanten "Gesichtslandschaft", von der Drehbuchautor Paul Salisbury schwärmt. An den Unebenheiten, Schieflagen in seinen Zügen bleibt der Blick hängen. Nawraths Kinodebüt ist zugleich Bocks erste Hauptrolle auf der großen Leinwand. Seine Erweckung fürs Kino liegt freilich ein Jahrzehnt zurück.

Spielberg besetzt ihn aus dem Stand

Michael Haneke hatte ihn damals anhand einer Theateraufzeichnung von "Onkel Wanja" für sein Monumentalwerk "Das weiße Band" besetzt. Darin gab Bock einen Dorfarzt, der die eigene Tochter missbraucht und seine Frau demütigt. Wer ihn im Zusammenspiel mit Susanne Lothar sah, dem brannte sich seine kaltherzige Darstellung nachdrücklich ein. Beide ernteten 2010 eine Filmpreis-Nominierung.

Für Bock gibt es die Zeit vor Haneke und die danach. Vor dem "Weißen Band" stand er zumeist auf der Bühne, landete über Kiel, Schleswig, Heidelberg, Mannheim und Stuttgart in München, wo er von 2001 bis 2011 unter Dieter Dorn am Residenztheater spielte. Zu jener sei Theater für ihn "der Höhepunkt des schauspielerischen Schaffens" gewesen.

Dass Bock trotzdem bald häufiger in Filmen zu sehen war, dafür sorgten ein neuer Intendant, der nicht mehr mit ihm plante, sowie der Raubbau am eigenen Körper bei bis zu acht parallelen Produktionen - und eben Haneke. Nachdem Steven Spielberg "Das weiße Band" gesehen hatte, besetzte er Bock ganz ohne Casting für eine kleine Rolle in seinem Kriegsfilm "Gefährten". Es folgten Dreharbeiten mit Quentin Tarantino, Brian De Palma und Anton Corbijn.

Ein Rollenprofil kristallisierte sich heraus: Bock mimte NS-Militärs, Stasi-Offiziere und BND-Chefs, zuletzt einen Euthanasie-Arzt in "Werk ohne Autor". Seine Autoritäten, Beamten und Widerlinge spielt er so zurückgenommen wie eindringlich, meist unbarmherzig und schmallippig. Kein anderer deutscher Schauspieler steht derart konsequent wie er in der zweiten Reihe. Er sei nicht sonderlich ehrgeizig, sagt Bock, "ich warte eher, ob die Dinge auf mich zukommen".

Seine Rollen gewinnen eine ironische Note, blickt man auf Bocks frühes Leben, bevor er mit Ende zwanzig auf eine private Schauspielschule ging. Zeitweise lebte er in einem Anti-Atomkraft-Dorf, kämpfte gegen solche Vertreter des Establishments, wie er sie heute oft im Film verkörpert. Wie viel der einstigen Radikalität steckt noch in ihm? "Zu wenig!", antwortet Bock entschieden und schiebt hinterher: "Ich bedauere das."

Das Öko-Herz schlägt noch

Ein streitbarer Geist ist er geblieben, im Gespräch mit ihm wird das schnell klar. Rainer Bocks Tage beginnen mit einer Stunde Zeitungslektüre, danach gelte es, "die daraus erwachsende Empörung in den Griff zu bekommen". Doch der Furor schlägt rasch in Begeisterung um, als die Sprache auf "Fridays for Future" kommt, auf das ökologische Bewusstsein und den zivilen Ungehorsam einer schulstreikenden Jugend.

Ihn reize es selbst wieder, sich aktiv einzumischen, wenn auch weniger im Dienste einer politischen Partei. "Basisdemokratische Bewegungen interessieren mich, Bürgerinitiativen", so Bock, der etwa regelmäßige Demos gegen rechts anregt. Haben Schauspieler eine gesellschaftliche Verantwortung? Ja, meint Bock. Die etlichen Rollen in Filmen über das NS-Regime habe er vor allem deshalb angenommen, um seinen Beitrag zur Aufarbeitung zu leisten.

Im Video: Der Trailer zu "Atlas"

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Die Paraderolle bei Haneke: am Ende ein Fluch? Nach und nach öffne sich die Tür für andere Figuren, so Bock, "manchmal allerdings wirklich zu langsam". Fürs Fernsehen hat er gerade eine Satire gedreht - in der Hauptrolle. Und auch vor dem "Bergdoktor" scheut sich Bock nicht, wenn ihn das Drehbuch überzeugt. Er sagt: "Von Arthouse-Kino kann in Deutschland eh kein Schwein leben."


"Atlas" startet am 25. April in den deutschen Kinos.

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