Neuer Coen-Film in Cannes Ein Herz für den Hobo

Odyssee eines Folksängers: In ihrer heiter-melancholischen Musik-Komödie "Inside Llewyn Davis" feiern die Regie-Brüder Joel und Ethan Coen die Folkszene im New Yorker Greenwich Village, bevor Bob Dylan alles veränderte - und reflektieren auch ihr eigenes Verhältnis zu Kunst und Kommerz.

Festival de Cannes

Aus Cannes berichtet


"Warum sollte irgendjemand einen Folk-Sänger verprügeln?" Das war die Frage, mit der alles anfing. Joel und Ethan Coen hatten die bis dato noch vage Idee, einen weiteren Musikfilm zu drehen, allein es fehlte eine Geschichte. Bei der Recherche stießen sie auf die Biografie des heute so gut wie vergessenen Sängers Dave Van Ronk - und waren elektrisiert. Van Ronk (1936 - 2002) war Ende der fünfziger Jahre eine archetypische Figur der Folk-Revival-Szene im New Yorker Greenwich Village. In seinem Buch, "The Mayor of MacDougal Street", das Van Ronk nie vollendete, findet sich auch eine Szene, in der der Musiker hinter der legendären Bar "Gerde's Folk City" vermöbelt wird.

Akribische Ausstattung, sensible Nostalgie und grandiose Komik

Warum? Das erfährt man erst sehr spät in "Inside Llewyn Davis", dem neuen Film der Coens ("No Country For Old Men"), der lose auf den Erinnerungen Van Ronks basiert und am Sonntag in Cannes seine Weltpremiere feiert. Bei der Pressevorführung sorgte das launige, aber auch ungewöhnlich gefühlvolle Drama eines strauchelnden Folkies für Heiterkeit und gelöste Stimmung bei den von Regengüssen gebeutelten Besuchern des Festivals. Erneut gelingt es den Coens, Stammgäste in Cannes seit "Barton Fink" (1991) und dreimalige Gewinner der Goldenen Palme, das Publikum an der Croisette in den Bann ihres speziellen Humors zu ziehen. "Inside Llewyn Davis" mag nicht der tiefgängigste Film dieses Wettbewerbs sein, aber er ist ein weiteres Meisterstück akribischer Ausstattung, sensibler Nostalgie und grandioser Komik. Ein Palmengewinner der Herzen, so viel ist sicher.

Wie schon in ihrer Hollywood-Parabel "Barton Fink" versetzen die Coens ihre Handlung in eine reale Epoche der Vergangenheit, erzählen aber eine komplett fiktive Geschichte: Die Figur des Llewyn Davis kann man als Amalgam aus Van Ronk und anderen Village-Bewohnern wie Vince Martin, Fred Neill und natürlich Bob Dylan sehen. Eigentlich geht es den Regisseuren aber darum, jener vergessenen Zeit vor Dylan ein Denkmal zu setzen, als eine Mischung aus Beatnik und Folk-Revival die Speakeasys und Kneipen beherrschte und Musiker wie Van Ronk alte Traditionals sangen, statt, wie später Dylan, eigene Songs zu präsentieren und damit das Singer/Songwriter-Genre schufen.

Llewyn Davis ist, ähnlich wie die flüchtigen Sträflinge im anderen Folkfilm der Coens, "O Brother Where Art Thou", ein Hobo, ein Obdachloser, der mit Gitarrenkoffer, Zottelmähne und Bart von einer Besucher-Couch auf die nächste wechselt, ständig im "Gaslight Café" auftritt und sogar schon eine Platte aufgenommen hat - aber chronisch erfolglos ist. Und das ist ihm im Grunde auch ganz recht, denn Erfolg hatte für diese der Beat-Generation angehörenden Folksänger immer auch etwas mit Ausverkauf zu tun.

Herumstromern wie Ulysses

Der Newcomer Oscar Isaac spielt diesen Llewyn Davis als dauermelancholischen Drifter, optisch eher Cat Stevens als der Roughneck Van Ronk. Davis hat ein Dauer-Abo bei einem befreundeten Abtreibungsarzt und nächtigt manchmal auch beim Establishment an der schicken Upper West Side, bei einem Soziologie-Professor, der den exotischen Folksänger nur zu gerne seinen spießigen Kollegen vorführt.

Die Katze dieses Dr. Gorfein wird, sehr situationskomisch inszeniert, unfreiwillig zu Llewyns Begleiter und Sinnbild für sein Herumstromern. Erst am Ende stellt sich heraus, dass der Kater Ulysses heißt. Statt, wie in "O Brother", Homers Odyssee, standen hier also eher James Joyce und sein verquerer Held Leopold Bloom Pate für die Irrungen und Wirrungen, die Llewyn im Laufe jener elliptisch erzählten Woche erlebt, die mit jener Tracht Prügel hinter der Bar beginnt und endet.

Dazwischen gibt es hinreißende Auftritte von Carey Mulligan (besser in Form als in "The Great Gatsby"), die schwanger von Llewyn ist. Da sie aber mit ihrem Gesangspartner Jim (großartig: Justin Timberlake) verheiratet ist, mit niedlicher Popfolk-Musik vor einem Karrieredurchbruch steht und ihren verpeilten Gelegenheits-Sexpartner als Loser und Nichtsnutz betrachtet, bestehen die wenigen Szenen, die sie hat, im Grunde daraus, dass sie Llewyn aufs Übelste beschimpft: "Alles, was Du anfasst, wird zu Scheiße", wirft sie ihm in einer Szene an den Kopf, "als wärest Du der idiotische Bruder von König Midas".

Per Anhalter macht sich Llewyn schließlich zum Großproduzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham) nach Chicago auf, was ihn mit dem Jazz-Entrepreneur Roland Turner (Coen-Stammgast John Goodman in Hochform) zusammenführt, der sich von einem wortkargen, Kette rauchenden jungen Beatnik namens Johnny Five (extremste Coolness: Garrett Hedlund) fahren lässt. Turner ist eine Hommage an reale Jazz-Lebemänner wie Doc Pomus oder Dr. John und von den Härten des Musikbusiness gezeichnet. Der Koloss mit Hipster-Hut muss alle paar Meilen anhalten, humpelt dann auf zwei Gehstöcken zur Toilette, setzt sich den nächsten Schuss und kommt stundenlang nicht wieder. Während der Fahrt macht er sich über Llewyns Namen ("Lou N. Davis? Wofür steht denn das 'N'?") lustig und ereifert sich darüber, dass dessen früherer Duett-Partner Mike sich von der falschen Brücke gestürzt hat: "Niemand springt von der George Washington Bridge! Man springt von der Brooklyn Bridge, das ist so Tradition!". Alles in allem eine recht desillusionierende Odyssee.

Der Hauptdarsteller singt mit Leidenschaft

Und auch der mit so viel Hoffnung auf den Durchbruch verknüpfte Besuch bei Grossman in dessen Riesen-Club "The Gate Of Horn" bringt nichts. In einer grandiosen Szene lässt sich der Studio-Mogul von Llewyn einen Song vorspielen. Zunächst wirkt alles wie in einem normalen Film: Sänger und Produzent wirken ergriffen, Davis' Entdeckung als Star scheint zum Greifen nahe... doch bei den Coens kommt es meistens anders als man denkt.

Kameramann Bruno Delbonnel ("Die fabelhafte Welt der Amélie"), der hier ausnahmsweise von Roger Deakins übernommen hat, findet betörende, sorgfältig verblichene Bilder, um ein winterliches Greenwich Village der frühen Sechziger, engen Hausflure und verrümpelte Künstler-Apartments zu reproduzieren. Die Musik wurde unter anderem von Marcus Mumford, Kopf der erfolgreichen Folk-Popband Mumford & Sons und derzeitiger Freund von Carey Mulligan, eingespielt und von Coen-Intimus T-Bone Burnett mit historischer Kompetenz produziert. Hauptdarsteller Oscar Isaacs gelingt es nicht nur, seine im Grunde unsympathische Figur liebenswert zu machen, er singt seine Songs zudem beeindruckend gut. Nicht zuletzt sein warmes und anheimelndes Timbre offenbart inmitten der Coen-typischen Parade von Pointen, Slapstick und kurioser Charaktere eine Leidenschaft, die man in den sonst gerne distanziert lakonischen Filmen der Regie-Brüder nicht oft findet.

Wie schon in ihrem vorletzten Film "A Serious Man" führen die Coens auch hier ein Selbstgespräch und reflektieren mit dem Porträt dieses zwischen Kunst und Kommerz zerrissenen Sängers vielleicht auch ihre eigenen Biografien. Die alte, authentische Folkmusik, der die Coens so herzlich verbunden sind, erlebt zurzeit erneut ein Comeback. Wer weiß, vielleicht stoßen sie mit ihrer nostalgisch-verschrobenen Hommage ja ein Revival des Greenwich-Village-Geistes an - und feiern am Ende noch große Erfolge an der Kinokasse. Verdient hätten sie es wie immer allemal.

insgesamt 5 Beiträge
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jacobihc 19.05.2013
1. Wieso sollte...
...Dave van Ronk heute so gut wie vergessen sein? Kommt wahrscheinlich drauf an, was man so hört und was man so liest.
nickcharles 19.05.2013
2. Ey, geil...
Bob Dylan war auch in Cannes. Zweites Bild, zweiter von rechts. Oder ist das Olli Dittrich???
boer640 19.05.2013
3.
Ist dieser Bud mit Stan verwandt?
freigeist1964 20.05.2013
4. Muss man mögen
Zitat von jacobihc...Dave van Ronk heute so gut wie vergessen sein? Kommt wahrscheinlich drauf an, was man so hört und was man so liest.
aber ich persönlich bin von dieser Musik gelangweilt. Aber nun gut, jedem das sein, wer Bob Dylian mag wird bei dieser Musik seine Freude haben.
derdude 21.05.2013
5. Buch lesen
Übrigens kann man jetzt auch die Buchvorlage lesen, die Memoiren von Dave van Ronk sind gerade auf Deutsch erschienen und wunderbar unterhaltsam. Auf den Film muss man ja wohl noch bis Januar warten.
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