Debakel-Dreh "World War Z" Pleiten, Pech und Zombies

Wer für mehrere Millionen Dollar ein Zombie-Massaker auf dem Roten Platz in Moskau dreht und das Material in den Müll werfen muss, hat ein Problem: Brad Pitts "World War Z" drohte zum gigantischen Geldgrab zu werden. Beim Dreh war die Endzeitstimmung hinter der Kamera schlimmer als davor.
Debakel-Dreh "World War Z": Pleiten, Pech und Zombies

Debakel-Dreh "World War Z": Pleiten, Pech und Zombies

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Dede Gardner ist sauer: "Ich weiß nicht, warum gerade unser Film so massiv mit Häme überzogen wurde. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Brad beteiligt ist. Der Rest ist die übliche irre Schadenfreude in Hollywood."

Gardner ist eine der wenigen mächtigen Frauen der amerikanischen Filmindustrie. Die ehemalige Vizepräsidentin von Paramount ist Geschäftsführerin der Produktionsfirma Plan B Entertainment und damit rechte Hand des Inhabers Brad Pitt. Zusammen produzierten die beiden gediegene Arthouse-Filme an der Schwelle zum Mainstream, darunter das Julia-Roberts-Vehikel "Eat, Pray, Love" sowie die Pitt-Filme "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" und "Killing Them Softly". Für Terrence Malicks preisgekröntes Drama "The Tree Of Life" erhielt Gardner 2012 eine Oscar-Nominierung.

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"World War Z": Angst vor dem Zombie-Flop

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Als Pitt und Gardner vor nunmehr sieben Jahren den Bestseller "World War Z" des US-Autors Max Brooks lasen, reifte die Idee, auf Basis der fiktiven Zombie-Reportage einen Action-Blockbuster im Plan-B-Stil zu produzieren: groß und spektakulär, aber originell und anspruchsvoll.

Ein guter Plan, aber...

Ein guter Plan und ein respektables Unterfangen im formatierten Hollywood-System, dessen Sommerprogramm heute fast ausschließlich aus Sequels, Comic-Verfilmungen und Fantasy-Adaptionen besteht. Doch sowohl Pitt als auch Gardner waren zu unerfahren im Umgang mit Hunderten Statisten und Schauplätzen auf der ganzen Welt.

Immer wieder geriet die Produktion ins Stocken, Panne reihte sich an Panne, die Jahre vergingen. Zu allem Unglück berichteten auch noch "Vanity Fair"  und "New York Times"  in großen Artikeln über die Misere des kunstsinnigen Beaus, der sich als Actionstar versucht - und zu scheitern drohte. Während andere Mega-Projekte wie Gore Verbinskis "Lone Ranger" oder James Mangolds "Wolverine" (beide laufen diesen Sommer an) mit ebenso großen Problemen zu kämpfen hatten, traf die Häme über Hollywoods Hang zur Kostenexplosion fast allein "World War Z".

Wenn "World War Z" diese Woche in deutschen Kinos anläuft, könnte sein Budget samt 3-D-Technik und Marketing-Etat laut Branchenberichten bei rund 400 Millionen Dollar liegen, eine selbst nach heutigen Standards unfassbare Summe. Wie konnte es dazu kommen?

Paramount, mit Plan B durch einen Produktions-Deal verbunden, hatte zunächst 150 Millionen Dollar für "World War Z" veranschlagt, eine bereits extreme Summe für Zombie-Filme, die normalerweise einer Altersbeschränkung unterliegen. Paramounts Bedingung: PG 13, also die Freigabe für Teenager. Als Drehbuchautor wurde Science-Fiction-Spezialist J. M. Straczynski ("Babylon 5") verpflichtet, als Regisseur der deutschstämmige Marc Forster ("Monster's Ball", "Quantum Of Solace").

Doch während Straczynski Pitts Vision eines globalen, sozialkritischen Thrillers teilte und sein Skript eng an der episodischen Buchvorlage hielt, wollte Regisseur Forster offenbar den zahlreichen Kritikern seines Bond-Films beweisen, dass er durchaus in der Lage sei, ein Actionspektakel zu inszenieren; eine Art "Rambo versus Zombies", wie Straczynski hämisch der "Vanity Fair" sagte. Als Ersatz für ihn wurde Politdrama-Autor Matthew Michael Carnahan ("The Kingdom") angeheuert, der letztlich die im Buch nicht vorhandene Hauptfigur des ehemaligen Uno-Mitarbeiters Gerry Lane erfand. Zu jener Zeit dürfte sich auch Pitt dazu entschlossen haben, selbst die Hauptrolle zu übernehmen.

Das Unglück begann auf Malta

Das Budget geriet erstmals beim Dreh auf Malta aus den Fugen: Die Kosten für die bis zu 1200 Statisten explodierten, die Altstadt von Valletta, die im Film Jerusalem darstellen soll, erwies sich als logistischer Alptraum. Gebeutelt zog man nach Moskau weiter, um die ursprünglich geplante Final-Sequenz auf dem Roten Platz zu drehen; eine mehr als zehnminütige Massenschlacht. Beendet wurden die Dreharbeiten Ende 2011 - fünf Jahre, nachdem Pitt die Rechte an Brooks' Roman für rund eine Million Dollar erworben hatte.

Als wenige Monate später im kleinen Kreis die erste Fassung präsentiert wurde, war das Entsetzen groß: "Das Ende funktionierte nicht", sagte Dede Gardner zu SPIEGEL ONLINE, "ein Schock". Die Produzentin schätzt sich glücklich, dass Paramount nicht den Geldhahn zudrehte. "Es wäre einfach für sie gewesen, die Brocken zusammenzuklauben: Wie viele offensichtlich schlechte Filme laufen jeden Sommer überall auf der Welt an und machen trotzdem Kasse?"

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"World War Z": Zurück aus dem Geldgrab

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Zur schnellen - und billigen - Schadensbegrenzung wurde Drehbuchautor Damon Lindelof ("Star Trek", "Prometheus", "Lost") hinzugezogen, der, zusammen mit "Lost"-Co-Autor Drew Goddard, das aktuelle, recht klaustrophobische Ende im Dubliner WHO-Laborkomplex schrieb, dessen Dreh in einem Londoner Studio angeblich weitere 20 Millionen Dollar kostete.

"World War Z", eigentlich als erster Teil einer Trilogie geplant, war Anfang 2013 endlich fertig, das reine Produktionsbudget hatte Berichten zufolge die 200 Millionen weit überschritten, und die Ungewissheit, ob man, überholt vom Erfolg der TV-Serie "The Walking Dead", den richtigen Moment für einen Zombie-Film dieser Größenordnung verpasst hatte, war weiter gewachsen.

Hoffnung auf ein Happy End

Dede Gardner macht gute Miene zum bösen Spiel, aber sie ist dennoch enttäuscht: "Alle beschweren sich über zu viele Franchises im Kino! Wir haben versucht, etwas Originäres zu schaffen, dann haben wir erkannt, dass es nicht gut genug war, also haben wir es besser gemacht. Warum kriegen wir keinen Applaus?" Filmemachen, sagt sie, beinhalte ein gewisses Maß an Chaos - es wird von Menschen gemacht, nicht von Maschinen: 'Der Zauberer von Oz' war ein Desaster, 'Der Pate' war ein Desaster, 'Avatar' war ein Desaster. Aber darüber schreibt niemand!"

Gardner ist zufrieden mit der Endfassung ihres Films, sie hält ihn für sehenswert und unterhaltsam. Aber ist es noch der Film, der ihr 2006 vorschwebte? "Der Realismus, der Humanismus und das Globale, alles, was mich beim Lesen des Buchs berührt hat, finde ich wieder. Es hat lange gedauert, aber Filme brauchen Zeit, das ist ihre Natur."

Auch mit dem neuen, versöhnlicheren Ende und der Fokussierung auf einen einzelnen Helden sei "World War Z" kein Wohlfühl-Blockbuster geworden, meint Gardner: "Er ist nicht fluffig und fröhlich, er handelt von realem Verlust und echter Zerstörung. Ja, er beinhaltet ein Element der Hoffnung. Aber das wünsche ich mir in jedem meiner Filme."

Hoffnung auf ein Happy End ist auch in der Realität erlaubt, und derzeit sieht es so aus, als bliebe Gardner, Pitt und Paramount ein Debakel wie Disneys grandioser Flop des Science-Fiction-Spektakels "John Carter" im vergangenen Jahr erspart. "World War Z" setzte an seinem ersten Wochenende in den US-Kinos rund 66 Millionen Dollar um, ein mehr als solides Startergebnis.

Schon wurden aus dem Umfeld von Plan B Gerüchte laut, nun doch eine Trilogie drehen zu wollen. Allzu teuer muss der nächste Teil ja nicht werden: Eine Massenszene in Moskau ist immerhin schon im Kasten.