Propaganda Patriotismus aus Hollywood

Im Kampf an der heimatlichen Rechtfertigungs-Front setzt die US-Regierung verstärkt auf Hilfe aus Hollywood. In einem Treffen einigten sich die Größen der Film- und Unterhaltungsindustrie mit dem Regierungsberater Karl Rove auf eine patriotische Marschrichtung.


Propaganda made in Hollywood: Szene aus "Pearl Harbor"
DPA

Propaganda made in Hollywood: Szene aus "Pearl Harbor"

Los Angeles - Es erinnert an ein ähnliches Treffen, das vor über 50 Jahren nach dem Bombardement des Militärstützpunktes Pearl Harbor in Hollywood stattfand. Auch in der damaligen Krisensituation reisten Regierungsmitglieder in die Traumfabrik, um über die Stimmung im Volk und deren mögliche Steuerung zu beratschlagen. Wer, wenn nicht die mächtigen Studiobosse, die mit ihren publikumswirksamen Blockbuster-Filmen die öffentliche Meinung beeinflussen, könnte besser geeignet sein, als verlängerter Arm der nach innen gerichteten Kriegspropaganda zu fungieren. Damals führten die Gespräche zwischen Hollywood und Washington zu einem verstärkten Output patriotischer und moralischer Filme.

Heute, in unseren aufgeklärten und mediendurchwirkten Zeiten, ist selbstredend alles anders: An der Verbreitung von Propaganda sei niemand interessiert, hieß es folglich nach den Gesprächen zwischen Bush-Berater Karl Grove und Studiobossen am Sonntag. Stattdessen soll die Stimmung der Bürger gehoben, freiwilliges Engagement gefördert und US-Soldaten in aller Welt unterhalten werden.

"Wir werden in keiner Weise daran gehen, die Meinung so zu beeinflussen, so dass dies als Propaganda im Auftrag der Regierung missdeutet werden könnte", versuchte auch Robert Iger, Präsident der Walt Disney Co., jeden Argwohn im Kein zu ersticken. Man erkenne aber an, dass der 11. September ein Tag war, "der die Welt verändert hat", und wolle nun dem Land bei der Bewältigung der Folgen helfen.

An dem Treffen nahmen die Chefs der größten Hollywood-Studios, Fernsehstationen und Gewerkschaftsvertreter teil. Sie bekräftigten, dass es nicht darum gegangen sei, Inhalte von Filmen festzulegen. "Inhalte standen nicht zur Debatte", sagte Jack Valenti, Präsident der Motion Picture Association of America. Rove erklärte, man habe unter anderem darüber diskutiert, wie die amerikanischen Soldaten und ihre Familien unterstützt werden könnten. "Es ist ganz klar, dass die Vertreter der Unterhaltungsindustrie Vorstellungen davon haben, wie sie zu den Zielen des Krieges beitragen können, und wir unterstützen das", sagte Rove.

"Ich bin gespannt, wie die speziellen Anforderungen für unsere Hilfe aussehen", erklärte Melissa Gilbert von der Schauspielergewerkschaft. "Es gibt viele Möglichkeiten für Hollywood, um darzustellen, wie die Wirklichkeit in Amerika heute aussieht." Von beiden Seiten wurde betont, man befinde sich in einem frühen Stadium der Kooperationsgespräche. "Hollywood ist so patriotisch wie andere Amerikaner auch und will helfen, Amerikas Botschaft zu verbreiten", kündigte der Vorsitzende der Academy of Television Arts and Sciences, Bryce Tabel, an.

"Wir alle haben einen unglaublichen Drang, etwas zu tun", bekräftigte Hollywoods Power-Frau Sherry Lansing, Vorsitzende von Paramount Pictures. Dieses "Etwas" könnte zum Beispiel Unterhaltung der Truppen in Übersee sein. Um die Moral der Soldaten fern von der Heimat zu stärken, wurden schon während des Zweiten Weltkriegs und in Vietnam Konzerte und Besuche von Hollywoodstars organisiert. Rove wünschte sich zudem auch so genannte "Public Service Announcements", Bekanntmachungen im Fernsehen und Radio, etwa um freiwillige Helfer anzuwerben. Man habe über rund 20 Ideen gesprochen, doch konkrete Schritte seien erst in einigen Wochen möglich.

Wahrzeichen von Hollywood: Verlängerter Arm der Regierung
AP

Wahrzeichen von Hollywood: Verlängerter Arm der Regierung

Der Schulterschluss zwischen der liberalen Hochburg in Hollywood und den Republikanern wäre vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen. Da wurde die Filmindustrie von Washington noch mit Vorwürfen wegen Gewaltdarstellungen bombardiert. Bush-Gegner wie Barbra Streisand kämpften lautstark gegen die konservative Politik an. Seit dem 11. September sind die Anti-Bush-Sprüche jedoch von der Webseite der Sängerin verschwunden, jeglicher Protest ist verhallt. Die Stars schmücken sich stattdessen lieber mit der amerikanischen Flagge und wohnen Benefiz-Veranstaltungen bei, die Spenden für die US-Opfer sammeln.

Ein Kommentator der "New York Times" hält es demnach auch für unwahrscheinlich, dass Hollywood dem Beispiel berühmter Dokumentarfilmer während des Zweiten Weltkriegs folgt. Denn damals gab es mutige Regisseure wie John Houston, William Wyler und Ernie Pyle, die an der Front Filme über den Kampf und die Qualen der Soldaten drehten. Ein Grund für die gegenwärtig andere Haltung sei die geringe Zahl der Truppen in Afghanistan, schreibt die Zeitung. Zum anderen achte das Pentagon darauf, dass niemand Zugang zu Kriegsinformationen habe. Die Bevölkerung erfahre nur das, was die Regierung zulasse. Einige Kritiker fragten sich schon, "ob die Grenze zwischen Information und Propaganda nicht schon unangenehm verschwommen ist".

Man darf also gespannt sein, wann beispielsweise die "Pearl Harbor"-Macher Jerry Bruckheimer und Michael Bay, Spezialisten für lautstarke Kraftmeierei, mit einem aufmunternden Action-Event-Movie über den Kampf gegen den Terrorismus beauftragt werden.



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