Provokanter Filmemacher "Tommy"-Regisseur Ken Russell gestorben

"Eine Beleidigung für die Welt des Films", schäumte der Vatikan über einen seiner Filme - der dennoch einen Preis beim Filmfestival von Venedig gewann. Ken Russell verband die Liebe zur klassischen Hochkultur mit popkultureller Provokation. Mit 84 Jahren ist der britische Regisseur nun gestorben.
Opulenzspezialist: Ken Russell 2006 bei der Londoner Buchmesse

Opulenzspezialist: Ken Russell 2006 bei der Londoner Buchmesse

Foto: Corbis

Der britische Filmregisseur Ken Russell ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 84 Jahren, wie sein Sohn Alex mitteilte. Russell war für seine teilweise gewagten und skandalösen Filme bekannt. Er starb in einem Krankenhaus "mit einem Lächeln auf den Lippen", so sein Sohn.

In vielen seiner Werke, darunter "Tschaikowski - Genie und Wahnsinn" (1970), "Lisztomania" (1975) und "Tommy" (1975), nahm die Musik eine bedeutende Rolle ein.

Henry Kenneth Alfred Russell wurde am 3. Juli 1927 im englischen Southampton geboren. Er wurde zunächst bekannt als Dokumentarfilmer für die BBC. Häufig porträtierte er für die Kulturprogramme klassische Komponisten, so zum Beispiel Béla Bartók, Claude Debussy, Frederick Delius oder Edward Elgar. Neuartig an seinen Dokumentationen war der Einsatz von Schauspielern, die Schlüsselszenen nachstellten - eine Technik, die im Sender anfangs auf starken Widerstand stieß.

Russells erster Kinofilm war die Komödie "French Dressing" (deutsch: "Versuch's mal auf französisch", 1964), doch seinen Durchbruch hatte er 1969 mit der Verfilmung eines Romans von D. H. Lawrence: Für "Women In Love" (deutsch: "Liebende Frauen") wurde er für den Regie-Oscar nominiert, Hauptdarstellerin Glenda Jackson gewann die Trophäe. Besonderen Eindruck machte die Szene, in der zwei Männer nackt vor einem lodernden Kaminfeuer einen Ringkampf austragen.

Radikaler Richtungswechsel

Damit begann eine Phase, in der sich Ken Russell seinen Ruf als Provokateur, Skandalfilmer und "Opulenzspezialist" erarbeitete: Seine Filmbiografie über Tschaikowski ("The Music Lovers", 1970) machte er dem Filmstudio United Artists schmackhaft mit den Worten: "Es geht um einen Nymphomanen, der sich in einen Homosexuellen verliebt." Und über das Ketzer-Drama "The Devils" meinte das Vatikan-Blatt "Osservatore Romano", es sei "eine Beleidigung für die gesamte Welt des Films".

1975 verfilmte Ken Russell die Rockoper "Tommy" von The Who, deren Sänger Roger Daltrey auch die Hauptrolle in einem weiteren von Russells Komponistenfilmen spielte, in "Lisztomania". Umstritten war auch sein "Valentino"(1977) mit Rudolf Nurejew in der Hauptrolle.

Ein radikaler Richtungswechsel folgte im neuen Jahrzehnt: Mit "Altered States" (deutsch: "Der Höllentrip", 1980) drehte Russell seinen ersten Science-Fiction-Film, auf den noch eine weitere Hollywood-Produktion folgte ("Crimes Of Passion" (deutsch: "China Blue bei Tag und Nacht", 1984), bevor er nach Europa zurückkehrte. Die Nacht, als Frankenstein geboren wurde, rekonstruierte Russell 1986 in "Gothic" - den Fans dafür kritisierten, dass er nicht wirklich gruselig gewesen sei. Mit der Bram-Stoker-Verfilmung "Der Biss der Schlangenfrau" (1988) blieb Russell dem Horror-Genre dennoch treu.

Nicht nur für Kino und Fernsehen inszenierte Russell, sondern auch für die Oper: "A great deal more fun", sagte er über seine Arbeit als Opernregisseur, bei der er unter anderem 1993 im Opernhaus Bonn eine Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" schuf.

In den letzten Jahren seines Lebens rang Russell um die Finanzierung zahlreicher ambitionierter Projekte und war besonders in britischen Medien ein beliebter Interviewpartner und an Filmhochschulen ein geschätzter Dozent. 2007 ließ er sich für "Celebrity Big Brother" in ein Reality-TV-Gefängnis einschließen - doch er hielt es nur vier Tage lang aus: In einem Statement teilt er mit, er wolle nicht "in einer Gesellschaft leben, die von Boshaftigkeit und Hass durchsetzt" sei.

feb/dapd/AP
Mehr lesen über