Pulitzer-Preisträger Michael Chabon "Spidey needs you!"

Der Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Michael Chabon ("Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay") sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine Arbeit am Drehbuch der Comic-Verfilmung "Spider-Man 2" und die Faszination des Anti-Superhelden Peter Parker.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Chabon, Sie waren als Jugendlicher selbst Comic-Fan. Haben Sie damals auch "Spider-Man" gelesen?

Michael Chabon: Klar, das war einer der Comics, die ich regelmäßig verfolgte. Mir gefiel weniger die Figur von Spider-Man als die Figur von Peter Parker und die Beziehung zu seinem Alter Ego. Die Saga seines miserablen Liebeslebens, die Unfähigkeit, als normaler Mensch zu funktionieren - das zog mich mehr in den Bann als die Schlacht gegen das Böse.

SPIEGEL ONLINE: Sie mochten vor allem die psychologische Komponente?

Chabon: Das Tolle an "Spider-Man" war ja, dass es überhaupt eine psychologische Seite gab. Das war in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern keineswegs selbstverständlich. Da stach "Spider-Man" hervor: Seine innere Qual, ein Superheld zu sein, machte das Lesen der Comics zu einem Genuss.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine bestimmte Geschichte, die Sie besonders beeindruckt hat?

Chabon: Ich glaube, das ist dieselbe wie bei vielen Comic-Fans jener Zeit: die Ausgabe, in der Gwen Stacey starb. Das war die große Liebe Peter Parkers, bevor Mary-Jane in sein Leben trat. Und die Geschichte suggerierte, dass Spider-Man den Tod von Gwen unabsichtlich verschuldet hätte. Das war erschütternd.

SPIEGEL ONLINE: Was war der erste Gedanke, als Sie gefragt wurden, ob Sie am Drehbuch von "Spider-Man 2" mitarbeiten würden?

Chabon: Ich habe vor Freude gejubelt. Ich hätte mir nie eingebildet, je so ein Angebot zu erhalten. Die Produktionsfirma rief mich an und sagte wortwörtlich: "Help us! Spidey needs you!" Wer hätte da nein sagen können? Ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was war die erste Idee, die Sie für die Geschichte hatten?

Chabon: Es gab bereits einige Schreiber, als ich an Bord kam. Sam Raimi wusste bereits, welche Elemente er im Film haben wollte - zum Beispiel, dass Spider-Man seine Kräfte verliert. Das geht zurück auf eine Ausgabe des Comics in den frühen Siebzigern, die "Spider-Man No More!" hieß. Er wusste, dass Doc Ock drin sein sollte, Mary-Jane und Harry Osborne als Figuren auftauchen würden.

SPIEGEL ONLINE: Worüber bestand noch Unklarheit?

Chabon: Sie waren sich nicht sicher, ob Doc Ock der einzige Bösewicht sein sollte. Ich habe sie überzeugt, sich nur auf eine Figur zu beschränken, und habe am Charakter von Doc Ock gearbeitet. In den Comics ist er einfach ein wahnsinniger, mordender Megalomane. Für mich bot sich hier die Gelegenheit, ihm eine Geschichte, eine Persönlichkeit zu geben - ihn zu vermenschlichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das angestellt?

Chabon: Ich benutzte die Prämisse aller Comics: Wenn so etwas Unerwartetes, Unglaubliches passiert - wenn dich eben eine Spinne beißt und dich genetisch verändert - was würdest du tun? Wie bewältigt ein normales menschliches Wesen den wunderlichen Fluch, der auf ihm liegt? Genau das habe ich mit Doc Ock getan. Er strebt nicht danach, sich in einen Schuft mit vier metallenen Greifarmen zu verwandeln, das passiert per Zufall. Und dann stellt sich die Frage, was geschieht mit ihm, seiner Intelligenz, seiner Macht.

SPIEGEL ONLINE: Spider-Man fällt im Film vom Himmel ohne nennenswerte körperliche Schäden. Ist er unbesiegbar?

Chabon: Nein, gar nicht. In den Szenen, in denen er herunterfällt, nimmt man an, dass er noch im Besitz einiger seiner Kräfte ist und deswegen überlebt. Aber wenn ihn eine Kugel träfe, könnte er sterben. Aber durch seine gesteigerten Sinneswahrnehmungen würde er wahrscheinlich wissen, dass man auf ihn schießt, und der Kugel ausweichen oder die Pistole aus der Hand schmettern.

SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, identifizieren sich Menschen so stark mit Peter Parker?

Chabon: Weil er sich so bemüht. Das tun die meisten Menschen auch. Sie wissen, sie haben Fehler, sie lügen, betrügen und stehlen. Aber sie bemühen sich, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Das ist Peter Parker. Er hat übernatürliche Kräfte, er könnte der mächtigste Mann der Welt sein, aber irgendwie klappt es nicht. Das ist doch ein ungeheurer Trost: Auch wenn man Superkräfte hat, läuft das Leben nicht so, wie man möchte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas von Peter Parker auch in Ihnen?

Chabon: Ich identifizierte mich immer mit den frühen Tagen von Peter Parker. Als er von den anderen Jungs auf dem Schulhof zusammengeschlagen wurde, als sie dachten, er sei ein Volltrottel - und Peter glaubte, er könnte nie eine Freundin haben. Das war die Geschichte meines Lebens!

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie gerne mal das Kostüm getragen?

Chabon: Ja, das wäre lustig gewesen. Aber heute benötige ich sehr viel Extraraum.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas an "Spider-Man 2", das Sie nicht mögen?

Chabon: Ich war enttäuscht, dass der Cameo-Auftritt von Stan Lee so kurz war. Wenn Sie in dem Augenblick mit dem Auge geblinzelt haben, haben Sie ihn verpasst. Stan Lee erfand die Figur von Spider-Man. Man sieht ihn in der Szene, als die Tante aus der Bank entführt wird. Jemand fällt vom Gebäude herunter, ein Mann schreit: "Passen Sie auf!" und schubst eine Frau weg - dieser Mann war Stan Lee.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie gerne einen Cameo-Auftritt im nächsten "Spider-Man"-Film?

Chabon: Absolut. Vielleicht darf ich einen New Yorker Müllmann spielen.

SPIEGEL ONLINE: Rein hypothetisch: Was sollte im nächsten "Spider-Man"-Film passieren?

Chabon: Peter Parker hat jetzt eine Freundin. Er liebt sie, sie liebt ihn, aber wie klappt das im Alltag? Am Ende des zweiten Teils scheint er damit zufrieden zu sein, immer loszustürzen, sobald die Polizeisirene ertönt - aber das wird doch ermüdend nach einer Woche. Da müssen Mary-Jane und Peter ein paar grundsätzliche Regeln festlegen.

Interview: Ulf Lippitz

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