Punk lebt "Du kannst es machen, wenn du willst"

Pünktlich zum Punk-Revival: In ihrer Dokumentation "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" zeigt die Hamburger Filmemacherin Vera Vogt die unterschiedlichen Lebenswege ehemaliger Punks.

Von Gunnar Luetzow


Filmszene aus "So jung kommen wir nicht mehr zusammen": "Alle Tage Sabotage"

Filmszene aus "So jung kommen wir nicht mehr zusammen": "Alle Tage Sabotage"

"I LOVE PUNK" steht in fetten schwarzen Lettern auf den schicken rosa Portemonnaies, die im Berliner Insider-Shop "Apartment" auf der Neuen Schönhauser Allee in Mitte verkauft werden - und mit dieser Liebe ist der bei smarten Girlies sehr angesagte amerikanische Designer Paul Frank längst nicht mehr allein: Von englischen Fußballspielern wie David Beckham bis zu Berliner Modemacherinnen wie den "Profis" wird die Irokesenfrisur in mehr oder weniger drastischer Form wiederbelebt. In den Buchläden stapeln sich die frischen Punk-Memoiren, und mit "Wie Feuer und Flamme" kommt demnächst der Spielfilm zum Thema auf die Leinwände.

Höchste Zeit also für die 29-jährige Dokumentarfilmerin Vera Vogt, sich mit ihrem Werk "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" an die eigene Punk-Zeit zu erinnern, die sie gemeinsam mit Freunden zwischen dem "Störtebeker" in der damals schwer umkämpften Hamburger Hafenstraße und dem Konzertkeller der noch heute nicht minder umstrittenen "Roten Flora" verbrachte. An eine Zeit, in der alles scheinbar ganz anders war. Provokanter, authentischer, politischer - oder einfach: schneller, lauter, härter.

"Brauer-Claus" Beeken, Vera Vogt, Jan "Fighter" Müller, Buffo: Von Zusammenhalt nur wenig zu spüren

"Brauer-Claus" Beeken, Vera Vogt, Jan "Fighter" Müller, Buffo: Von Zusammenhalt nur wenig zu spüren

Doch bevor Vera Vogt sich den Lebensverläufen ihrer jugendbewegten und inzwischen mehr oder weniger erwachsenen Protagonisten annähert, berichtet die Blankeneser Bürgertochter aus dem Off, wie sie selbst zu ihrem "Iro" und der dazugehörigen Lebenseinstellung kam: "Ich wollte mein Arschloch-Umfeld gegen Freunde eintauschen, die mich verstehen. Es sollten die sein, die was los haben, die, die man sieht und die, die Musik hören, von der das Herz schneller schlägt." Was ihr zwischen 1988 und 1992 mit der Clique um "Brauer-Claus" Beeken, Detlev Uecker, Jan "Fighter" Müller und "Buffo", den alle nur als "Buffo" kennen, auch gelang.

Zehn Jahre später jedoch ist von dem einstigen Zusammenhalt nur noch wenig zu spüren, übereinander spricht man eher reserviert, und bisweilen könnte der Film - von der Band Tocotronic inspiriert - genauso gut "Ich mag dich einfach nicht mehr so" heißen. Denn während die einen als ironische Rockstars die Charts aufmischen oder komplett unironisch den amerikanischen Traum leben, brauen die anderen Bier auf St. Pauli oder befinden sich im Generalstreik gegen die Arbeitsgesellschaft.

Und den aufrechtzuerhalten, fällt auch einem so hartnäckigen Arbeitsverweigerer wie Buffo, der gelegentlich mit einem Einkaufswagen um die Häuser zieht und Punk-Platten auch unter Einkaufspreis verkauft, zusehends schwer. Fünf Jahre auf der Suche nach einem Job im Plattenladen, das glaubt einem nicht mal die wohlwollendste Sachbearbeiterin des Arbeitsamts, die inzwischen mit einer Karriere als Portier bei einer öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft droht.

Dokumentarfilmerin Vogt: Persönliche Rückschau

Dokumentarfilmerin Vogt: Persönliche Rückschau

Deutlich wird, dass die Flucht vor der Arbeit ab einem bestimmten Zeitpunkt mehr Arbeit macht als jeder Durchschnittsjob. Dazu zeichnet sich eine unterschwellige Tragik ab: Was einst mit abgerissener "Kellogg's"-Jacke, Wollmütze und Skateboard wie cooles "Slacken" wirkte und auch heute im MTV-Kontext noch immer einen lässig-charmanten Antihelden-Style abgeben würde, erweckt beispielsweise beim Einblick in die Wohnräume den Eindruck von Verelendung. Doch so lange es nirgendwo die von Buffo erträumte Vollzeitstelle als "Vaterlandsverräter" gibt, wird Punk für ihn wohl weiter "Alle Tage Sabotage!" heißen.

Ganz anders interpretiert der sich bodenständig-humorig gebende Brauer Claus Beeken die Sache: "Das eigentliche Punksein ist heute verloren gegangen. Die ganzen Punks, die auf der Straße sitzen und ihr Dosenbier aufreißen und vom Tag nichts mehr mitkriegen - das ist für mich eigentlich kein Punk. Punk ist eher: Du kannst es machen, wenn du willst." Bemerkenswert ist dabei, wie der von ihm zu Demonstrationszwecken aufgelegte Brachial-Sound mit der nahezu bildungsbürgerlichen Wohn-Inszenierung kontrastiert, die zwischen abgezogenen Dielen und Stuckdecke die Requisiten des individuellen Kulturkonsums ausstellt und so trotz Malocher-Haltung einen Bogen zum akademischen Familienhintergrund schlägt.

Buffo: Flucht vor der Arbeit macht mehr Arbeit als Arbeit

Buffo: Flucht vor der Arbeit macht mehr Arbeit als Arbeit

Eine ebenfalls interessante Analogie lässt sich bei dem heute als Bassist von Tocotronic bekannten Jan Müller entdecken, den Vera Vogt beim Besuch der elterlichen Wohnung in einem Hamburger Nobelviertel begleitet. So ist Jan Müller dem diskreten Charme der Bourgeoisie, den seine Familie verbreitet, wohl für immer entkommen - dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg, den sein konservativer Vater jedoch einst als Grundlage für Eigenständigkeit einforderte, jedoch nicht. Die eingefangenen Momente lassen erahnen, wie prägend familiäre Konfliktstrukturen auch nach langer Zeit noch sein können.

Vollends in der elterlichen Tradition des sozialen Aufstiegs durch rechtschaffene Arbeit geht Detlev Uecker auf, der zu Golfkriegszeiten vor der amerikanischen Botschaft nächtigte, dann jedoch die Plattensammlung verkaufte und inzwischen bei Yahoo! in Kalifornien den erfolgreichen jungen Musteramerikaner mit dickem Mercedes und Jet-Ski darstellt. Seine Antwort auf Vera Vogts Frage, wieso er sich drüben nicht in ähnlichen Kreisen bewege wie einst, ist desillusionierend: Er sei mit dem häuslichen Glück zufrieden genug.

Brauer Claus Breeken: "Du kannst es machen, wenn du willst"

Brauer Claus Breeken: "Du kannst es machen, wenn du willst"

Mehr hat aus jenen Tagen Vera Vogt selbst mitgenommen: "Für mich ist dieser Film auch eine persönliche Rückschau und man könnte mich als fünfte Person darin betrachten. Das war eine wichtige Lebensphase, die mich sehr geprägt hat und seither ist mir ein unkritisches, hedonistisches Weltbild unmöglich geworden. Auch wenn ich die damalige sehr strenge, moralische Einstellung nicht mehr so ganz habe, lässt sie mich vieles in Frage stellen." Auch ihren Musikgeschmack hat sie nicht komplett eingetauscht, noch immer liebt sie Bands wie die Sex Pistols, EA 80 und Hüsker Dü. Letzteres ist übrigens Schwedisch und heißt: "Erinnerst du dich?"

"So jung kommen wir nicht mehr zusammen" von Vera Vogt wird am 8.Juni um 17.30 Uhr beim Filmfest Stuttgart / Ludwigsburg im Cinemaxx auf dem Bosch Areal, Kinosaal 3, gezeigt.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.