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06. November 2014, 14:55 Uhr

Kinderfilm

Die Magie des Nasenbären

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Manchmal herrscht der schiere Wahnsinn: Das wilde Kinderspektakel "Quatsch und die Nasenbärbande" erinnert daran, wie viel das Kino der kindlichen Fantasie verdankt.

Für den deutschen Regisseur Veit Helmer ist der Boden der Tatsachen einzig und allein dazu da, um von ihm abzuheben. Seine Filme "Tor zum Himmel" oder "Baikonur" spielen auf Flughäfen oder Weltraumbahnhöfen, es geht hoch hinaus in Helmers Geschichten. Sein neuer Film "Quatsch und die Nasenbärbande" handelt von Kindern, die immer wieder auf einen riesigen Baukran klettern, um die Welt der Erwachsenen von oben zu betrachten. Und siehe da: Die Eltern sind auf einmal so klein wie Ameisen.

"Quatsch" spielt in Bollersdorf, einem Marktflecken in der deutschen Provinz, der von einem Institut für Konsumforschung zur durchschnittlichsten Gemeinde Europas erkoren wurde. Marktforscher ziehen ein, um Produkte zu testen, grüne Cornflakes etwa oder blaue Nougatcreme. Während sich die Eltern begeistert auf das neue Angebot stürzen, leisten die Kinder zusammen mit ihren Großeltern und einem gewitzten Nasenbär Widerstand. Sie wollen weder Versuchskaninchen noch Inbegriff des Mittelmaßes sein.

Helmer, 1968 in der Durchschnittsmetropole Hannover geboren, ist im deutschen Vergangenheitsbewältigungs- und Volksbelustigungskino ein Irrläufer. Beeinflusst von Werken Jean-Pierre Jeunets wie "Die fabelhafte Welt der Amélie" geht Helmer an das Kino heran wie ein Junge an einen Zauberkasten. Filmemachen hat für ihn mit Tricks und Magie zu tun, er will neue Welten erschaffen oder zumindest die Wirklichkeit so weit umformen, bis sie anfängt Spaß zu machen. Der mittelmäßige Realismus ist ihm ein Graus.

Entgleisende Lokomotiven, versinkende Schiffe und Nasenbär-Stunts

Helmer geht mit der Überzeugung zu Werke, dass seinen Phantasien nicht einmal der Himmel Grenzen setzen kann - das Budget schon gar nicht. "Quatsch" ist ein Actionkracher, es gibt entgleisende Lokomotiven, versinkende Schiffe und absolut sensationelle Nasenbär-Stunts. Oft sieht man, dass es nur Miniaturmodelle sind, die durch die Gegend fliegen, doch die nahtlosen Übergänge zwischen deutscher Wirklichkeit und der Eisenbahnplatte in irgendeinem Hobbykeller haben ihren Charme.

Viele große Regisseure sind Spielkinder. Spielberg drehte schon als Teenager mit kleinen Modellen, um Bilder von gigantischen Katastrophen zu erschaffen. Eines Tages durfte er echte Schiffe versenken und echte Flugzeuge abstürzen lassen. Auch in Deutschland gibt es diese Spielkinder, nur bekommen sie meist nichts zu spielen. Roland Emmerich ist deshalb in die USA gegangen. Helmer will sich das Spielen nicht verderben lassen. "Quatsch" habe er zusammen mit seinem Sohn entwickelt, erzählt er.

Helmer ruft dem Zuschauer wieder in Erinnerung, wie viel das Kino kindlicher Fantasie verdankt. Kinder bauen die Dinge gerne auseinander und setzen sie neu zusammen. Als in "Quatsch" der Kran zusammenbricht und sich das Metall völlig verbiegt, schauen sich die Kinder ihr Zerstörungswerk fröhlich an und sagen: Könnte man daraus nicht noch etwas viel Tolleres bauen, eine Achterbahn vielleicht? Von dieser Kraft, die Welt zu verwandeln, lebt auch das Kino.

Wir können nicht tanzen, wir können nicht singen

Wie Helmers frühere Filme ist "Quatsch" wild und überbordend, manchmal herrscht der schiere Wahnsinn. Da tanzen Cheerleader durch einen Supermarkt, und die Männer von der Konsumforschung bewegen sich in silbern glänzenden Anzügen so mechanisch wie Roboter - wie eine außer Rand und Band geratene Parodie der Band Kraftwerk wirkt diese Sequenz. Man kann sie für schlimm missglückt halten, aber sie atmet den gleichen Geist wie "Die Drei von der Tankstelle", einer der schönsten deutschen Filme überhaupt: Wir können nicht singen, wir können nicht tanzen, aber wir singen und tanzen, was das Zeug hält.

"Quatsch" ist vollgestopft bis zum Bersten, bekannte Gesichter wohin man blickt: von Samuel Finzi über Benno Fürmann und Nadeshda Brennicke bis zu Rolf Zacher. Ein wenig drohen die Kinder von den vielen Erwachsenen überschattet zu werden und gewinnen nur als Gruppe Profil. Helmer ist wie ein Jongleur, der herauszufinden versucht, wie viele Bälle er gleichzeitig in der Luft halten kann. Da ist es nicht zu vermeiden, dass ihm immer wieder einige auf die Füße fallen. Aber der Versuch war's wert.

Und hier geht es zum Filmtrailer:

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