Psychodrama "Queen of Earth" Freundinnen am Rande des Nerven­zusammen­bruchs

Endlich kommt ein Film von US-Regietalent Alex Ross Perry in die deutschen Kinos. In "Queen of Earth" schickt er zwei Freundinnen in ein brutales Psychoduell, das ohne Klischees auskommt.

Von Andreas Busche


Der Blick in das aufgelöste Gesicht von Catherine (Elisabeth Moss, "Mad Men") spricht Bände. Die Eröffnungsszene von Alex Ross Perrys "Queen of Earth" ist ein einziges Mascara/Lidschatten/Lippenstift-Inferno. Gerade hat James ihr gestanden, dass er sich von Catherine trennen wird. Es ist nach dem Tod des Vaters (ein möglicher Suizid) bereits der zweite persönliche Verlust innerhalb kurzer Zeit, und so zeichnet sich in der extremen Naheinstellung auf ihr Gesicht das ganze emotionale Spektrum von Verzweiflung über Trauer bis hin zu Sarkasmus und schließlich Wut ab.

Fast schon übergriffig ist die Nähe, aus der die Kamera Catherines Schmerz registriert. Dabei entgeht ihr nicht, dass in ihrer hochgradig volatilen Reaktion zwischen Hysterie und Hass - die zwei stereotypen weiblichen Temperamente des klassischen Melodrams - auch eine Ambivalenz zum Vorschein kommt. Ist Catherine wirklich die Leidtragende in diesem Trennungsdrama oder ist sie eine Manipulatorin? James (Kentucker Audley), der während ihrer heftigen Invektive nur kurz zu sehen ist, wirkt auf Anhieb jedenfalls nicht wie ein totales Arschloch. Diese fulminante und verstörende Eröffnung setzt den Ton für die folgenden 90 Minuten.

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"Queen of Earth": Die Schwächen der anderen

Es ist schlichtweg unmöglich, nicht mit dieser Szene zu beginnen, denn der kurze Prolog erweist sich als Dreh- und Angelpunkt von Ross Perrys Psychodrama, mit dem der derzeit vielversprechendste US-Indie-Regisseur erstmals in den deutschen Kinos zu sehen ist. (Der Kritikerhit "Listen Up, Philipp" mit Jason Schwartzman und Moss erschien kürzlich auf DVD.) Sie stellt den zentralen Kippmoment dar, den "Queen of Earth" in geheimnisvoll verschachtelten Einstellungen umkreist.

Nach der Trennung zieht sich Catherine ins Landhaus ihrer besten Freundin Virginia (Katherine Waterston,"Inherent Vice") zurück, doch bereits die Ankunft wird von atmosphärischen Störungen begleitet. Virginias Mitgefühl hält sich in Grenzen, außerdem hängt ständig ihr Gelegenheitslover Rich, der die Sommermonate im Nachbarhaus verbringt, im Wohnzimmer herum. An Erholung ist für die labile Catherine nicht zu denken.

Tiefergehende Animositäten zwischen den Freundinnen verraten die eleganten, fast unmerklichen Rückblenden in den vergangenen Sommer, als Catherine, James und Virginia ein gemeinsames Wochenende in dem Haus am See verbrachten. Schon damals war ihr Verhältnis angespannt. Virginia, die gerade in einer Lebenskrise steckte, warf Catherine ihre Abhängigkeit von Männern vor, die kritisierte im Gegenzug Virginias Mangel an Ambitionen.

Austeilen in alle Richtungen

Einen Sommer später haben sich die Kräfteverhältnisse gedreht. Ein Anflug von Verachtung umspielt Waterstons hochmütige Wangenknochen, wenn sie ihre derangierte Freundin beobachtet. Deren fahriges Lachen und die unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen irritieren ihre Umwelt. Wenn Virginia ihr versichert "Ich liebe dich", klingt es entsprechend unüberzeugend.

Ross Perry hat sich in den vergangenen Jahren mit "The Color Wheel" und "Listen Up, Philipp" als scharfzüngiger Chronist zwischenmenschlicher Beziehungen einen Namen im US-Indiekino gemacht - vergleichbar vielleicht mit dem frühen Neil LaBute, allerdings ohne dessen nervtötende misogyne Anwandlungen. Ross Perry ist dagegen ein, wie es im Englischen heißt, equal opportunity offender: Seine egomanischen Figuren teilen in alle Richtungen aus, ihr klugscheißerischer Narzissmus empfiehlt sie kaum als Sympathieträger.

Mit "Queen of Earth" setzt Ross Perry seine Linie konsequent fort, aber er verlässt sich nicht mehr allein auf die elaborierte Misanthropie seiner Dialoge, sondern sucht für die zwischenmenschlichen Irritationen nach subkutan beunruhigenden Bildern. Der pulsierende elektronische Soundtrack von Keegan DeWitt untermalt das zunehmend distanzierte Verhältnis von Catherine und Virginia, deren Kommunikation sich bald in stummen Blickdiagonalen erschöpft.

Und je flüchtiger Ross Perry die Zeitebenen ineinander verschränkt, desto deutlicher wird die tiefe Verbundenheit der beiden Frauen spürbar - bis zu dem Punkt, an dem ihre symbiotische Beziehung parasitäre Züge annimmt. Catherine und Virginia zehren von den Schwächen der anderen, sie richten sich am Leiden der Freundin regelrecht wieder auf. Ross Perry deutet diese Abhängigkeit in subtilen Parallelmontagen an, die Gegenwart und Vergangenheit durchstreifen.

Moss und Waterston spielen ihre Rollen mit faszinierender Doppelbödigkeit, die die Konventionen des klassischen Melodrams, traditionell ein Sujet arg limitierter Frauenfiguren, ständig unterläuft. Wäre Ross Perry nicht so ungerührt im Verhältnis zu seinen Figuren, man müsste glatt an Bergmann denken, der seinen Frauen stets eine protestantische Strenge verordnete.

Catherine und Virginia aber verkörpern auf schizophrene Weise zwei Seelenverwandte: Die aristokratisch anmutende Waterston, die ohne eine Miene zu verziehen fieseste Spitzen von sich gibt, und die immer leicht neurotisch wirkende Moss, deren dramatisches Make-up in "Queen of Earth" am Rande des Nervenzusammenbruchs operiert. Wer solche Freundinnen hat, braucht keine Feindinnen mehr.

"Queen of Earth"

    USA 2015

    Buch und Regie: Alex Ross Perry

    Darsteller: Elisabeth Moss, Katherine Waterston, Patrick Fugit, Kate Lyn Sheil, Kentucker Audley, Keith Poulson

    Produktion: Washington Square Films

    Verleih: Arsenal Institut

    Länge: 90 Minuten

    Start: 5. Mai 2016



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twistie-at 06.05.2016
1. Frauendramen
Was ich nicht verstehe ist, wieso so viele Frauen in den "Frauendramen" und auch im realen Leben diese Mechanismen nicht durchbrechen. Wenn ich merke, dass z.B. Freundin X sich mir so überlegen fühlt, dass sie mich heruntermacht, egal wie subtil, dann heißt es für mich "sorry, so nicht", stattdessen sind das dann Freundinnen für immer, die doch irgendwie zusammehhalten usw. und dann nur Kulisse sind.
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