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"Queen & Slim": Hoffnung und Verzweiflung

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Rassismusdrama "Queen & Slim" Helden im desolaten Jetzt

"Black Lives Matter" trifft auf die große Pop-Pose: Die gefeierte Musikvideo-Regisseurin Melina Matsoukas legt mit ihrem Debütfilm "Queen & Slim" ein umwerfend stilsicheres Rassismusdrama vor.

"Na, wenn das nicht die schwarzen Bonnie und Clyde sind!", kriegt das Paar, das im Zentrum des Films "Queen & Slim" steht, auf halber Strecke seiner Flucht von Ohio nach Florida zu hören. So richtig zutreffend ist der Vergleich nicht, denn der junge Mann und die junge Frau sind im Gegensatz zu Bonnie und Clyde keine Bankräuber, sondern eine Anwältin und ein Verkäufer. Sie haben sich wenige Abende zuvor auf ein Tinder-Date in einem Diner in Cleveland getroffen und sich dabei noch nicht einmal besonders gut verstanden.

Aber sie sind schwarz, und das sorgt hier für den entscheidenden Unterschied. Deshalb kommen sie in Konflikt mit der Polizei, deshalb fällt ein tödlicher Schuss, deshalb fliehen sie, und deshalb gehen schließlich Leute im ganzen Land aus Solidarität mit ihnen auf die Straße.

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"Queen & Slim": Hoffnung und Verzweiflung

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"Queen & Slim" ist der Debütfilm der mehrfachen Grammy- und MTV-Video-Music-Awards-Gewinnerin Melina Matsoukas, berühmt vor allem für Clips wie den zum Song "Formation" aus "Lemonade", dem epochalen Album der US-amerikanischen R&B-Königin Beyoncé. Darin ließ Matsoukas Tänzerinnen in einer Art Black-Panther-Uniform aufmarschieren, während Beyoncé davon sang, dass sie ihre "negro nose" am liebsten mit breiten "Jackson-5-Nasenlöchern" möge.

Ähnlich, wie Matsoukas im Verbund mit anderen Regisseuren bei "Lemonade" für jeden Song des Albums ein Video gedreht hatte, geht sie nun auch bei "Queen & Slim" vor. Die einzelnen Stationen des Fluchtdramas wirken wie die Kapitel eines Films, der weniger durch einen Spannungsbogen zusammengehalten wird als durch die verwendeten Stilmittel: allen voran die sinnlichen, üppigen Bilder des Kameramanns Tat Radcliffe und der schwelgerische R&B des schwarzen britischen Sängers und Songwriters Devonté Hynes.

Mal treffen die Flüchtigen auf stille Solidarität, wird ihnen von einer schwarzen Barkeeperin ein Bourbon ausgegeben oder von einem weißen Anwaltspaar (gespielt von Flea, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers, und Chloë Sevigny) ein Versteck organisiert. Mal lösen die zwei Gesuchten aber auch Unheil aus, werden in ihrem Namen Polizisten getötet und Freundschaften verraten.

Das Bild der USA, das dabei entsteht, ist zwiespältig. Die Gewalt und die Ungerechtigkeit, die der Rassismus seit Jahrhunderten hervorbringt, werden in "Queen & Slim" klar gezeigt. Auf der anderen Seite stehen die komplizierten Lebenswirklichkeiten, in denen es nicht die eine Überlebensstrategie für alle Schwarzen gibt und nicht jeder zu allen Zeiten ehrenhaft handelt.

Ruhepol in diesem Sturm der Zeichen und Gefühle sind die zwei herausragenden Hauptdarsteller. Zum einen ist das Daniel Kaluuya. Für eine andere Rolle, in dem Horrorfilm "Get Out", wurde er bereits für den Oscar nominiert. Die weibliche Hauptfigur ist die Newcomerin Jodie Turner-Smith. Kaluuya spielt einen behäbigen, prinzipientreuen Familienmenschen, der auch schlechtes Diner-Essen in Kauf nimmt, solange das Geschäft von Schwarzen betrieben wird. Und Turner-Smith eine Frau, die sich nur auf sich selbst verlässt und lieber gar nichts isst, als faden Salat. Als am Ende ihres Tinder-Dates für einen kurzen Moment die Frage in der Luft liegt, ob der Abend vielleicht doch mit Sex enden werde, liefert ein kurzes Schnauben ihrerseits die unfreundliche Antwort.

Im Verlauf ihrer Flucht aber lassen beide alte Gewissheiten hinter sich. Je länger sie durch das Land fahren, desto mehr können sie sich für den anderen und dessen Wahrheiten öffnen. Schließlich lernen sie sich tatsächlich lieben - symbolisch womöglich ein Zeichen der Versöhnung innerhalb der schwarzen Community. Als sie von Unterstützern neue Kleidung erhalten, vollziehen sie eine weitere Verwandlung: Im weinroten Trainingsanzug aus Samt und im violetten Minikleid mit Tigerstreifen werden sie zu Popfiguren, aus der hässlichen Gegenwart ragen sie so durch Würde und Glamour überlebensgroß heraus.

In dieser Stilisierung steckt denn auch das Widerständische. Ähnlich wie der Superheldenfilm "Black Panther" bedient "Queen & Slim" das durchaus eskapistisch motivierte Bedürfnis nach einer neuen schwarzen Ikonografie, nach Heldenfiguren für das desolate Jetzt. Die politische Wucht ihres Films schwächen Matsoukas und Drehbuchautorin Lena Waithe damit jedoch nicht ab. "Queen & Slim" verweigert sich der Entscheidung zwischen politischem Realismus und ekstatischer Wunschfantasie und liefert einfach beides, Hoffnung und Verzweiflung.

Dazu passt auch der Titel. "Queen & Slim" heißen die Hauptfiguren nämlich gar nicht. Die längste Zeit des Films über haben sie sogar überhaupt keine Namen. Erst ganz am Schluss erfährt man, wie die beiden wirklich heißen - es sind nichtssagende, banale Namen. Zu Queen und Slim sind sie dennoch geworden, zu zwei Ikonen neuen Zuschnitts, die keinen Vergleich mehr mit Bonnie und Clyde brauchen, weil sie ganz für sich stehen.

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