Queer Cinema auf der Berlinale "Normalität? Nicht für Schwule und Lesben!"

Wie viel Mainstream verträgt die queere Subkultur? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Wieland Speck, Leiter der Sektion Panorama, über die 25. Ausgabe des "Teddy Awards" auf der Berlinale und die ständige Sehnsucht nach einem authentischen schwul-lesbischen Kino.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Speck, kann es sein, dass es dem queeren Film so gut wie nie geht? Letztes Jahr hat die lesbische Familienkomödie "The Kids Are All Right" noch den Teddy Award gewonnen, dieses Jahr ist sie als bester Film für den Oscar nominiert.

Speck: Hollywood prüft ganz genau, was die Bevölkerung bereit ist zu akzeptieren. "Philadelphia" mit Tom Hanks fand die Schwulenbewegung damals grauenhaft. Trotzdem war es ein wichtiger Film, weil er ungeheuer viele Menschen erreichte. "Brokeback Mountain" bedeutete eine weitere Entwicklung - und "The Kids Are All Right" ist der nächste Schritt. Jetzt ist das Thema eben "Elternschaft". Ein wichtiges Thema, aber vorsichtigerweise von der lesbischen Seite betrachtet, weil schwule Väter wahrscheinlich weniger akzeptiert würden.

SPIEGEL ONLINE: Geht Hollywood mit dem Film also auf Nummer sicher?

Speck: Nicht unbedingt. Ein Hollywood-Film symbolisiert nur, wie weit sich die Akzeptanz in bestimmten Ländern und Schichten entwickelt hat. "Brokeback Mountain" lief zum Beispiel nicht überall auf der Welt, auch nicht in jedem US-Staat.

SPIEGEL ONLINE: Aber stimmt die Arbeitsaufteilung noch, dass Hollywood die Konsensfilme macht und auf Festivals die radikalen Kunstwerke zu sehen sind?

Speck: Lisa Cholodenko, die Regisseurin, hat sich aus der Independent-Szene heraus entwickelt - ihr Film sieht aus wie eine Hollywood-Produktion, hat aber andere Wurzeln. Genauso hat sich auch der Teddy geöffnet und aus der queeren Nische in den Mainstream vorgearbeitet. Mainstream und Nische treffen hier aufeinander, verschmelzen aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Verzahnung nicht auch ein Problem für den queeren Film? Je mehr er sich dem Mainstream öffnet, desto mehr verliert er seine Alleinstellungsmerkmale und seine Existenzberechtigung.

Speck: Klar, die Gefahr besteht. Da kann es schon zu einer Art Backlash durch Überemanzipation kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Speck: Wir haben zum Beispiel häufig mit der Filmförderung zu tun. Angesichts der Tatsache, dass viele Schwule und Lesben inzwischen heiraten und Kinder kriegen, fragen die sich, inwiefern sie noch eine Subkultur fördern und nicht schon Normalität. Aber Normalität wird es für Schwule und Lesben letztlich nie geben, sie werden immer die Minderheit bleiben. Durch Emanzipation wird es ja nicht mehr queere Menschen geben - es werden überall immer die durchschnittlichen acht bis zehn Prozent an der Gesamtbevölkerung bleiben. Die Gefahr, die Existenzberechtigung zu verlieren, sehe ich deshalb nicht.

SPIEGEL ONLINE: Den Teddy Award gibt es seit mittlerweile 25 Jahren. Wie haben sich der schwul-lesbische Film und sein Umfeld in dieser Zeit verändert?

Speck: 1986 befand sich die queere Szene in einer besonderen Situation. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre stellten Schwule fest, dass sie mittlerweile von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert wurden. Das war ein besonderer Moment, der von vielen als euphorisch wahrgenommen wurde - und dann kam plötzlich Aids. In dieser Situation fingen wir mit dem Teddy an, und kämpferische Filme kamen auf. Aids hat viele unpolitische Schwule re-politisiert - aber auch Lesben. Sie begriffen, dass sie nicht direkt körperlich, aber politisch von der Diskussion um Homosexualität und Aids betroffen waren.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie den Kampfgeist von damals in aktuellen Filmen?

Speck: Ein bisschen schon - aber ich bin auch aus einer Generation, in der es anders gar nicht ging, als zu kämpfen. Normalisierung und eine gewisse Passivität betreffen aber nur einige ausgewählte Länder. In Russland zum Beispiel hat die queer community viel zu kämpfen. In Sankt Petersburg konnten wir im September 2010 das erste queere Filmfestival feiern. Die Premiere sollte eigentlich schon zwei Jahre zuvor stattfinden, aber am Tag der Eröffnung hat die Stadt einfach das Kino zugemacht - plötzlich sollte der Brandschutz nicht gewährleistet sein. Im Jahr darauf haben die Behörden es wieder geschafft, das Festival zu verhindern. Solche Kämpfe sind in vielen Ländern zu bestehen - etwa in Polen oder in Indonesien.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den Zustand der deutschen queeren Filmszene?

Speck: Historisch betrachtet hat sie immer schon eine wichtige Rolle gespielt - Berlin war in den zwanziger Jahren ein globaler Anziehungspunkt für alternative Lebensentwürfe. Hier sind viele der ersten schwul-lesbischen Filme entstanden. Später war deutsches queer cinema auf internationalen Festivals regelmäßig vertreten. In den vergangenen Jahren ist das insgesamt schwächer geworden. Allerdings nehmen sich jetzt auch heterosexuelle Regisseure verstärkt queerer Themen an - sie werden also nicht mehr nur intern verhandelt.

SPIEGEL ONLINE: Die Offenheit scheint sich aber nicht auf alle Bereiche der Filmwelt übertragen zu haben: In Deutschland gibt es mehr offen lebende schwule Politiker als Schauspieler.

Speck: Bei Schauspielern kann ich verstehen, dass sie nicht auf ihre sexuelle Orientierung festgelegt werden wollen. Die erotische Ausstrahlung eines Schauspielers ist enorm wichtig für sein Geschäft. Der hat nur sich und seinen Körper, mit dem er die Regie davon überzeugen muss, dass er für eine bestimmte Rolle geeignet ist. Da will man so wenig Vor-Formatierungen wie möglich mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann nehmen Sie Schauspieler aus der politischen Pflicht.

Speck: Ja, das tue ich. Bei allen anderen Berufssparten würde ich das nicht sagen. Aber solange Schauspieler nicht gegen andere hetzen, würde ich sie von dieser politischen Pflicht entbinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie benutzen den Begriff "queer" und bezeichnen auch den Teddy Award als queeren Filmpreis. Das Modewort ist aber nicht unproblematisch: Das Hamburger lesbisch-schwule Filmfestival hat sich zum Beispiel bewusst gegen eine Umbenennung in queeres Filmfestival entschlossen, weil es den Begriff zu elitär-akademisch findet und dafür einstehen will, dass Worte wie schwul und lesbisch nicht aus der Öffentlichkeit verbannt werden.

Speck: Das spiegelt eine Diskussion wider, die in der Subkultur stattfindet. Als wir bei der Berlinale mit der Panorama-Sektion anfingen, hieß sie noch Info-Schau und die Filme hießen noch "schwule Filme". Als in der "Tagesschau" später zum ersten Mal das Wort "schwul" ausgesprochen wurde, waren wir aber schon bei "schwul-lesbisch". Als sich dann die Massenmedien für die Formulierung "schwul-lesbisch" öffneten, sprachen wir aber schon von "schwul-lesbisch-transidentisch". Das haben die Medien aber nicht mehr mitgemacht, weil das Wort, ehrlich gesagt, auch zu kompliziert ist. So tat sich eine Leerstelle auf, die später "queer" füllte.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie den Begriff denn gänzlich unproblematisch?

Speck: Nein, er hat tatsächlich auch Nachteile: Je mehr du unter ihm subsumierst, desto weniger kannst du damit subkulturelle Energie bündeln. Aber es ist nun mal ein verbindender Begriff, der seine Berechtigung hat. Für eine andere Bewegung als eine einigende sehe ich zurzeit auch keine Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Speck: Ich habe auf der Suche nach Juroren für den Teddy Award in letzter Zeit häufiger die Idee vorgetragen, zwei Jurys einzurichten und sie nach Geschlechtern zu trennen, damit wir wieder eine Differenzierung nach schwul und lesbisch haben und wieder die Unterschiede kultivieren. Das fanden manche interessant, andere aber regelrecht abstoßend.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist aus der Idee geworden?

Speck: Ich habe sie verworfen. Die Kontroverse darum hätte den Preis überschattet. Aber vielleicht passt es in ein paar Jahren.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk



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Seite 1
nebenjobber 10.02.2011
1. Specks vorschlag
2 jurys getrennt nach geschlecht einzuführen, ist in jedem fall mind. diskutabel. diejenigen, die das als abstoßend empfanden, waren das zufällig lesben mit zuviel genderinput? hätte eher vermutet, dass lesben wie schwule viel stärker für differenzierung sowie das eigene geschlecht einstehen. ansonsten ist mir das thema und die berlinale selbst mehr als wurscht.
felidae177 10.02.2011
2. Normalität ist doch gut...
Warum sollen den Filme von oder über Schwule und Lesben nicht auch den Mainstream bedienen dürfen? Schwule Männer sind keine dauergrinsenden Pausenclowns mit Federboa und lesbische Frauen nicht vertrocknete Zicken ohne Lachmuskeln. Die homosexuellen Menschen, die ich kenne, sind so unterschiedlich, wie der Rest der Menschheit auch - Interessen, Lebenswandel, Humor und das ein oder andere Klischee eingeschlossen. Warum also nicht ein schwules oder lesbisches Elternpaar zeigen? Es gibt sie bereits in der Realität - wenn die Partner zum Beispiel Kinder aus früheren Beziehungen oder Pflegekinder haben. Also sind sie auch Normalität. Was mich nur oft an der Darstellung dieser speziellen Thematik stört, ist die Interpretation von Männern als "Samenspendern" bzw. Frauen als "Gebärmaschinen". Das finde ich schade. Ich bin kein Freund von Leihmüttern und Samenspendern - ganz gleich von wem eine solche "Dienstleistung" genutzt wird. Aber darüber sollte man an anderer Stelle diskutieren. Mich würde sehr freuen, wenn Filme stärker die Thematik "Adoption" in den Vordergrund rücken würden. Denn hier wäre nicht nur in Deutschland noch jede Menge zu tun. Denn egal ob schwul, lesbisch, zu alt (wie bei meinem Mann und mir) oder alleinstehend - wer nicht in den engen gesetzlichen Rahmen passt, bekommt hierzulande praktisch keine Chance, einem Adoptiv-Kind ein Zuhause zu geben. Gut gemachte Filme - gerne auch mit schwulen oder lesbischen Hauptfiguren - könnten für dieses Thema ein Lanze brechen und vielen Menschen bewusst machen, wie schwer es Staat und Behörden denen machen, die ein Kind adoptieren wollen. Klar, ein Film kann keine Gesetze ändern. Aber er kann bewusst machen, erklären, Einblicke geben und letztlich ein Umdenken anstoßen. Das wäre doch was.
Pepito_Sbazzagutti 10.02.2011
3. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Zitat von felidae177Warum sollen den Filme von oder über Schwule und Lesben nicht auch den Mainstream bedienen dürfen? Schwule Männer sind keine dauergrinsenden Pausenclowns mit Federboa und lesbische Frauen nicht vertrocknete Zicken ohne Lachmuskeln. Die homosexuellen Menschen, die ich kenne, sind so unterschiedlich, wie der Rest der Menschheit auch - Interessen, Lebenswandel, Humor und das ein oder andere Klischee eingeschlossen. Warum also nicht ein schwules oder lesbisches Elternpaar zeigen? Es gibt sie bereits in der Realität - wenn die Partner zum Beispiel Kinder aus früheren Beziehungen oder Pflegekinder haben. Also sind sie auch Normalität. Was mich nur oft an der Darstellung dieser speziellen Thematik stört, ist die Interpretation von Männern als "Samenspendern" bzw. Frauen als "Gebärmaschinen". Das finde ich schade. Ich bin kein Freund von Leihmüttern und Samenspendern - ganz gleich von wem eine solche "Dienstleistung" genutzt wird. Aber darüber sollte man an anderer Stelle diskutieren. Mich würde sehr freuen, wenn Filme stärker die Thematik "Adoption" in den Vordergrund rücken würden. Denn hier wäre nicht nur in Deutschland noch jede Menge zu tun. Denn egal ob schwul, lesbisch, zu alt (wie bei meinem Mann und mir) oder alleinstehend - wer nicht in den engen gesetzlichen Rahmen passt, bekommt hierzulande praktisch keine Chance, einem Adoptiv-Kind ein Zuhause zu geben. Gut gemachte Filme - gerne auch mit schwulen oder lesbischen Hauptfiguren - könnten für dieses Thema ein Lanze brechen und vielen Menschen bewusst machen, wie schwer es Staat und Behörden denen machen, die ein Kind adoptieren wollen. Klar, ein Film kann keine Gesetze ändern. Aber er kann bewusst machen, erklären, Einblicke geben und letztlich ein Umdenken anstoßen. Das wäre doch was.
[QUOTE=felidae177;7132158]Gut gemachte Filme - gerne auch mit schwulen oder lesbischen Hauptfiguren.... Tja, das uns vermutlich im Kino gerade noch zu unserem Glück gefehlt.
Venator14 10.02.2011
4. ..
Es scheint gerade das Ausmaß an öffentlichkeitswirksam behaupteter Diskriminierung ein geeigneter Gradmesser dafür zu sein, wie wenig eine Personengruppe tatsächlich diskriminiert wird
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