Tarantino-Filme Fuck! Fuck! Fuck! No! Aaaaargh...

Raffinierte Dialoge, vulgäre Sprache und blutige Gewalt gelten als Markenzeichen von Quentin Tarantino. Doch sein Werk ist verblüffend vielseitig, wie eine Analyse der Flüche und Morde in seinen Filmen zeigt.

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Als Quentin Tarantino 1992 seinen ersten Film in die Kinos brachte, war mancher Zuschauer schockiert: Die Dialoge in "Reservoir Dogs" waren praktisch mit allen Schimpfworten gespickt, die die englische Sprache zu bieten hat. "Fucking" und "fuck" tauchen zusammen mehr als 200 Mal auf - gefolgt von "shit", "ass", "dick" und "bitch".

In Sachen Vulgärsprache ist Tarantinos Debütfilm der unangefochtene Spitzenreiter, wie eine detaillierte Datenanalyse seines Werks zeigt. In "Reservoir Dogs" wird pro Minute im Schnitt viermal geflucht, beleidigt oder geschimpft. Seine späteren Filme kommen meist auf deutlich niedrigere Werte. Nur bei der Zahl der absoluten Flüche liegt "Pulp Fiction" mit 458 leicht vor "Reservoir Dogs".

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Der neue Tarantino-Film startet am 15. August. Schockieren wird "Once upon a Time in Hollywood" das Publikum jedoch kaum noch. Denn Tarantino hat sich längst von den Exzessen seiner früheren und mittleren Streifen entfernt. Nicht nur bei den vulgären Sprache - laut "Dallas Observer" wird in "Once upon a Time in Hollywood" nur rund 200 Mal geflucht. Auch die Zahl der Todesopfer bleibt - ohne dass hier zu viel verraten werden soll - einstellig.

Ohne "Once upon a Time in Hollywood" hat Tarantino bislang neun Filme veröffentlicht, bei denen er sowohl Drehbuch und Regie übernahm. In dieser Liste werden die beiden Kill-Bill-Streifen einzeln gezählt. Auch "Death Proof" ist mit dabei. Diese neun Filme haben wir mit Methoden des Datenjournalismus untersucht.

Erfasst wurden dabei sämtliche Flüche und Schimpfworte wie "fuck" oder "bitch" je Film. Basis dafür waren frei verfügbare Dateien mit den Untertiteln. Hinzu kamen Informationen über die Morde je Film, wobei wir Daten der Webseite "fivethirtyeight" und eigene Analysen kombiniert haben - mehr dazu im Kasten unten.

Auch wenn viele glauben, dass es eine typische Tarantino-Handschrift gibt - sein Werk ist vielschichtig. Dies zeigt sich auch bei der Auswertung der Daten. Klar, seine frühen Filme "Pulp Fiction", "Reservoir Dogs" und "Death Proof" ähneln einander - was die Verwendung von Flüchen (sehr häufig) und die Zahl der Morde (überschaubar) betrifft. Doch sie sind nur bedingt mit seinen übrigen Filmen vergleichbar.

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Beim Zählen der Morde im Werk Tarantinos stößt man immer wieder an Grenzen. Es ist mitunter schwer, die Zahl schwer Verletzter oder Getöteter zu zählen - etwa beim Großbrand im mit Nazigrößen gefüllten Kino in Paris in "Inglourious Basterds". Kommen sie wirklich alle zu Tode?

Zudem lässt sich nicht immer entscheiden, ob erlittene Verletzungen so schwerwiegend sind, dass Betroffene als Tote in die Statistik einfließen müssen. Am Ende von "The Hateful Eight" liegen beispielsweise der von Samuel L. Jackson gespielte Kopfgeldjäger Warren und der angehende Sheriff Mannix angeschossen auf einem Bett. In unserer Statistik haben wir sie nicht als Mordopfer gezählt, weil sie zum Filmende ja noch am Leben sind. Daher gibt es in unserer Statistik von "The Hateful Eight" nur 14 Tote, andere kommen auf 16.

Gestorben wird in Tarantino-Streifen auf sehr unterschiedliche Weise. Insgesamt 18 verschiedene Arten haben wir in den neun Filmen erfasst - siehe folgende Grafik:

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Die mit Abstand mörderischste Rolle bei Tarantino spielt Uma Thurman in den beiden Kill-Bill-Filmen. Allein mit dem eigens für ihren Rachefeldzug angefertigten Hanzo-Schwert befördert sie 48 Gegner ins Jenseits - die meisten davon aus der gefürchteten Kampftruppe "Crazy 88". Hinzu kommen weitere Morde mit anderen Waffen - insgesamt hat "Die Braut" 55 Menschen auf ihrem Gewissen.

Das klar dominierende Mordinstrument sind allerdings Schusswaffen. Mehr als 120 Morde werden damit in den neun Filmen begangen. Auf Platz zwei folgt das Schwert (54 Morde) - danach kommen das Messer (5 Morde) sowie das ausschließlich in "Death Proof" dafür genutzte Auto (5 Tote). Die wohl kurioseste Tötungsform sah Tarantino für den Bösewicht in "Kill Bill Vol. 2" vor: Bill wird durch die Fünf-Punkte-Pressur-Herzexplosions-Technik ins Jenseits befördert.

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Was die absoluten Zahlen an Schimpfwörtern betrifft, liegt "Pulp Fiction" mit 458 an der Spitze, während "Inglourious Basterds" (63) und "Kill Bill Vol. 1" (58) vergleichsweise harmlos daherkommen.

Berücksichtigt man auch die Länge eines Films, in dem man die Flüche pro Minute ausrechnet, treten die Unterschiede noch stärker hervor. Tarantinos Frühwerk und "Death Proof", allesamt für seine Verhältnisse kurze Filme, liegen dann noch deutlicher vor allen übrigen Streifen.

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Tarantinos Filme sind bekannt für ihre raffinierten, teils sehr langen Dialoge. Schaut man sich die gesprochenen Worte pro Minute an, liegen wieder seine ersten drei Werke und "Death Proof" ganz vorn. In seinen letzten drei Filmen "Inglourious Basterds", "Django Unchained" und "The Hateful Eight" wird pro Minute ein Drittel bis ein Viertel weniger gesprochen. Geradezu wortkarg erscheint "Kill Bill Vol. 1" - kein Wunder angesichts der langen Kampfszenen und der vielen eingebauten Songs.

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Auch bei den verwendeten Schimpfwörtern und Flüchen unterscheiden sich die Filme. In den ersten Filmen dominieren eher klassische Flüche wie "fucking", "fuck", "ass", "bitch" und "shit". In den letzten beiden Streifen vor "Once Upon a Time in Hollywood" - "Django Unchained" und "The Hateful Eight" - führt hingegen "nigger" - das sogenannte n-word - die Statistik an. Was mancher vor allem als bewusste Provokation deutet, hängt natürlich auch mit der konkreten Handlung zusammen. Es geht um Sklaverei und um die im damaligen Amerika offene Missachtung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

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Eine beachtliche Menge und Vielfalt bieten Tarantino-Filme in Bezug auf das Wort "fuck". "Tarantino doesn't give a fuck - he gives hundreds", schreibt Oliver Roeder von "fivethirtyeight" in seiner Analyse von 2015. Eine treffende Beschreibung. Zählt man alle Varianten wie fuck, fucked, fucking über alle neun Filme zusammen, ergibt sich die Zahl 905.

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Berücksichtigt man sowohl vulgäre Sprache als auch blutige Gewalt, dann muss "Django Unchained" als krassester Tarantino-Film gelten. Er kommt auf 275 Flüche und 48 Tote.

So haben wir gearbeitet
Woher kommen die Daten über Schimpfwörter?
Wir haben die Untertitel zu den englischen Originalversionen der neun Filme analysiert. Diese sind bis auf wenige Ausnahmen identisch mit dem tatsächlich gesprochenen Text. Die Untertitel haben wir vom Portal opensubtitles.com heruntergeladen. Sie stammen überwiegend von Blu-ray-Versionen der Filme. Beim Film "Inglourious Basterds" haben wir zusätzlich zu den englischen Untertiteln auch deutsche genutzt, weil einige Passagen, in denen im Film deutsch gesprochen wurde, nicht in den englischen Untertiteln enthalten waren.
Wie ist die Statistik über Morde und Todesursachen entstanden?
Wir haben uns die Morde in allen Filmen (Ausnahme: "Jackie Brown") einzeln angeschaut und dabei auch die Mordwaffen beziehungsweise die Todesart erfasst. Zum schnellen Auffinden der jeweiligen Szene haben wir Daten der Webseite fivethirtyeight genutzt. Dort war 2015 ein Artikel erschienen, der alle bis dahin erschienene Tarantino-Filme untersucht hat.
Was wurde als Mord gezählt, was nicht?
In den meisten Fällen war die Sache relativ klar. Grundsätzlich sind wir davon ausgegangen, dass schwer verletzte Personen nicht als tot gelten, solange sie noch sprechen oder sich bewegen. Am Ende von "The Hateful Eight" liegen beispielsweise der von Samuel L. Jackson gespielte Kopfgeldjäger Warren und der angehende Sheriff Mannix angeschossen auf einem Bett. In unserer Statistik haben wir sie nicht als Mordopfer gezählt, weil sie zum Filmende ja noch am Leben sind.
Morde bei "Inglourious Basterds"
Nicht mitgezählt wurden die Opfer des Scharfschützen Fredrick Zoller in dem Propagandafilm, dessen Premiere in einem Pariser Kino vor Nazigrößen stattfindet. Die genaue Zahl der Todesopfer bei der sich anschließenden Schießerei im Kino, mehreren Explosionen und dem Großfeuer konnten wir nicht bestimmen. Wir haben nur Personen als Mordopfer gezählt, die erkennbar im Oberkörper von Kugeln getroffen wurden oder die Dynamit an ihren Beinen trugen. Daher ist die hier angegebene Opferzahl von 45 als Untergrenze zu verstehen.
Todesopfer bei "Kill Bill Vol. 1"
Der Schwertkampf im Restaurant in Tokio dauert mehrere Minuten. Am Ende blickt die Kamera von oben in den Saal, am Boden liegen Dutzende Yakuza. Alle, die sich nicht mehr bewegen, haben wir als tot eingestuft. Hinzu kommen die Morde aus den übrigen Szenen des Films, bei denen die Zuordnung leichter fällt. Aber auch hier muss die Opferzahl von 63 als Untergrenze gelten.
Tote bei "Django Unchained"
Unübersichtlich ist in diesem Streifen vor allem die Szene relativ am Anfang, als Mitglieder des Ku Klux Klan nachts die Kutsche von Dr. Schultz und Django überfallen. Die beiden haben in der Kutsche Dynamit versteckt, das sie per Gewehrschuss aus der Ferne zur Explosion bringen. Dabei fallen viele der Angreifer vom Pferd, wer von ihnen dabei stirbt bleibt jedoch unklar. Daher haben wir hier in dieser Szene keine Dynamit-Opfer zählen und erfassen können. Die Zahl von 48 Toten muss daher auch hier als Untergrenze gewertet werden.

Als sein bislang harmlosester Film - zumindest in Bezug auf die nackten Zahlen - darf "Kill Bill Vol. 2" gelten. Darin geschehen nur 11 Morde und es wird nur 81 Mal geflucht. Ein Kandidat für diese Kategorie ist wohl auch "Once Upon a Time in Hollywood". In Tarantinos neuestem Werk gibt es offenbar mehr Flüche (203), dafür aber auch weniger Morde als in "Kill Bill Vol. 2".

Jetzt sind Sie als Tarantino-Experte gefragt. Wir haben zu jedem Film eine typische Wortwolke erstellt, die auch Hinweise auf die Zahl der Morde enthält. Wissen Sie, um welchen Film es sich jeweils handelt?

Hier geht's zum Filmquiz.

Mitarbeit (Grafik): Ludger Bollen, Michael Walter, Gernot Matzke

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde "Reservoir Dogs" als Film mit den meisten Flüchen genannt. Er ist jedoch der Film mit den meisten Flüchen pro Minute. Das ist nun korrigiert.



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