Rache-Thriller "Die Fremde in dir" Wenn Töten gut tut

Eine Frau sieht rot: Jodie Foster tritt mit "Die Fremde in dir" tief in Charles Bronsons Fußstapfen. Ausgerechnet die intellektuelle Aktrice und der irische Regie-Schöngeist Neil Jordan verirren sich in die moralische Untiefe eines Selbstjustiz-Thrillers.

Von Michael Ranze


Ruhig und gelassen sitzt sie da, aufrecht und selbstbewusst. Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, wie zwei schwarze Hooligans einen alten Mann und einen Schüler schikanieren und an der nächsten Station rauswerfen. Der U-Bahn-Waggon ist nun menschenleer. Ein zu langer Blick, und schon schlendern die beiden Männer auf die Frau zu. Doch die bleibt cool, zückt ihre Pistole und schießt - ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Frau, die nicht mehr Opfer sein will und darüber zum Monster mutiert ist.

Jodie Foster in "Die Fremde in dir": Faszinierend und verwirrend
WARNER BROS.

Jodie Foster in "Die Fremde in dir": Faszinierend und verwirrend

Jodie Foster spielt diese Rächerin, und am geistigen Auge des Zuschauers ziehen all jene starken Frauen vorbei, die sie bereits verkörpert hat: die kindliche Hure in "Taxi Driver", die FBI-Agentin im "Schweigen der Lämmer", die englische Gouvernante in "Anna und der König", die besorgten, aber entschlossenen Mütter in "Panic Room" und "Flight Plan". Rollen, denen Foster mit einer Mischung aus Sensibilität und toughness, Intelligenz und Körperlichkeit ihren Stempel aufdrückt.

Auch in "Die Fremde in dir" (Original: "The Brave One"), dem neuen Film von Neil Jordan, der diese Woche in deutschen Kinos anläuft, überzeugt sie durch Präsenz und Charisma. Die enge, schwarze Lederjacke, die kurzen, blonden Haare und der nachgezogene Lidstrich, der die Augen noch bedrohlicher erscheinen lässt, verleihen der 45-Jährigen eine androgyne Ausstrahlung, die zugleich fasziniert und verwirrt. Geschickt wehrt sich Jodie Foster gegen die Eindimensionalität ihrer Figur, die das Drehbuch vorgibt.

Töten, um zu leben

Jodie Foster ist Erica Bain, die Moderatorin der Radiosendung "Street Walk". Zu den schönen Ideen des Films gehört es, sie bei ihrer Arbeit zu zeigen: wie sie mit großem Mikrofon und Aufnahmegerät durch die Straßen New Yorks streift, Geräusche einfängt von hupenden Autos, knirschender Hochbahn oder summenden Maschinen, Gespräche oder laute Musik. Geräusche, die von Lebendigkeit und kultureller Vielfalt zeugen. Erica - das wird in wenigen Szenen deutlich - liebt ihre Stadt. Auf einsamen Spaziergängen spürt sie ihrer Faszination nach. Doch spätestens seit dem 11. September 2001 weiß man, dass die Idylle trügt. Schnell kann alles vorbei sein.

Und dann passiert es: Erica geht mit ihrem Verlobten David (Naveen Andrews) und ihrem Hund nachts im Central Park spazieren. Plötzlich werden sie von drei Männern überfallen und brutal zusammen geschlagen. Als Erica drei Wochen später aus dem Koma erwacht, ist David tot. Ihre körperlichen Wunden sind inzwischen verheilt, die seelischen noch lange nicht. Ericas Welt ist aus den Fugen geraten. Die Kamera von Philippe Rousselot beweist es: Verzerrte Türen, schwankende Flure - Erica traut sich nicht aus dem Haus. Darum verschafft sie sich eine Pistole, und sie wird sie benutzen. Bei einem nächtlichen Eifersuchtsdrama in einem Lebensmittelladen erschießt sie in Notwehr einen Mann. Nach der ersten Panik fühlt sich sie seltsam erleichtert: Das Töten hat gut getan. Erica ist zurück. Zurück unter den Lebenden.

Nächtliche Spaziergänge im Central Park, späte Einkäufe in schummrigen Läden, einsame Fahrten in unbewachten U-Bahn-Waggons - sind das nicht alles Leichtsinnigkeiten, vor denen New-York-Besucher auch heute noch in Reiseführern gewarnt werden? Es ist erschreckend, wie sich der irische Regisseur Neil Jordan - mit Filmen wie "Mona Lisa", "The Crying Game" oder "Das Ende einer Affäre" als einer der Wegbereiter des neuen britischen Kinos ausgewiesen - an den Klischees des Großstadt-Krimis entlang hangelt, um dem Zuschauer die Orientierung zu erleichtern und so auf seine Seite zu ziehen.

Das Gute schlägt zurück

"Revenge flicks", wie die Amerikaner das Genre der Rache-Thriller salopp nennen, leben von dem zwiespältigen Vergnügen des Zuschauers, dabei zuzusehen, wie der Gerechtigkeit doch noch Genüge getan wird. "Gut gegen Böse" - so lautet der einfache Konflikt, und diesmal schlägt das Gute zurück. Wie das im Einzelnen funktioniert, hat Charles Bronson 1974 vorexerziert - in "Ein Mann sieht rot" (Original: "Death Wish"). Dass ein Mann das Gesetz in die eigene Hand nimmt und mit wohlwollendem Einverständnis des Zuschauers der vermeintlichen Gerechtigkeit auf die Sprünge half, sorgte damals für erregte Diskussionen. Der Film beruht auf einem Buch von Brian Garfield, der allerdings mit der Adaption nicht zufrieden gewesen sein dürfte. Für Garfield war die Selbstjustiz seines Romanhelden nicht die Lösung der Strafverfolgung, sondern ein weiteres, zusätzliches Problem. Regisseur Michael Winner scherte das damals wenig, das Publikum auch: Vier Fortsetzungen schlossen sich an.

Wie der Zufall es will, läuft seit zwei Wochen eine weitere Garfield-Verfilmung in unseren Kinos: "Death Sentence - Todesurteil". Kein guter Film, ganz im Gegenteil, doch in seinem Anliegen sehr viel ehrlicher als "Die Fremde in dir". Während Neil Jordan die Wandlung seiner Hauptfigur, den Bruch mit der eigenen Vergangenheit, das Gefühl, jemand anderes zu sein, wortreich behauptet, sogar in Ericas Off-Kommentar, agiert Kevin Bacon in "Death Sentence" sehr viel körperlicher: Waffen kaufen, Kopf rasieren, Tarnklamotten anziehen und losballern. Am Schluss sitzt er völlig ramponiert mit seinem Widersacher auf dem Sofa. Die Rache als groteske Anstrengung.

"Die Fremde in dir" gibt sich da anspruchsvoller, intellektueller und vielschichtiger. Und ist dabei doch nicht minder perfide. "I just want my dog back. - Ich will nur meinen Hund zurück", ruft Jodie Foster am Ende (was einen Kritiker dazu veranlasste, den Film aus Sicht des Vierbeines zu besprechen) und rechnet mit ihren Peinigern ab. Und das mit Rückendeckung eines Polizisten (Terrence Howard) mit dem sprechenden Namen Mercer (mercy = Gnade), der sich um die liegen gebliebenen Leichen kümmern muss und rasch Ericas Geheimnis ahnt.

Auch das ist ein Klischee des Rächerfilms: der frustrierte Cop, der dem Opfer einer Gewalttat freie Hand lässt und es so in seinem eigenen Streben nach Gerechtigkeit instrumentalisiert. Dabei hätte dies ein schöner Nebenstrang der Handlung werden können: wie Mann und Frau langsam bemerken, dass sie dasselbe Wissen teilen und es doch nie aussprechen dürfen. Was für eine Liebesgeschichte wurde uns da vorenthalten!



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