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Rambo-Film "Last Blood" Der Gott des Gemetzels

Davon träumt Trump: In der brutalen Rachefantasie "Last Blood" zieht der alt gewordene Kino-Rächer Rambo noch einmal in den Krieg, diesmal gegen Mexikaner-Schurken an der Heimatfront.

Fairerweise muss man sagen, dass die Idee, Rambo gegen Menschenhändler und Drogenkartelle aus Mexiko ins Feld zu schicken, schon viel älter ist als Donald Trumps Versprechen, eine Mauer an der Grenze zu bauen. Sie kursierte angeblich schon 2009, nachdem der ewig traumatisierte Vietnamkriegs-Veteran sein bis dato letztes Massaker in Burma angerichtet hatte: "John Rambo" setzte weltweit immerhin über 100 Millionen Dollar um, Grund genug, über einen weiteren Teil der in den Achtzigern begonnenen Filmreihe nachzudenken.

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"Rambo: Last Blood": Gewaltiges Trauerspiel

Foto: Universum

Hauptdarsteller Sylvester Stallone, der damals selbst Regie führte, und David Morell, Erfinder der Romanfigur Rambo, entwickelten Jahre später eine Story, die Stallone als "seelenvolle Reise" des altgedienten und geschundenen Charakters beschrieb. Es wäre möglicherweise, analog zu Stallones jüngsten "Rocky"- und "Creed"-Filmen, ein würdiger Abschluss für die Figur geworden. Vielleicht hätte diese Geschichte noch einmal den Bogen zu Rambos immer noch hervorragendem Ersteinsatz "First Blood" von 1982 geschlagen, der sich durchaus kritisch mit Kriegstraumata und der Ablehnung gegenüber Vietnamveteranen nach ihrer Heimkehr in die USA auseinandersetzte.

Aber letztlich wurde dann doch die Mexiko-Story verfilmt. Die Regie übernahm Adrian Grunberg, der zuvor erst einen einzigen Film gedreht hatte, die ebenfalls in Mexiko angesiedelte Knast-Exploitation "Get The Gringo" mit Mel Gibson. Stallone schrieb zwar am Drehbuch zum fünften Rambo-Film mit, sagte aber, er habe keine Zeit gehabt, selbst Regie zu führen.

John Rambo will nicht mehr kämpfen - aber er muss

So kompliziert seine Entstehungsgeschichte auch sein mag - so schlicht ist nun "Last Blood" geworden. Es ist ein eindimensionaler und überraschungsarmer Thriller, der quälend langweilig auf seinen finalen Gewaltexzess zusteuert. Zugleich ist der schmerzhaft reaktionäre Plot natürlich ein Traum für Trump und seine Hardcore-Anhänger.

Aber der John Rambo, dem man in "Last Blood" begegnet, will eigentlich gar nicht mehr kämpfen. Und wenn man sich richtig erinnert, dann wollte er das schon in Teil zwei, drei und vier nicht mehr. Aber er muss. Viril, aber sichtlich gealtert (Stallone wurde im Juli 73) lebt er auf der Farm seiner Familie in Arizona und reitet Pferde zu. Wenn es in den Bergen stürmt, meldet er sich freiwillig, um Menschen in Not zu helfen, ansonsten buddelt er melancholisch an einem weitverzweigten Tunnel- und Gängesystem unter der Ranch. Oberflächlich wirkt er zufrieden und ausgeglichen, doch tief in ihm, in den Tunneln und Gängen seiner Seele, arbeitet es noch immer.

Im Video: der Trailer zu "Last Blood"

Universum Film

Die Eruption bahnt sich an, als Rambos Ziehtochter Gabrielle (Yvette Monreal) nach Mexiko fahren will, um ihren leiblichen Vater aufzusuchen. Sie und ihre Oma, die Rambos Haushalt schmeißt, sind die guten Mexikaner in diesem Holzschnitt-Szenario. Lass das sein, sagt Rambo, der manchmal sehr leer in die Ferne stiert und ein bisschen crazy wirkt: Die Welt ist ein schlimmer Ort, und das wird sich auch nie ändern. Aber, flötet die 17-Jährige, er selbst hätte sich doch auch geändert. Nein, das stimmt nicht, entgegnet er, er sei immer noch derselbe, er halte nur den Deckel drauf. Gemeint ist der Verschluss der Pillendose mit den Psychopharmaka, die er täglich schluckt.

Es kommt, wie es kommen muss: Gabrielle geht in Mexiko verloren, wird von einem Drogen- und Trafficker-Syndikat versklavt. Rambo setzt die Medikamente ab und wetzt noch einmal sein großes Messer. Zum Showdown geht es dann zurück auf die kleine, uramerikanische Ranch, die für eine Armee generischer Latino-Finsterlinge zum Folterparcour wird. "Last Blood" ist, wie jeder Rambo-Film, auch ein Western, "Der Schwarze Falke" mit modernisierten Feind- und Angstbildern.


"Rambo: Last Blood"
USA, 2019
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Sylvester Stallone, Matthew Ian Cirulnick
Darsteller: Sylvester Stallone, Paz Vega, Yvette Monreal, Sergio Peris-Mencheta, Adriana Barraza, Óscar Jaenada, Joaquín Cosío
Verleih: Universum Film
Länge: 99 Minuten
FSK: frei ab 18 Jahren
Start: 19. September 2019


Gewaltiges Trauerspiel

Rambo wird hier noch einmal als Gott des Gemetzels entfesselt, um Konflikte zu lösen, die mit zivilen Mitteln nicht zu bewältigen scheinen - oder so komplex sind, dass allein das Nachdenken über alle gesellschaftlichen, sozialen und politischen Faktoren Kopfschmerzen bereitet. Selbstjustizthriller wie "Last Blood" wirken wie Koks gegen komplizierte Zusammenhänge: Sie gaukeln einfache Lösungen und rauschhafte Erlösung vor.

Das war schon in den revisionistischen "Dirty Harry"- und "Death Wish"-Reißern der Siebziger und Achtziger so - und erfährt in jüngster Zeit mit Kino-Serien wie "Taken" oder "John Wick" ein Revival in einem zunehmend reaktionären Zeitgeist. Im besten Fall bieten diese Rache-Phantasmen ein fiktionalisierendes Ventil für Aggressionen, die sich danach (hoffentlich) nicht in der Realität entladen.

Das Deprimierende an der eigentlich vielschichtigen Figur Rambo ist, dass er in diesem letztlich ausbeuterischen Verwertungs- und Verblendungszusammenhang immer nur das stumpfe Werkzeug bleibt, dem jeglicher Anschluss an das aufgeklärte Zivilkollektiv verweigert werden muss. Gewalt ist die einzige Lösung, die er kennt. Noch schlimmer: Sie ist seine einzige Funktion. Und so bleibt dieser nun schon seit fast vier Jahrzehnten gequälte und missbrauchte Rambo-Golem auch am Ende dieser Episode isoliert und allein. Ein gewaltiges Trauerspiel.

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