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"Rammstein: Paris": Ruß- und ölverschmierte Herrenmenschen

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Rammstein in der Volksbühne Der Konkurs

Die Volksbühne erlebt ihr letztes popmusikalisches Großereignis in der Ära von Frank Castorf. Schade, dass die Premiere des Films "Rammstein: Paris" alles entwertet, wofür das Haus einmal stand.
Von Jens Balzer

Die maskulin-teutonische Stadionrockgruppe kommt am Donnerstag in die Berliner Volksbühne, um dort die Premiere ihres Films "Rammstein: Paris" zu feiern. Dabei handelt es sich um einen knapp zweistündigen Zusammenschnitt aus mehreren Auftritten der Band in der französischen Hauptstadt, aus denen der Regisseur Jonas Akerlund eine Art ästhetische Essenz des rammsteinschen Wesens zu extrahieren versucht.

Das ist ihm gelungen, denn man sieht vor allem: sechs ruß- und ölverschmierte Herrenmenschen, die in einem Fritz-Lang-Metropolis-trifft-Cyberpunk-Bühnenbild mit groben Gesten auf ihren Instrumenten herumfingern und dazu bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit irgendwas explodieren, verpuffen oder auch brennen lassen.

Eine weitgehend sinn- und besinnungslos vor sich hin knallende und qualmende Überwältigungsästhetik, von der man schon nach zehn Minuten derart zugedröhnt ist, dass man sich wie in der nicht endenden Schluss-Sequenz eines teuer inszenierten, aber besonders stumpfsinnigen Action-Blockbusters wähnt.

Irgendeine Art von Distanz zu der Band oder ästhetischer Reflexion sucht man in Akerlunds Film vergebens. Der dramaturgische Mehrwehrt der Inszenierung besteht einerseits im verwackelten Hin-und-Herschalten zwischen Close-ups und Panorama-Aufnahmen sowie andererseits in der affirmativen Ergänzung der Bilder mit Computereffekten.

Wenn zum Beispiel der Rammstein-Sänger Till Lindemann, was er gerne tut, nach seinem typisch nazideutsch-martialischen Rollen des 'R' die lange Zunge lasziv heraushängen lässt, wird sie von Akerlunds CGI-Experten mit einer dreifach gespaltenen Schlangenzunge übermorpht. Der Sound (Dolby-Surround-Dingsbums-Super-Atmo) ist brillant, und die Fans werden ohnehin begeistert sein - der Film ist in der nächsten Woche auch für drei Tage im Kino zu sehen.

Das letzte Großereignis einer Ära

"Rammstein: Paris" ist das letzte popkulturelle Großereignis in der Ära von Frank Castorf, der seit 25 Jahren über das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz waltet. Der Intendant, der sich gerade mit einer siebenstündigen "Faust"-Inszenierung von seinen vielen Verehrern und wenigen Kritikern verabschiedet hat, wurde nicht zuletzt für sein so furchtlos-riskantes wie emanzipatorisches Spiel mit den politischen Symbolen der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts bekannt.

Die Ästhetisierung der Politik im Nationalsozialismus und im Stalinismus verfaltete und verformte er in eine politische Ästhetik, in der nihilistische Schwärze und utopisches Strahlen ununterscheidbar wurden.

Das war in seinem wie von übermäßigem Kokaingebrauch befeuerten Assoziationsfuror und Größenwahn immer überbordend, oft lästig und manchmal grandios.

Unbedingt toll war, wie in den besten Zeiten der Volksbühne der Castorf'sche Irrsinn und seine Hitze auch in die Bereiche jenseits des Sprechtheaters abstrahlten, in die wochenendlangen Diskurs-Festivals und Diskussionsprogramme, in die Kinoreihen und nicht zuletzt in das popmusikalische Programm, das mindestens in den Nullerjahren ebenso prägend für die Ästhetik des Hauses war wie das Theater.

Hier spielten Throbbing Gristle und Whitehouse, Antony and the Johnsons und Suicide, Current 93, Laibach und Psychic TV - eine radikale, aus den Siebzigerjahren bis in die Gegenwart reichende Avantgarde, von der die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts ebenso reflektiert wurden wie das totalitäre Potenzial der postmodernen Massenmedien, also: die inzwischen jahrhundertalte Verstrickung der Popkultur in die Dialektik von Befreiung und Repression.

Maskulinismus-Chic der "Neuen Deutschen Härte"

Insofern durfte man sehr gespannt sein, welcher Band die Ehre zukommen werde, die Ära des Intendanten zum Abschluss zu bringen; welches popkulturelle Statement dieses Theater seinen vielen Verehrern und wenigen Kritikern am Ende des Castorf'schen Vierteljahrhunderts bieten möchte.

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"Rammstein: Paris": Ruß- und ölverschmierte Herrenmenschen

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Das Statement heißt: Rammstein.

Deshalb darf man vielleicht sagen, dass die Premiere dieses Films an der Volksbühne alles, wofür dieses Haus einstmals zu stehen schien, in mehr als ernüchternder Weise entwertet. Die politisch ambivalente Risiko-Ästhetik der einst hier beheimateten Avantgarde haben Rammstein zum risikolosen Maskulinismus-Chic der "Neuen Deutschen Härte" niedergebügelt und in ein ambivalenzfreies Spektakel verwandelt, das selbst in den gelegentlichen Versuchen, sich ironisch von sich selbst zu distanzieren, sonderbar humorlos und herrisch bleibt.

Da hilft auch nicht, dass sie aus Ostberlin kommen

In der deutschen Geschichte war ja nicht alles schlecht, oder wenn es schlecht war, dann war es doch faszinierend: Die Rammstein-Ästhetik ist die Urszene der Das-wird-man-ja-wohl-man-noch-mal-sagen-dürfen-Einstellung, von der die Björn Höckes des Landes bis heute zehren. Rammstein sind die Urszene von Pegida und AfD - und daran ändert auch nichts, dass sie aus Ostberlin und der Punkszene kommen und sich auf Nachfrage als Linke bezeichnen.

Rammstein an der Volksbühne: Das ist der komplette Konkurs einer einstmals emanzipatorischen Institution, die sich zu ihrem Ende aus falsch verstandenem Trotz gegen den als "neoliberal" diskreditierten Internationalismus des ungeliebten Castorf-Nachfolgers Chris Dercon nun willenlos in die Arme des deutschnationalen Mainstreams wirft.

Alle, die dieses Haus immer noch lieben, können an diesem Tag nicht anders, als sich zu schämen. Immerhin bleibt ihnen und allen anderen die Hoffnung, dass in der kommenden Spielzeit etwas Neues beginnt.


"Rammstein: Paris" läuft am 23., 24. und 25. März in den Kinos

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