Porträt einer kaputten Familie Zigaretten, Fusel, Kakerlaken

In seinem preisgekrönten biografischen Film "Ray & Liz" rekonstruiert Fotograf Richard Billingham seine Kindheit zwischen Armut und Vernachlässigung. Ohne Anklage, aber auch ohne Verklärung - unser Film der Woche.

Rapid Eye Movies

Von Ekkehard Knörer


Eigentlich wollte Richard Billingham Maler werden. Dafür hat er Fotos gemacht, Schnappschüsse eigentlich nur, als Vorlagen, zur Inspiration. Fotos von seinem Vater Ray, einem ziemlich verwahrlosten Alkoholiker, von seiner Mutter Liz, einer übergewichtigen Kettenraucherin, die den Haushalt mit den zwei Kindern Jason und Richard auch nicht in den Griff gekriegt hat.

Mit diesen Fotos, die nicht ohne Empathie, aber auch völlig unsentimental sind, wurde Richard Billingham dann in den Neunzigerjahren vom berühmten Sammler Charles Saatchi entdeckt. Zum Maler wurde Billingham nicht. Dafür begann er sich für das Medium Film zu interessieren.

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"Ray & Liz" von Richard Billingham: Hat mit Nostalgie nichts zu tun

Vor 20 Jahren entstand mit der Videokamera der dokumentarische "fish tank", der das Leben der Eltern und vor allem des Vaters in einem tristen Hochhaus in den englischen Midlands zeigt. Nun aber geht Billingham an die Geschichte seines Lebens noch einmal anders heran.

"Ray & Liz" (preisgekrönt u.a. in Locarno) ist ein Film über seinen Vater und seine Mutter, nun aber als Spielfilm, der eine doppelte Geste vollführt. Einerseits reproduziert er mit großer Genauigkeit und Hingabe an Ausstattungsauthentizität eine vergangene Zeit: vom Kassettenrecorder zu den abgeblätterten Tapeten im Sozialwohnungsbau. Andererseits verfremdet er die eigene Biografie, indem er Schauspielerinnen und Schauspieler an die Stelle der zuvor dokumentarisch festgehaltenen Familie setzt.

Ray ist dabei noch einmal gespalten: den alten Ray spielt Patrick Romer, den jüngeren Justin Salinger; Liz ist Ella Smith - und alle miteinander sehen den Originalen sehr ähnlich. Mit dem alten Ray beginnt und endet der Film. Er allein in seinem Zimmer im Hochhaus, das er nur noch selten verlässt. Gelegentlich kommt ein zauseliger Nachbar mit selbst gebranntem Alkohol in Plastikflaschen vorbei, prüft erst mal, ob Ray nur schläft oder schon tot ist.

Saufen auf der Bettkante

Er lebt, auch wenn es ein Leben nahe am Nullpunkt zu sein scheint, und schüttet, der Nachbar ist weg, mit zitternder Hand das Gebräu ins Glas, aber ganz voll, trinkt, auf der Bettkante sitzend. Und ganz allein ist er ohnehin nicht. Die Kamera fängt nicht nur den Körper des alten Mannes, das Gesicht, die Stoppeln in Close-ups, sondern auch die Fliegen, die im Sommerlicht surren, im körnigen, warmen 16-mm-Material ein.


"Ray & Liz"
UK 2018
Regie und Drehbuch: Richard Billingham
Darsteller: Justin Salinger, Ella Smith, Patrick Romer, James Eeles
Produktion: Jacqui Davies, Severn Screen
Verleih: Rapid Eye Movies
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Start: 9. Mai 2019


Eng ist der Rahmen und bleibt es. Das gilt ganz buchstäblich, denn das 16-mm-Bildfeld ist nur rund ein Drittel breiter als hoch. Es gilt aber auch im übertragenen Sinn. Der Film geht in der Geschichte zurück, aber die Lebensperspektiven der Billinghams gingen noch nie sehr ins Weite. Zunächst wohnen sie noch in einem Häuschen, aber schön ist auch das nicht. Mit vielen Seitenblicken auf Wände, Pflanzen, Tätowierungen, Zigaretten, Katzen und Kakerlaken, herumliegende Dinge schildert Billingham eine finstere Episode. Ein geistig beeinträchtigter Onkel wird von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft auf bösartige Weise betrunken gemacht.

Eine weitere Episode erzählt, wie Richards Bruder Jason einmal die Nacht über wegbleibt, draußen übernachtet und dabei fast erfriert, dann tagelang bei einer anderen Familie unterkommt, was Ray und Liz kaum bemerken. Das Jugendamt bringt ihn daraufhin in seine Obhut. Das alles klingt bitter, und Billingham beschönigt auch nichts. Dennoch führt der sinnliche Hyperrealismus des Films nicht zur Denunziation von Verhältnissen, die als schreckliche in jedem Bild kenntlich werden. Bei aller Liebe zu jedem Detail, im Bild und auf der Tonspur, hat das Heraufbeschwören der Vergangenheit aber auch mit Nostalgie nichts zu tun.

Billingham blickt auf diese Welt, die seine war und längst nicht mehr ist, und auf die Menschen darin, die ihm die Nächsten waren und im Spielfilm nun andere sind, mit einer Intensität, die sich jeder Wertung und Analyse und auch jeder politischen Anklage enthält. Er treibt den Realismus an Grenzen, gerät dabei dank seiner hochsensiblen Aufmerksamkeit für die Nuancen des Lichts und des Klangs nie ins Klischee.

Im Video: Der Trailer von "Ray & Liz"

Rapid Eye Movies

Es ist ein liebender Blick, aber diese Liebe ist nicht auf die Eltern gerichtet, sondern eigentümlich verschoben: auf das schiere Gewesensein von Menschen und Dingen. "Ray & Liz" hält noch das geringste Detail dieses Gewesenen mit aller Kraft fest.



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