Regisseur Andreas Dresen Luft holen, Meisterwerk drehen

Vom Lustschrei bis zum letzten Atemzug: Andreas Dresen geht es stets darum, wie der Mensch Luft holt - beim Sterbedrama "Halt auf freier Strecke" ebenso wie bei der Oper "Figaros Hochzeit". Eine Begegnung mit dem stillen Regie-Star.

Pandora Film

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Mit einem Mal herrscht Stille. Die Sänger auf der Bühne des Neuen Palais in Potsdam und die Musiker im Orchestergraben verharren reglos. Es ist der vierte Akt von Mozarts Oper "Figaros Hochzeit", Regisseur Andreas Dresen sitzt nur wenige Meter von der Bühne entfernt, auf der Kante seines Stuhls, er hat den rechten Arm gehoben, er bewegt ihn nicht. Kein Geräusch, schon gar keines, was er selbst macht, darf diesen kostbaren Moment zerstören. Den Moment, in dem jeder Zuschauer im Saal die Luft anhält und nur noch das Schlagen des eigenen Herzens hört.

Dann hört man ein Atmen, laut und deutlich, es kommt von unten, aus dem Orchester, von dem Fagottisten Sergio Azzolini, der hier gleichzeitig Dirigent ist. Er sitzt inmitten seiner Musiker und gibt ihnen mit seinem Instrument den Einsatz. Man glaubt zu hören, wie die Luft in seine Lungen dringt, dann stößt er sie kraftvoll wieder aus, durchbricht mit dem ersten Ton seines Instruments die Stille. Die anderen Musiker stimmen ein, dann die Sänger, in Sekunden ist der Raum wieder gefüllt mit Mozarts Klängen. Dresen nimmt den Arm herunter und lehnt sich in den Stuhl zurück. Auch ein Kunstwerk muss beatmet werden, um zu leben.

Vermutlich inszeniert nur jemand eine Oper so, der begriffen hat, wie schnell das Leben ausgehaucht sein kann.

Bevor er sich in Potsdam als Opernregisseur versucht hat, drehte Dresen einen Film über den Tod: "Halt auf freier Strecke", der beim Festival in Cannes die Zuschauer zu Tränen rührte und zu Recht als ein Meisterwerk gefeiert wird. Am Donnerstag ist er bundesweit in den Kinos angelaufen. In der letzten Szene dieses Films zeigt Dresen das Bett eines Sterbenden, der an einem Gehirntumor erkrankt ist, und man hört nichts außer seinem Atem. Und man weiß, dass man sehr traurig und sehr erlöst sein wird, wenn mit einem Mal Stille herrscht.

Da steckt Schmerz drin

Dresen, 48, geboren in Gera, ist einer der großen Erzähler des deutschen Films - und einer der großen Realisten. "Nachtgestalten" hieß 1998 sein zweiter Kinofilm (nach "Stilles Land" von 1992), es war irgendwie auch ein Programm. Auch wenn die Nacht zum Tage wurde in seinen weiteren Filmen wie "Halbe Treppe", "Sommer vorm Balkon" oder "Wolke 9", die Titel flunkerten ein wenig, sie lockten den Zuschauer mit dem Versprechen von Sonnenschein ganz schön weit in die Düsternis. Dresens Helden sind Strauchelnde, Torkelnde, vom Alkohol, vom Alter oder einfach vom Alltag Gezeichnete. Dresen begegnet ihnen mit großer Zuneigung, gibt ihnen Wärme, ohne ihnen die Härten des Lebens zu ersparen.

Was will jemand wie er mit Mozarts buntem Liebesreigen "Figaros Hochzeit", was hat er zu suchen in diesem "Rokoko-Gerümpel", wie er den Theatersaal des Neuen Palais ironisch nennt und dann ganz, ganz vorsichtig in den denkmalgeschützten Sitzreihen Platz nimmt? "Ich entdecke in dieser Oper einen großen Gefühlsreichtum", sagt er, "da steckt so viel Schmerz drin! Mozart war so lebensklug, wusste sehr viel über Menschen. Die Sehnsucht, die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Suche nach jemandem, mit dem man zusammensein kann. Lauter Verlorene irren da über die Bühne."

Ende Oktober, wenige Tage vor der Premiere, wirkt er selbst wie ein Verlorener, als er bei der Probe mit auf die Bühne muss, um die Rolle der Gräfin zu übernehmen, denn die Sängerin liegt krank im Bett. Im weißen T-Shirt steht Dresen neben einem Kinderwagen und einem Koffer auf der kargen Bühne. Der Graf, gespielt von Giulio Mastrototaro, schubst die Dresen-Gräfin hin und her, ein kleiner Stoß hier, ein rüder Griff in die Haare dort. Sieht fast so aus, als wäre da noch eine Rechnung offen: Dresen hat Mastrototaro gebeten, sich an der Rampe etwas mehr zu bescheiden. Die große Pose nach der Arie gebe es hier nicht, sagt er.

Letzte Worte? Nein, danke!

"Die Finger nicht so weit ausstrecken", ruft Dresen, nun wieder ganz Regisseur. "Das wirkt viel zu sehr wie in einem Horrorfilm. Besser zur Faust ballen." Das ist oft der erste Schritt bei Dresen, die Klischees herausfiltern, das macht er auch bei seinen Filmen so. Dass danach nicht das pure Leben übrigbleibt, sondern etwas, womit man arbeiten muss, was man in Gestalt bringen muss, weiß er auch. Viele glauben, es wäre alles so einfach, bloß mitten ins Leben eintauchen und mit einem wunderbaren Film wieder auftauchen. Die nennen Dresens Filme authentisch - und verstehen ihn völlig falsch.

Zu den schlimmsten Plattitüden, die je ersonnen wurden, zählt die, das Leben schreibe die besten Geschichten. Nein, das Leben schreibt überhaupt nicht, im besten Fall kritzelt es vor sich hin. Drehbücher kommen dabei nicht heraus, nicht mal einzelne Szenen. Bei den Recherchen zu "Halt auf freier Strecke" trafen Dresen und seine langjährige Co-Autorin Cooky Ziesche auf einen Hinterbliebenen, der ihnen erzählte, was die letzten Worte des Verstorbenen gewesen seien: Quattro stagioni. Er wollte noch eine Pizza bestellen. Sie hätten versucht, daraus eine Szene zu bauen, sagt Dresen, doch es hätte nicht geklappt. Wirkte völlig falsch, ausgedacht.

Was könnten die letzten Worte sein in einem Film, der über hundert Minuten lang Agonie zeigt und sich gegen Hunderte, Tausende Filme stellt, in denen das Sterben skandalös schnell geht und den Figuren druckreife Sätze über die Lippen kommen. "Das Leben ist ... das Leben ist ..." stammelt Frank (Milan Peschel) vor sich hin, doch er bringt den Satz nicht zu Ende. Die Lebensweisheit verreckt auf freier Strecke. "Wir haben extrem lange an dieser Szene gearbeitet", erzählt Dresen. "Dann kamen wir drauf, dass er gar nichts sagt. Wir hatten auch überhaupt keine Ahnung , was er verkünden könnte."

Eine Hymne auf die Familie

Sie haben den Tod eingekreist, umzingelt, um sich ihm zu stellen, Dresen und sein Team. Nach monatelangen Recherchen, bei denen Dresen und Ziesche mit Ärzten, Patienten und Angehörigen gesprochen hatten, trafen sie sich mit den Schauspielern, entwickelten zusammen die Szenen und die Figuren. "Am Anfang", erzählt er, "wussten wir nicht mal, wer stirbt." Dresen macht das oft so bei seinen Filmen, auch "Halbe Treppe" und "Wolke 9" sind auf diese Art entstanden. Es gibt kein Drehbuch, sondern nur akribische Recherchen und die gesammelte Erfahrung des Teams. Daraus entsteht der Film.

Dresen hat einen festen Kreis von Mitarbeitern, die sich bei seinen Projekten immer wieder zusammenfinden: dazu zählen Schauspieler wie Steffi Kühnert, Ursula Werner und Thorsten Merten, der Kameramann Michael Hammon, der Cutter Jörg Hauschild, die Szenenbildnerin Susanne Hopf oder auch die Kostümbildnerin Sabine Greuning. Dass "Halt auf freier Strecke" erzählt, wie sich die Familie von Frank um ihn zusammenschart, seine Frau Simone (Kühnert) und seine beiden Kinder Lilli (Talisa Lilli Lemke) und Mika (Mika Seidel), hängt sicher auch damit zusammen, dass er selbst von einer Familie geschaffen wurde, von der, die Dresen stets aufs Neue um sich versammelt.

Man hätte diese Geschichte auch anders erzählen können: wie der Tumor, der Franks Gehirn zerfrisst, auch die Familie zu zerstören droht, wie sie den Zusammenhalt retten, indem sie Frank eines Tages ins Hospiz bringen, ihn dort bis in den Tod begleiten. Auch diese Version der Geschichte wäre wohl wahrhaftig gewesen. Aber vermutlich hat die monatelange Auseinandersetzung mit dem Tod bei diesem Film Dresens Team noch enger zusammengeschweißt, so eng, dass aus "Halt auf freier Strecke" zwangsläufig eine große Hymne auf die Kraft der Familie werden musste.

Für Menschen, die keine Familie haben, ist dieser Film deshalb ganz besonders hart. Für Menschen wie Dresen also. "Ich habe keine Kinder", sagt er. "Bei diesem Film wurde mir schmerzhaft bewusst, was für ein Lebensdefizit das ist." Im Schneideraum seien ihm oft die Tränen gekommen, erzählt er und schüttelt ungläubig den Kopf. Wie kann das sein bei etwas, was er selbst hergestellt hat? Vielleicht frage er sich insgeheim: Wer hält eigentlich meine Hand, wenn es so weit ist?

So nah - und doch unendlich fern

Wer? Dresen ist ein extrem netter Kerl, netter, als er vielleicht selbst sein möchte, es ist geradezu unmöglich, ihn nicht zu mögen, sehr viele Menschen würden sich ganz gewiss um ihn kümmern, sollte er erkranken. "Ja, natürlich", sagt er. "Sicher." Und dann scheint er schon wieder zu zweifeln. Gebe es in einer richtigen Familie nicht eine archaische Kraft, die es in einer Ersatzfamilie dann vielleicht doch nicht geben könne? Wenige Minuten später sagt er: "Will man eigentlich, dass einem ein Film so nahe geht?" Er meint damit nicht den Zuschauer, sondern sich selbst.

"Halt auf freier Strecke" ist ein Film über die Einsamkeit und den Kampf gegen sie. Filmleute kennen sich damit gut aus. Die Intensität der gemeinsamen Arbeit unter enormem äußeren Druck schweißt das Team zusammen, in der Drehzeit sind die Mitglieder der Crew einander oft näher als ihren Verwandten. Natürlich ist das eine große Illusion. Bei Drehende ist alles vorbei, das ist dann jedesmal ein ganz großes Abschiednehmen, ein kleiner Tod. Davon gibt einem Dresens vorletzter Film "Whisky mit Wodka", der von einem Filmteam erzählt, eine Ahnung.

Dresen hat sich nach diesen kleinen Toden immer wieder in neue Projekte gestürzt, fünf Filme in sechs Jahren, zwei Operninszenierungen, dazu noch Theaterarbeit und die TV-Reihe "20-mal Brandenburg", er liebt es einfach, mit anderen Menschen zu arbeiten. Gemeinschaft kann auch süchtig machen, man kann in sie fliehen. Am Ende von Dresens Mozart-Inszenierung stehen die Figuren alle zusammen auf der Bühne, Rücken an Rücken, ohne sich zu berühren, einander sehr nah und doch unendlich fern.

Das Bewusstsein, dass das Leben sehr kurz ist, sei jetzt permanent da, erzählt er. "Ich versuche, die Dinge, die schön sind, intensiver zu erleben. Denn ich weiß ja nicht, ob ich auf halber Strecke bin oder den Großteil des Weges schon hinter mir habe. Man kann sich der Geschwindigkeit, die ständig an einen herangetragen wird, auch widersetzen." Ein Mann, der weniger Probleme mit Klischees hätte als Dresen, würde jetzt vielleicht Begriffe wie "Burnout" oder "Entschleunigung" in den Mund nehmen.

Aber Dresen sagt: "Jetzt kann auch mal etwas tiefer Atem geholt werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde "Nachtgestalten" als Andreas Dresens erster Kinofilm bezeichnet. Direkt vor diesem 1998 angelaufenen Film arbeitete Dresen hauptsächlich fürs Fernsehen - doch schon 1992 kam sein Spielfilm "Stilles Land" ins Kino. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
neograu 20.11.2011
1. Auch ein Geschichtenerzähler erfindet sich nicht selbst
Eine Begegnung mit dem stillen Regie-Star. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,798352,00.html[/QUOTE] Es ist doch sehr schwer zu glauben, dass dieser Kurzfilm "Die Meinungsumfrage" http://frau-wegner.de/ der geraume Zeit vor dem Film "Wolke Sieben" bereits auf Festivals zu sehen war, nicht als Vorlage für "Wolke Seiben" gedient haben soll. Auch mit Ursula Werner in der Hauptrolle, selber Plott und selber Humor. Ein "grosser Geschichtenerzähler" der Herr Dresen, kann man auch anders verstehen ...
rudi, 20.11.2011
2. ???
Zitat von neograuEine Begegnung mit dem stillen Regie-Star. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,798352,00.html[/QUOTE] Es ist doch sehr schwer zu glauben, dass dieser Kurzfilm "Die Meinungsumfrage" http://frau-wegner.de/ der geraume Zeit vor dem Film "Wolke Sieben" bereits auf Festivals zu sehen war, nicht als Vorlage für "Wolke Seiben" gedient haben soll. Auch mit Ursula Werner in der Hauptrolle, selber Plott und selber Humor. Ein "grosser Geschichtenerzähler" der Herr Dresen, kann man auch anders verstehen ...
Lieber neograu, Es ist mir schleierhaft, wo Sie hier denselben Plot sehen. In Dresens Film geht es um eine Dreiecksgeschichte und um den Sex älterer Menschen. Beides spielt in Frau Wegner gar keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Der Dresen-Film heißt übrigens nicht Wolke sieben, sondern Wolke 9. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Wolke_9
gelbe_zelle 20.11.2011
3. melancholisch und idealistisch
Dresen ein großer Erzähler? Nein, er inszeniert sozialutopischen Biedermeier. Es geht immer um kleinbürgerliches Familienglück, welches von außen bedroht, aber als anzustrebendes Ideal nie in Frage gestellt wird. Es ist fast immer ein Faktor von außen, der sich bösartig in das Idyll drängt, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Kriminelle etc., aber selten sind es individuelle Defizite oder innere Konflikte der Protagonisten. Man stelle Melancholia und Halt auf freier Strecke nebeneinander und man kann den Unterschied zwischen großem Erzählen und brandenburgischen Reihenhauskino erkennen.
neograu 21.11.2011
4. Lieber Rudi
Zitat von rudiLieber neograu, Es ist mir schleierhaft, wo Sie hier denselben Plot sehen. In Dresens Film geht es um eine Dreiecksgeschichte und um den Sex älterer Menschen. Beides spielt in Frau Wegner gar keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Der Dresen-Film heißt übrigens nicht Wolke sieben, sondern Wolke 9. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Wolke_9
Ok der Film heisst "Wolke neun". Der Plot besteht nicht aus Sex älterer Menschen, auch wenn er dort gezeigt wird. Es geht um eine eingefahrene Paarbeziehung aus der Ursula Werner durch Ereignisse, die an sie herangetragen werden, ausbricht und ihren langjährigen Filmpartner schliesslich entschieden verlässt. Selbiges geschieht auch mit Ursula Werner in dem Kurzfilm "Die Meinungsumfrage". Ihr Spiel ähnelt in Stellen dabei sehr "Wolke neun"Es ist durchaus so, dass ich die Filme von Herrn Dresen sehr schätze. Wenn er mit der selben Hauptdarstellerin einen Film dreht, wird er ihr Material aber auch kennen. Jeder Erzähler erfindet nicht das Rad neu. Das er bei einem Langfilm mehr Stoff produziert liegt in der Natur der Sache. Aber es wäre mehr als passend gewesen wenn Herr Dresen zumindest seine Inspirationsquellen an Stellen dankend erwähnen täte. Zumindest könnte er sich das leisten...
zufinden 21.10.2012
5. gelbe Zelle?
Liebe gelbe Zelle, Lars von Triers Filme sind meist außerordentlich gut, die es nicht nötig haben, von Ihnen so verteidigt zu werden. Beide Regisseure haben ganz unterschiedliche Ideen von Filmen. Da stehen sich Science Fiction und Alltagserzahlung gegenüber, können gar nicht verglichen werden. Der einzig mögliche Vergleich: was denkt, fühlt und erlebt der Zuschauer? Dresen ist darin außerordentlich gut.
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